Hohe Tauern : Aufstieg zum König, dem Großglockner

Seine Majestät, der Großglockner, ist Österreichs höchster Gipfel. Unnahbar ist er nicht. Doch ihn zu bezwingen, braucht einiges an Vorbereitung.

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Ganz gemächlich im Haflinger-Treck zum noch fernen Großglockner.
Ganz gemächlich im Haflinger-Treck zum noch fernen Großglockner.Foto: NPHT Oberlohr

Morgens um acht schon ein Schnaps? Nie im Leben! Es sei denn, man ist auf dem Glockner-Treck unterwegs. „Mitgefangen mitgehangen“, prostet es in die Runde. Die Meisten nippen mehr oder minder halbherzig an den Gläsern, die die Wirtin der Glorerhütte auf 2642 Meter Höhe reicht. Der freundliche Unterschlupf im Nationalpark Hohe Tauern ist die erste Station auf dem Weg zum „König Großglockner“. Rund zwei Stunden ist die Gruppe bereits vom Alpengasthaus Lucknerhaus bei Kals bergan gestiegen, fast das Doppelte ist noch zu bewältigen. Da geht’s nicht ohne regelmäßige Pausen. Und für manchen wohl auch nicht ohne entsprechendes Doping.

Im Übrigen geht es beim Glockner-Treck, der seit dem Jahr 2000 an jeweils vier Terminen pro Saison angeboten wird, nicht darum, möglichst schnell den Gipfel zu stürmen. „Zum 200-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung im Jahr 1800 wollten wir ein ganz besonderes Bergerlebnis schaffen“, sagt Peter Ponholzer, Obmann der Kalser Bergführer, der selber schon 500 bis 600 Mal auf Österreichs höchstem Gipfel war. Während der Aufstieg zur Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe auf dem Weg der Erstbesteigung von der Heiligenbluter Seite aus erfolgt, geht es nach der Gipfeltour auf der Normalroute über den Ködnitzkees, die Stüdel- und Lucknerhütte in Richtung Kals hinunter. Dabei ist nicht nur für Essen und Übernachtung gesorgt. Den ersten Abschnitt der Tour begleiten auch Packpferde.

Diese genussvolle Variante hat tatsächlich etwas für sich. Während die Pferde die Rucksäcke samt Bergausrüstung tragen, geht die Gruppe unbeschwert durch blühende Wiesen. Links und rechts Vergissmeinicht, Gelber Hahnenfuß und weiße Berganemonen. Ab und zu blicken ein paar neugierige Kühe vom Gras auf, hier und da rauscht ein Bächlein vorbei oder flitzt ein Murmeltier über die grünen Matten. Die Tour lässt sich so gemütlich an, dass die ersten 800 Höhenmeter mühelos bewältigt werden. Auf der Salmhütte, der ältesten hochalpinen Schutzhütte der Ostalpen auf 2644 Metern, gibt es dann ein frühes Mittagessen.

Nach Backerbsensuppe mit Würstel und einem großen gespritzten Hollersaft müssen anschließend alle selber das Gepäck schultern und zum ersten Mal Gurte und Gamaschen anlegen. Die ersten Schneefelder tauchen über dem Hochenwartkees auf. Es wird steiler, die Sonneneinstrahlung im glitzernden Weiß intensiver. Das fröhliche Geplauder verstummt, jeder konzentriert sich auf seine Schritte. Noch eine kurze Trinkpause, dann werden die Seile angelegt, und wenig später beginnen die ersten Kletterpartien. „Ganz ruhig bleiben“, wiederholt Bergführer Anda fast gebetsmühlenartig, wenn eine schwierige Stelle kommt und passt genau auf, dass jeder Handgriff und Fußtritt sitzt.

Schließlich ist die erste große Hürde, die Hohenwartscharte genommen. Oben angekommen eröffnet sich ein atemberaubendes Panorama. Auf der einen Seite der riesige Talkessel um den Hohenwartkees, auf der anderen Seite liegt tief unten die Pasterze mit dem ewigen Eis. Viel weiter oben, auf der 3454 Meter hohen Adlersruhe, ist das Etappenziel, die Erzherzog-Johann-Hütte zu erkennen. Jetzt heißt es höllisch aufzupassen, um auf dem verschneiten Salmkamp nicht den Halt zu verlieren. Schweigend stapft jeder in die Fußstapfen seines Vorgängers und versucht, sich die Kräfte einzuteilen, bis endlich das Plateau mit der 1880 errichteten Hütte erreichen. „Berg heil“, grüßen ein paar schneidige Burschen, die auf der Terrasse in der Sonne sitzen. Schnell werden die nassen, schweren Stiefel und Gurte abgestreift. Die Luft ist dünn hier oben. Aber der Blick – überwältigend. Und fast genauso beeindruckend ist der Apfelstrudel, den Hüttenwirt Peter Tembler in diesen schwindelnden Höhen serviert. „Nehmt ruhig Sahne dazu“, ermuntert Bergführer Peter. „Das könnt ihr für den Gipfel gebrauchen.“ Gipfel? Die Besteigung war eigentlich erst für den nächsten Morgen geplant. Aber der erfahrene Begleiter hat anders entschieden. „Bei so guter, stabiler Wetterlage gehen wir lieber noch heute. Umso besser werdet ihr schlafen.“ Puhhh! Gewiss, in der Nachmittagssonne scheint der Gipfel zum Greifen nah. Und die letzten 400 Höhenmeter müssen machbar sein.

Stiefel schnüren, Steigeisen nicht vergessen. Ohne die geht’s nicht auf den schneebedeckten Hängen. Die Kräfte schwinden, es wird immer beschwerlicher. Dann die letzte Klippe: Nur ein schmaler Grat verbindet den Klein- mit dem Großglockner. Links und rechts – nichts als Abgrund. Unmöglich! „Nicht nachdenken. Einfach gehen. Jeder schafft es“, sagt Führer Anda im Stil eines Pferdeflüsterers. Widerstand zwecklos. Allen Mut, alle Konzentration zusammennehmen. Geschafft. Jetzt noch ein paar Meter – dann das Gipfelkreuz. 3798 Meter!

Ringsum unzählige Dreitausender. Die Welt reduziert sich auf weiß-schwarz gescheckte Landschaft unter blauem Himmel. Der Alltag ist Lichtjahre entfernt. Schnell ein paar Fotos – und es heißt Platz da für die nächste Seilschaft. Für den Abstieg werden die letzten Reserven mobilisiert. Jetzt nur keinen falschen Schritt tuen. Erst auf der Hütte fällt die Anspannung ab. Die abendlichen Sonnenstrahlen tauchen den Gipfel in goldenes Licht. Ganz harmlos und versöhnlich sieht der Berg jetzt aus. Als sei alles nur ein Kinderspiel gewesen.

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ANREISE

Auto: München–Kals über die Felbertauernstraße, etwa 220 Kilometer

Bahn: Über München–Salzburg–Lienz,

ab Lienz verkehren Postomnibusse nach Kals am Großglockner.

Mit dem Postbus geht es auch von Kitzbühel aus nach Kals.

Nächstgelegene Flughäfen: Klagenfurt und Innsbruck (zirka 190 Kilometer)

GLOCKNER-TRECK
Die diesjährigen Termine für den Glockner-Treck sind der 28./29. Juli, 11./12., 25./26. August und 8./9. September. Normalerweise geht es am ersten Tag vom Alpengasthaus Lucknerhaus zur Erzherzog-Johann-Hütte. Nach der Übernachtung folgen die Gipfelbesteigung und der anschließende Abstieg. Im Preis von 270 Euro sind Übernachtung, Verpflegung, Ausrüstung und Begleitung durch einen geprüften Bergführer inbegriffen. Auch individuelle Touren mit Führer sind möglich. Auskunft: Telefon 00 43 / 48 76 / 82 63, Internet: www.glocknerfuehrer.at

Unbedingt erforderlich am Berg sind eine gute Kondition, Bergerfahrung und Schwindelfreiheit.

Wer sich die Gipfelbesteigung nicht zutraut, kann den Berg auch auf der sogenannten Glockner-Runde in zirka sieben, nicht geführten Tagesetappen umkreisen (bis 15. September, mit Halbpension ab 330 Euro).

AUSKUNFT

Nähere Einzelheiten, auch über die Möglichkeiten der Unterkunft, gibt es beim Nationalpark Hohe Tauern, Telefon: 00 43 / 48 75 / 16 10, Internet:

www.hohetauern.at

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