Burgentour : Gespenster auf Bestellung

Auf den Spuren des Deutschen Ordens: eine Burgentour durch Polen.

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Mauern, Zinnen und Türme, so weit das Auge reicht. Die Marienburg gehört seit 1997 zum Weltkulturerbe der Unesco.
Mauern, Zinnen und Türme, so weit das Auge reicht. Die Marienburg gehört seit 1997 zum Weltkulturerbe der Unesco.Foto: Hella Kaiser

Die Szenerie ist zum Malen schön: Behäbig strömt die Weichsel durch ihr breites, anmutig gewundenes Bett durch eine grüne Landschaft. Geräuschlos gleitet der Fluss an Gniew, dem früheren Mewe, vorüber und lässt den 7000-Einwohner-Ort links liegen. Dabei hat Gniew durchaus Beachtung verdient: Den quadratischen Marktplatz säumen gotische Bürgerhäuser, hier und da sind noch die einst typischen Laubengänge erhalten. Aber deshalb kommen die Touristen nicht ins Untere Weichseltal. Alle wollen nur zur Burg.

Schon von Weitem kann man ihre schlanken Ecktürme und den trutzigen Wehrturm sehen. So war ihre Silhouette wohl auch gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als der Deutsche Orden sie als Stützpunkt gebaut hatte. Nur eine Adresse im Netzwerk von rund 120 Burgen, mit denen die Rittermönche ihre eroberten Gebiete überzogen. Von Burg zu Burg war es jeweils nur ein Tagesritt. Ende des 14. Jahrhunderts umfasste der Deutschordensstaat ein Gebiet von rund 200 000 Quadratkilometern. Die Schlacht von Tannenberg (1410) leitete den Niedergang der kriegerischen Heilsbringer ein.

1464 wurde die Burg Mewe von den Polen erobert, zwei Jahrhunderte später von den Schweden eingenommen und nach neuerlichem Krieg Sitz von Jan Sobieski, dem späteren König Jan III. Nach der ersten Teilung Polens 1772 lag die Burg innerhalb der Grenzen Preußens. Die Preußen richteten eine Kaserne ein, zerstörten dabei die gotischen Gewölbe und Kreuzgänge, veränderten das Innere und rissen den mächtigen Dansker, den Abortturm, ab. Später wurde die Burg als Gefängnis genutzt. Nach einem verheerenden Brand 1921 blieb nur noch der Südflügel erhalten. Erst 1967 entschloss man sich zur Rekonstruktion, die nur allmählich vorankam. 2010 kaufte ein polnisches Milchunternehmen die Festung und steckte nach eigenen Angaben bis heute rund zehn Millionen Euro in die Restaurierung.

Die lange Geschichte in Kwidzyn

Als „lebendige Burg“ wird das Gemäuer nun beworben und präsentiert sich innerhalb der Backsteinhüllen nahezu ohne Patina, passend für alle möglichen Events. Es sei, so heißt es in einem Werbeflyer, „der einzige Ort in Polen, wo man Gespenster treffen kann“. In Schlosshof (mit Fußbodenheizung!), Refektorium und diversen Sälen existieren „perfekt harmonisierte Beschallungsanlagen“, Ritterturniere und Schlachten werden inszeniert. Zwei Hotels auf dem Gelände, ein neues im Backsteinstil – eins im restaurierten Landschlösschen aus dem 17. Jahrhundert – bringen viele Gäste unter.

Nur 25 Kilometer südöstlich in Kwidzyn, dem früheren Marienwerder, taucht der Besucher besser in die lange Geschichte ein. 1234 hatten die Ordensritter den Ort erobert und eine Burg der Prußen, einem baltischen Volksstamm, erobert. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde die Burg zum befestigten Bischofssitz ausgebaut. Hier blieb der Dansker erhalten und thront 55 Meter hoch über dem Flüsschen Liwa (Liebe). Ein ellenlanger Korridor führt zu dem einstigen Toilettenturm. Der Gang dient zugleich als spannendes Museum für diverse Funde in Burg und Umgebung. Auch Handwerksgeräte jener holländischen Friesen sind zu sehen, die vor der Reformation geflüchtet waren und sich im 16. Jahrhundert hier ansiedelten.

Wem nach diesen beiden Backsteinbollwerken schon der Kopf schwirrt, könnte vor Malbork, der Marienburg, leicht kapitulieren. Denn was sich da an einer Biegung der Nogat ausbreitet, ist ein gigantischer Komplex. Auf der Flussbrücke stehend glaubt man seinen Augen kaum zu trauen. Mauern, Türme und Zinnen scheinen kein Ende zu nehmen. Es soll die größte aus Backsteinen erbaute gotische Burg der Welt sein. Eine Burg? Der mehr als 20 Hektar große Komplex besteht gleich aus drei Burgen. Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts begannen die Arbeiten an einer rechtwinkligen Anlage, die den klösterlichen Prinzipien folgte. 1309 wurde die Marienburg Sitz der Hochmeister des Deutschen Ordens – und immer weiter ausgebaut. Hochschloss und Mittelschloss kamen hinzu, zu denen man jeweils durch zahlreiche Tore gelangt.

Inmitten dieses Komplexes kann man sich – wieder – verlieren. Denn viel von der ursprünglichen Bausubstanz ging über die Jahrhunderte verloren oder wurde stark verändert. Bis 1772 blieb die Burg in ihrer Grundstruktur erhalten. Dann rückten die Truppen Friedrichs des Großen ein. Das Militär riss die gotischen Gewölbe im Hochschloss ein. Der große Remter, der Speisesaal, wurde in einen Exerzierplatz verwandelt, in den Ostflügel kamen Wohnungen für Offiziere. Erst 1804 beendete ein Edikt des preußischen Königs den Frevel. Die Burg wurde peu à peu restauriert, zunächst im Sinne der romantischen Vorstellungen jener Zeit.

Man braucht Muße für die Marienburg

Kaiser Wilhelm II., mit großem Interesse am Fortschritt der Restaurierungen, soll bald 30 Mal auf der Marienburg gewesen sein. Die Menükarte für seine Frühstückstafel, am 5. Juni 1902, ist erhalten. Aufgetischt wurden Kaisersuppe, Steinbutt auf holländische Art, Schinkenauflauf mit Edelpilzen und Straßburger Pudding. Später nutzen die Nazis die Marienburg für Aufmärsche und Feiern. Es gab sogar Pläne für den Neubau einer „NS-Ordensburg“ nordöstlich der historischen Anlage. Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Burg zur Festung erklärt, um der nahenden russischen Armee zu trotzen. Es nützte nichts.

60 Prozent der Burg wurden zerstört. Die Marienkirche versank 1945 in Schutt und Asche, nur der Heilige Johannes, eine mannshohe Statue aus Holz blieb nahezu unbeschadet. Wie ein Mahnmal steht er heute an der wiederaufgebauten Backsteinwand. Anstelle der zerstörten Sternendecke schützen Bretter das Gewölbe, in dem, wie verloren, ein runder Kalkstein mit Madonna und dem Jesuskind liegt. Wie anrührend ist dieser verwundete Ort. Lasst ihn wie er ist, möchte man den Restauratoren zurufen, doch schon sind sie im Anmarsch. „Auch die acht Meter hohe zerstörte Marienstatue wollen wir wieder anfertigen“, sagt die Burgführerin zufrieden. Wenn genügend Spenden zusammengekommen sind, soll das große Kunstwerk mit den Glasmosaiken wieder am ursprünglichen Platz an der Ostfassade prunken.

Wer die Burg in Stille genießen will, nutzt die Vorsaison. Schlendert vielleicht über die schattige Westterrasse und staunt über die gewaltigen Wurzeln eines Efeus, die sich am historischen Mauerwerk festklammern, bleibt stehen vor verwitterten Grabsteinen. Im Klostergarten der Südterrasse dagegen ranken Weinreben, Kräuter haben viel Platz. Die meisten Touristen, eine halbe Million pro Jahr sollen es sein auf der Marienburg, haben kaum Zeit für solche Spaziergänge. Zu viele Säle, die durchschritten werden müssen, zu viele Statuen und Wandmalereien, die besichtigt werden wollen, dazu Konventküche, Klosterzellen, Ordensmeistergemächer, Schlafsäle, Sommer- und Winterremter. Man braucht Muße für die Marienburg – und für ganz Pomerellen. Seite für Seite kann man dann staunend aufblättern, im dicken Wälzer der 800-jährigen Geschichte.

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