La Palma : Alle Vögel sind schon da

Seit langem ist die Kanareninsel La Palma ein Biosphärenreservat. Wer hier unterwegs ist, kann schönsten Konzerten lauschen – ohne zu bezahlen.

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Ganz schön stachelig. Auch für Familien mit kleineren Kindern sind Wandertouren auf La Palma gut machbar. Und in der Natur gibt es...Foto: Picture-Alliance

Dieter Bohlen hätte die Qual der Wahl: Dem entzückenden Kicher-Song „Gilliiia-gilliii“ folgt ein keckes „Tcher-tcher- tcher“. Darauf ertönt das Schmuselied „Hu-uh-hu-uh“. Wären nur die Kandidaten nicht so schüchtern! Sie zeigen sich selten, verstecken sich lieber hinter einem dicken, grünen Vorhang aus baumhohen Farnen und Schlingpflanzen. Nur die Piepmätze der Blaufinkband hüpfen mutig auf den Wanderweg, picken nach Insekten und trällern nebenbei ihr „Chirivii“, als ginge es darum, ein Star zu werden. Doch sobald sich jemand mit einem Fotoapparat nähert, flüchtet der Chor ins Gebüsch.

In den Nebelwäldern von La Palma singen 43 Vogelarten unzählige bezaubernde Melodien. Viele von ihnen kommen nur hier vor. Hinzu kommt das Orchester der Zugvögel, die auf der nordwestlichsten Insel der Kanaren auf dem Weg in den Süden Pause machen. Im Lorbeerwald Los Tilos singen sie besonders schön. Dort gibt es ganz eigene kanarische Versionen der Mönchsgrasmücke, der Blaumeise und der Nachtigall. Auch die seltene Lorbeertaube ist hier zu Hause – und natürlich der Vorfahr des Kanarienvogels: der wilde Kanariengirlitz.

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Am Wegesrand wuchern Pflanzen, die in Europa schon vor Millionen Jahren ausgestorben sind. In Los Tilos findet man allein 18 verschiedene Lorbeerarten. Einer ist der Stinklorbeer „Til“, der dem Wald seinen Namen gab. Er hat harte Blätter und dicke Warzen, die mit zunehmendem Alter größer werden und sich auf seinem Stamm als hässliche Beulen zeigen. Seine Blätter müffeln, wenn man sie mit dem Fingernagel anpiekst, und das frisch geschlagene Holz soll sogar stinken. Doch niemand darf einfach Bäume fällen oder Lorbeer zupfen, denn der Wald wurde 1983 zum ersten Biosphärenreservat auf den Kanarischen Inseln erklärt. 2002 dehnte die Unesco den Schutz auf die ganze Insel aus.

Oft wird La Palma verwechselt: entweder mit der Hauptstadt der Nachbarinsel Gran Canaria (Las Palmas) oder mit der Hauptstadt Mallorcas (Palma de Mallorca). Dabei hat das Vogelparadies kaum Gemeinsamkeiten mit den Namensschwestern – vom ausgeglichenen Klima einmal abgesehen. An den wenigen Stränden liegt grauschwarzer Sand, und oft peitschen die Wellen so hoch ans Ufer, dass das Baden im Meer, trotz vorgebauter Wellenbrecher, gefährlich ist. Doch wer hier Urlaub macht, will nicht tagelang am Strand liegen. Er will die märchenhaften Nebelwälder erkunden, die Delfine vor der Westküste beobachten und auf einen der Vulkane klettern. La Palma ist die Kanarierin mit der höchsten vulkanischen Aktivität. Der jüngste Vulkan Teneguia brach zuletzt 1971 aus. An einigen Stellen ist die Erde noch warm. Eine herrliche Wandertour führt auf der „Route de los volcanos“ durch Kiefernwälder und Lavafelder vom Refugio El Pilar über 19 Kilometer bis hinunter an den Südzipfel der Insel.

Das grüne Herz ist die Caldera de Taburiente. Der größte durch Erosion entstandene Krater der Welt hat einen Durchmesser von acht Kilometern, seine Wände sind sechsmal so hoch wie der Eiffelturm. Im Innern sprießen Kiefern und Kaktusfeigen, Weiden und Wacholder, irgendwo plätschert ein Wasserfall.

Mittendrin ragt der Roque Idafe wie ein Zeigefinger hervor. Die einhundert Meter hohe Felsnadel wurde früher von den Einheimischen als heiliges Symbol verehrt. Eine Wanderung von der Westseite in die Schlucht will gut geplant sein. Unterwegs gibt es keine Hütten und den einzigen Campingplatz erreicht man erst nach vier Stunden. Je nach Wasserstand hüpft man unzählige Male über das Bachbett. Wer das nicht mag, der kann von oben aus den Blick auf das Naturschutzgebiet riskieren.

Wie eine Schlange windet sich die Straße am Berg der Caldera zum höchsten Gipfel, dem 2426 Meter hohen Roque de los Muchachos. An diesem Tag regiert hier oben der Passatwind. Er zerrt an Haaren und Jacke und treibt die Besucher über zerklüftete Lavabrocken und vertrockneten Drüsenginster. Auf dem Mond kann es nicht viel anders aussehen. Unterhalb des Gipfels stellen drei haushohe Hohlspiegel die Welt auf den Kopf. Daneben blitzen silberne und weiße Kuppeldächer, als hätten außerirdische Gäste ihre Flugschalen dort geparkt. Aber nein, während Teneriffa die Sonne erforscht, beobachtet La Palma die Sterne. Die Kuppelbauten gehören zu einem der wichtigsten Observatorien der Welt. 13 Länder sind hier vertreten. Damit die Atmosphäre rein bleibt, gibt es am Gipfel keinen Fernsehturm, keinen Radiosender, Flugzeuge dürfen nur zu bestimmten Zeiten darüber fliegen und wegen der zunehmenden Lichtverschmutzung ließ die spanische Regierung die Straßenlaternen auf La Palma erneuern.

Die Grajas dürfen am sauberen Himmel kreisen. Diese La-Palma-Variante der Bergdohle ist viel schicker als ihre Cousine in den Alpen. Zu ihrem pechschwarzen Federkleid trägt sie einen knallroten Schnabel. Sie flötet fast wie ein Zilpzalp. Als ein paar von ihnen am Parkplatz posieren, sind zwei Wanderer so fasziniert, dass sie ihre angekauten Butterbrote aufs Autodach werfen und im Rucksack nach dem Fotoapparat kramen. Die Gelegenheit lässt sich König Kolkrabe nicht entgehen. Wie eine Rakete schießt der größte aller Singvögel vom Himmel, fährt seine Krallen aus und landet auf dem Kleinwagen. Er pickt ins Brot und zieht einen Leberwurstklumpen heraus, der ihm sichtlich schmeckt. Mühsam quetscht er die dicke Stulle in seinen Schnabel und fliegt davon: „Krah, krah, krah“ – er muss noch viel üben für den Superstar.

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