Frankreich : Baguette beim Schleusenwärter

Der Canal du Midi wurde im 17. Jahrhundert gebaut. Ein technischer Triumph. Heute gehört er zum Weltkulturerbe – und begeistert Freizeitkapitäne.

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BerlinDie Nebel über dem Wasser lichten sich. Aus den milchigen Schwaden am Ufer schält sich das Schleusenwärterhäuschen der Écluse de Argon, der Schleuse von Argon. Vor dem Schiffslift hat der Schleusenwärter ein paar Regale aufgestellt und bietet darauf hausgemachte Marmelade, geräucherten Schinken, knackige Baguettes und jungen Landwein an. Schlurfend kommt er auf uns zu, murmelt ein fast unverständliches „Bonjour“ und wartet, bis wir die Leinen unseres Hausboots um die Poller gelegt haben. Dann schließt er die Sperrtore. Gluckernd füllt sich das Becken mit Wasser.

Unser Abenteuer Canal du Midi hat im Grunde schon in Montpellier begonnen. Von der quirligen Universitätsstadt an der französischen Mittelmeerküste aus nehmen wir zunächst den Schnellzug nach Carcassonne. Stefan, unser Filius, hatte irgendwo von der bilderbuchschönen Festungsanlage des Städtchens gelesen. Klar, nun will er sie in natura sehen. Als Walt Disney einst Carcassonne besuchte, war er von dieser mittelalterlichen Festungsstadt derart begeistert, dass er sie als Vorlage für seinen Film „Schneewittchen“ nahm.

Tatsächlich zeigt sich Carcassonne mit seinen schmalen Gassen dem Besucher heute so, wie der sich eine mittelalterliche Festung vorstellt. Klar, dass sich Stefan gar nicht von den Mauern und Türmen dieser zum Weltkulturerbe zählenden Kulisse losreißen will. Doch unser Hausboot wartet, und das Versprechen, er dürfe auch mal ans Steuer, beschleunigt schließlich den Rückzug.

Dann liegt sie vor uns: eine 10,20 Meter lange Penichette, zwei Kabinen, zwei Nasszellen, Kombüse, Sonnendeck – was will man mehr? Die Einweisung ist kurz, aber ausreichend. Es kann losgehen.

Der Kanal führt zunächst durch ein Potpourri von Wiesen und Feldern. Wir passieren schmucklose Dörfchen, ducken uns unter Bogenbrückchen, tuckern parallel zu Platanen-, Pappel- und Zypressenalleen. Nach acht Flusskilometern bringen wir es auch mühelos fertig, am Anleger des Château de Ventenac – einer der vielen „Geheimtipps“, die wir von Freunden mit auf den Weg bekommen hatten – beizudrehen und das Schiff zu vertäuen.

„Bienvenue, herzlich Willkommen im Weinkeller unserer Winzer-Kooperative“, begrüßt uns Agnes am Eingang und kommt gleich zur Sache: „Möchten Sie unseren Rouge 1999 probieren?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, gießt sie den prämierten Tropfen in ein Glas. „Pas de problème – kein Problem. Der Kanal kennt keine Null-Komma-fünf-Promille- Grenze.“ Na dann, santé! Der Kapitän hebt natürlich nur ein Gläschen.

Nächster Zwischenstopp ist Le Somail. Das Wahrzeichen dieses verschlafenen Irgendwo im Nirgendwo bei Kanalkilometer 166 ist eine römische Bogenbrücke. Backbord, also links, liegt ein holländischer Kanalfrachter Baujahr 1928 und versorgt uns Freizeitkapitäne mit Ess- und Trinkbarem. Nur einen Steinwurf weiter hatte einst der Zufall den Pariser Buchhändler Raymond Gourgues an Land gespült. Sein Lebenswerk von weit mehr als 50 000 gesammelten Büchern wurde fein säuberlich in einer Scheune archiviert. Wir gehen stöbern – und staunen. Über zerfledderte Kitschromane, jedoch auch über den „Kleinen Prinz“, Ausgabe 1950, und über Voltaires „Lettres Chinoises“, Jahrgang 1776. Da gäbe es viel zu kaufen, was daheim im Bücherregal Eindruck schinden könnte.

Natürlich gibt es auch Lesenswertes über den Canal du Midi. Als Brückenschlag zwischen Atlantik und Mittelmeer – schon zu Römerzeiten eine Vision – begann Pierre-Paul Riquet Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem Kanalbau. Bis zu 12 000 Arbeiter wühlten, schaufelten und gruben 14 Jahre lang. Dann wurde der 241 Kilometer lange Triumph der Technik 1681 von Sonnenkönig Ludwig XIV. höchstselbst eingeweiht.

Mit dem Kanal verkürzte sich der Seeweg von Sète am Mittelmeer zur Küste vor Bordeaux von rund 3000 auf knapp 500 Kilometer. 150 Jahre später schickte Stephensons Dampflok die Berufsschiffer des Kanals allerdings aufs Abstellgleis. Seit vielen Jahren nun ist der Canal du Midi eine herrliche Fahrrinne für Freizeitkapitäne. Und damit niemand auf die Idee kommt, dieses Revier zu vernachlässigen, wacht seit 1996 die Unesco über dieses Stück Weltkulturerbe.

Nur ein paar Schraubendrehungen hinter der Schleusentreppe Foncérannes – in sechs aufeinanderfolgenden Liliput- Schleusen geht es je nach Fahrtrichtung 13,60 Meter auf- oder abwärts – tuckert der Freizeitkapitän über die Pont-Canal auf die mittelalterliche Silhouette von Béziers zu. Wenn in Frankreich die Rede auf Béziers kommt, denken die Franzosen spontan an ein Massaker.

Auf einem Plateau symbolisiert die Kathedrale St. Nazaire die dunkelsten Kapitel der Stadtchronik. Vor gut 900 Jahren hatte sich die Glaubensbewegung der Katharer gegen den Protz und den Prunk der katholischen Kirche erhoben. Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte, stand am 22. Juli 1209 ein Kreuzritterheer vor den Toren Béziers und forderte die Auslieferung von 223 namentlich bekannten Ketzern. Die Stadt weigerte sich, wurde gestürmt, und die gesamte Bevölkerung wurde getötet. Im Namen des wahren Glaubens ging auch die Kathedrale in Flammen auf.

Carcassonne kam drei Wochen später vergleichsweise glimpflich davon. Die Einwohner ergaben sich ihrem Schicksal. Die Festung verfiel dann im Laufe der Jahrhunderte und wurde von den Baumeistern der Romantik schließlich als eine Art Fantasieburg mit nationalem Denkmalsanspruch zu neuem Leben erweckt.

30 Kanalkilometer hinter den Bürgerpalästen, Jahrhundertwende-Cafés, Märkten, verwinkelten Gassen und Prunkalleen Béziers ändert sich die Landschaft. Die schattigen Baumalleen mit ihren Treidelpfaden weichen, eine horizontlose, sonnendurchflutete Weite tut sich auf. In einem virtuosen Mix aus Tümpeln und Teichen, Weihern und Seen geben sich Möwen, Reiher und sogar Flamingos ein Stelldichein.

Hinter dem Leuchtturm von Onglous mündet der Canal du Midi in den Étang de Thau. Es folgt ein gut 20 Kilometer langer und im Schnitt sieben Kilometer breiter Lagunenabschnitt – gerade richtig, um auch mal den „Schiffsjungen“ ans Ruder zu lassen. Stolz wie Oskar steht der Neunjährige am Steuer, grüßt Segelboote, winkt Fischerkuttern zu und gibt das Ruder vor der Hafeneinfahrt von Marseillan wieder artig ab – nicht ohne den Hinweis: „Aber ordentlich anlegen.“

Marseillan ist eine verträumte Hommage an Sonne, Fischfang und Meer. Mit adrettem Ortskern, hübsch angelegter Marina, zünftigen Hafenkneipen – und dem Stammsitz des Wermut-Herstellers Noilly Prat. Nach eingehender Besichtigung der mehr als 190 Jahre alten Traditionskellerei – Kenner schwören, dass ihr Vin d’ apéritif zu den Besten seiner Art gehört – wird der nächste Tag geplant: Nach Sète soll es gehen, der Mittelmeerhafenstadt am anderen Ende des Étan de Thau.

Wir haben noch nicht angelegt, da ist bereits klar: Dort müssen wir hinauf! Der 183 Meter hohe Stadthügel Mont St. Clair dominiert das Bild und lässt Besuchern eigentlich keine Wahl. Und tatsächlich werden wir mit einem tollen Blick über die 45 000-Einwohner-Stadt und das Mittelmeer belohnt. Direkt unter uns ist das historische Zentrum. Die unzähligen Bars und Straßencafés werden wir erst später entdecken. Kann man irgendwo sonst die Beschaulichkeit mediterranen Seins so schön genießen?

Wenige Bootslängen vom alten Fischereiviertel entfernt signalisiert der Canal du Rhône unseren letzten Urlaubstag. Wir sind auf dem Weg nach Lattes, der Basis unseres Hausbootvermieters. Es bleibt noch ein wenig Zeit für Montpellier. Ein Triumphbogen, ein skurriles Anatomie-Museum und in der größten Fußgängerzone Frankreichs neben reichlich Jahrhundertwende-Architektur Parks und Skateboard-Sprungschanzen. Mama lässt sich von Preisen der Haute-Couture-Geschäfte rund um die Place de la Comédie erschrecken. Vater und Sohn fahren ins 30 Taximinuten entfernte Aigues-Mortes. Ein ist massiges Viereck aus Mauern und Türmen. Zwar ohne Hollywood-Ehren wie Carcassonne, aber einst der Militärhafen von König Ludwig IX. im Kampf gegen die Ungläubigen im heiligen Land. Das ist über 750 Jahre her. Statt bewaffneter Kreuzritter prägen heute jedoch Heerscharen von Touristen das Bild.

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