Reise : Gruß am Pool

Wie sich die Umgangsformen auf Reisen ändern.

Früher war bekanntlich alles anders und zwar besser. An diese These muss zwangsläufig denken, wer den Umgang von Reisenden mit anderen Reisenden beobachtet. Da ist zum Beispiel das Grüßen. Auch heute ist es noch weitgehend üblich, dass sich Wanderer im Wald mit „Grüß Gott“ begegnen oder einen „Guten Tag“ wünschen. Mutmaßlicher Grund: Im Wald wird wohl vermutet, dass man da – anders als auf der Straße – Gleichgesinnten begegnet. Früher war es in familiären Ferienhotels, vor allem solchen mit hoher Stammgastquote, gang und gäbe, sich bei der Begegnung im Hotel einen Gruß zu entbieten. Je größer und anonymer die Hotels werden, desto mehr kommt der Gruß aus der Mode.

Ein Herr grüßt auf dem Gartenweg eines Hotels eine entgegenkommende Dame: „Guten Morgen!“ Die Dame schreckt zusammen und fragt: „Müssen wir uns kennen?“ So ändern sich die Zeiten. Die meisten begrüßten Mitreisenden sind jedoch angenehm überrascht. Oft ist ein kleiner Plausch die Folge.

In einem Hotel mit 1000 Gästen kann man vielleicht nicht jeden grüßen. Wer es dennoch tut, gerät leicht in den Verdacht einer Anmache. Siehe oben: Muss ich Sie kennen? Wer in einem Riesenwohnhaus lebt, kennt oft nicht einmal die Leute vom selben Flur. So ist es auch in großen Hotels, wo viele Gäste bewusst anonym bleiben wollen.

Die Einstellung zum Grüßen von wildfremden Menschen ist von Land zu Land anders. So wird derjenige, der in ein britisches Zugabteil einsteigt und grüßt, sofort als „vom Kontinent“ oder sogar als „typisch Deutscher“ angesehen.

Heute sind die Herrschaften der alten deutschen Benimmschule daran zu erkennen, dass sie beim Betreten eines Aufzugs den Hut abnehmen und zumindest grüßend nicken. Und dass sie im Speisesaal zu den Nachbartischen grüßen. Und am Pool oder am Strand zu den Nachbarliegen. Und beim Entern eines Barhockers die Nachbarn rechts und links.

Die guten Benimm-Sitten sind auch im Speisesaal ins Rutschen geraten. All inclusive mag große Vorteile haben, aber es gibt auch unübersehbare Nachteile. Wo All inclusive, was die Regel ist, mit Selbstbedienung am Büfett einhergeht, ist oft – sogar in „vornehmen“ Hotels – eine rabiate Drängelei zu beobachten. Als wäre zu befürchten, dass gleich alles ratzekahl leer sei.

Der Nahkampf am kalten oder warmen Buffet hat auch die Kleidung beeinflusst. Wo bereits zu ahnen ist, dass der feine Zwirn im Eifer des Gefechts einen Klecks Kartoffelsalat abbekommt, wählt man lieber die unempfindlichere Jeans. Wenn man nicht gleich die Angriffsflächen drastisch reduziert, indem man Shorts und Achselhemd zum Dinner trägt. Viele Hotels schreiben inzwischen in Kleiderordnungen lange Hose und Hemd zum Abendessen vor. Doch selten besteht das Personal auf Einhaltung der Regel. dpa

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