Reise : In die Falle getappt

16 Luchse leben im Bayerischen Wald. Mit neuen Methoden werden die scheuen Tiere erforscht

Sabine Dobel
Geortet. Horst Burghart entdeckt mit einer Antenne einen Luchs im Bayerischer Wald. Foto: dpa
Geortet. Horst Burghart entdeckt mit einer Antenne einen Luchs im Bayerischer Wald.Foto: dpa

Tessa ist ganz nah. Über dem Bach, keine hundert Meter entfernt, streift das Luchsweibchen durch das dichte Grün des Nationalparks Bayerischer Wald. Horst Burghart hat sie mit seiner mobilen Antenne geortet. Tessa trägt ein mit Ortungsgerät und Minisender ausgerüstetes Halsband, von dem der Luchsforscher jetzt die Daten herunterlädt. Sehen wird er Tessa auch diesmal nicht: Sie lebt im Verborgenen, genau wie die anderen Luchse.

Meist finden die Mitarbeiter des Luchsforschungsprojekts nur Spuren, Kot oder Überreste von Mahlzeiten: gerissene Rehe, Hasen und Rothirsche. Insgesamt 16 Raubkatzen leben derzeit im Nationalpark Bayerischer Wald und im angrenzenden tschechischen Park Sumava. Es ist neben dem Harz die größte Population an Luchsen in Deutschlands.

Wie ihre Schützlinge aussehen, wissen die Mitarbeiter der beiden Nationalparks und des WWF Deutschland, der das Forschungsprojekt unterstützt, nur durch Fotofallen im Wald. Informationen über ihre Streifzüge erhalten sie zudem teils über SMS – Tessa hat dafür ebenso wie vier weitere besenderte Luchse sogar eine eigene Telefonnummer bei der Deutschen Telekom.

Zusätzliche Daten können die Forscher direkt vom Halsband herunterladen, wenn sie nahe genug an die Tiere herankommen – wie gerade eben Burghart an Tessa. Angestrengt hält er die Antenne in Richtung Dickicht – das Gerät ist schwer, und es dauert Minuten, bis das Display endlich anzeigt: „All data has been saved.“ Als erster Luchs weltweit bekam Milan zum Start des Projekts 2005 ein Halsband mit Telefonanschluss verpasst. Liebeshunger trieb den heute zehnjährigen Luchs damals den Forschern zu. Sehnsüchtig sprang er während der Paarungszeit in ein am Nationalpark gelegenes Luchs-Gehege zu seiner Luchs-Dame – und schaffte es nicht mehr hinaus. Bevor die Luchsforscher ihn in die Freiheit entließen, legten sie ihm das rund 3500 Euro teure Band um.

Mit Hilfe der Sender, aber auch anhand der Bilder aus den seit 2009 aufgestellten 60 Foto-Fallen mit je zwei Kameras erfahren die Mitarbeiter des Pilotprojekts Einzelheiten über das Leben der Wildtiere. Aus den Daten können die Forscher dann etwa Fressgewohnheiten oder das Verhalten bei der Aufzucht der Jungen rekonstruieren sowie Wanderrouten und Ruheplätze erkennen.

Tessa, Milan und die anderen bevorzugen beispielsweise Südwestlagen – auch Luchse lieben es sonnig. „Im Südwesten, wo es am Abend noch warm ist, da taugt's ihnen“, sagt Burghart. Dass sie manchmal in der Nähe von Ortschaften im Wald herumstreifen, hätten er und seine Kollegen ohne die GPS-Ortung niemals geglaubt.

Anders als in Oberbayern, wo ein eingewanderter Wolf Eltern in Angst um ihre Kinder versetzte und Bauern wegen der gerissenen Schafe in Rage brachte, sind die Anwohner im Bayerischen Wald stolz auf „ihre“ Luchse, die man ab und zu schreien höre. Trotzdem fürchtet sich keiner“, berichtet Heidi Kraus-Mühlbauer aus Bayrisch Eisenstein, Mutter eines achtjährigen Sohnes und einer 14-jährigen Tochter. Gemeinsam mit Schule und Gemeinde haben Eltern einen Luchsparcours eingerichtet, auf dem Kinder spielerisch Einzelheiten über die Raubkatze erfahren.

Nur ein einziges Mal hat Kraus-Mühlbauer selbst einen Luchs gesehen: Im tiefen Winter strich er bei Vollmond durch den Garten, vermutlich hatte er es auf Hühner im Stall abgesehen, doch die waren sicher eingesperrt. „Das war einmalig – einen Luchs sieht man eigentlich nicht.“ Das Tier lebt sehr unauffällig, es ist ein Einzelgänger. „Der Luchs hat ein ganz anderes Verhalten als der Wolf“, erläutert Nationalpark-Sprecherin und Agrarbiologin Stephanie Jaeger. Mit seinen Pinselohren, dem Stummelschwanz und den großen, flauschigen Tatzen wirkt er viel sympathischer als der Wolf. „Es gibt keinen Rotkäppcheneffekt – und es heißt ja auch nicht: Der Luchs und die sieben Geißlein“, sagt Jaeger.

Dabei wird der Luchs auch großen Tieren gefährlich, jagt sogar ausgewachsene Hirschkühe. Er verdrückt im Jahr bis zu 50 Rehe. Deshalb haben die Luchsforscher auch Dutzende Rehe besendert. „Wir wollen sehen: Was nimmt der Luchs, und wie reagieren die Rehe auf ihn“, sagt Burghart. Auch das Verhalten der Rehe ändere sich – sie werden wachsamer.

Rehe und Luchse halten sich derzeit in Teilen des Parks ein natürliches Gleichgewicht. Auf 13 000 Hektar wurde die Jagd eingestellt. „Trotzdem blieb der Verbiss die letzen vier Jahre stabil“, berichtet Projektleiter Marco Heurich. „Der Luchs ist ein Symbol für eine großflächig intakte, zusammenhängende Waldlandschaft“, sagt er. Den vor mehr als 150 Jahren in der Region ausgerotteten Luchs wieder heimisch zu machen in der dicht besiedelten Kulturlandschaft, darin sieht Heurich weniger eine biologische Notwendigkeit als eine „ethische Verpflichtung, Arten, die ausgerottet wurden, zurückzuholen“.

Mit 16 Luchsen sind das insgesamt fast 1000 Quadratkilometer große Nationalparkgebiet und umliegende Wälder in Bayern und Tschechien im Prinzip besetzt. Ein Luchs braucht 200 bis 400 Quadratkilometer Platz. Trotz der dichten Besiedelung sorgen sich die Mitarbeiter von Nationalpark und WWF um den Bestand. Sie fürchten Inzucht, weil die Population sehr klein ist.

Die Pinselohr-Katze ist im Bayerischen Wald längst ein wichtiges Marketing-Instrument für den Tourismus geworden. Bayrisch Eisenstein und das ebenfalls am Nationalpark liegende Lindberg haben den Luchs als Patentier gewählt, beide Gemeinden verbindet ein „Luchspfad“. Zwar wird kaum ein Urlauber je einen Luchs in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen, aber auf Tourismusprospekten für den Bayerischen Wald prangen bunte Hochglanzbilder der Großkatzen, aufgenommen im Gehege.

Die Luchsforscher indes können manchmal eindrücklich das Heranwachsen einer Wildkatze verfolgen. Der 2008 geborene Kika etwa ist erstmals als ganz kleiner Luchs zusammen mit der Mutter in die Falle getappt: Niedlich sieht er aus mit der runden Nase und den großen Pfoten. Forstwissenschaftlerin Kirsten Weingarth identifiziert ihn wie alle ihre Schützlinge anhand seiner biometrischen Daten: Die Musterung des Fells ist ebenso unverwechselbar wie ein Fingerabdruck oder die Iris im Auge. Besonders hübsch auf den Bildern komme stets Milan heraus: „Er ist einfach fotogen.“

Trotz der Forschung ist vieles offen. Die Projektmitarbeiter wissen nicht, ob Kika der Vater von Tessas Jungen ist, oder vielleicht doch der ältere Milan. Die DNA-Analysen werden gerade am Institut für Zoo-und Wildtierforschung in Berlin durchgeführt. Wen Tessa wann getroffen hat, ist trotz Ortung über das Halsband nicht herauszufinden. Die Daten werden alle zwei Stunden am Tage registriert.

Auch was die Tiere zu bestimmten Wanderungen bewegt, kann oft nicht geklärt werden. Warum Milan etwa ein wunderbar sonniges Plätzchen – „sein Wohnzimmer“, wie Burghart es nennt – plötzlich doch verließ, darüber kann nur spekuliert werden. Möglicherweise musste er dem jungen Kika Platz machen. „Der Junge hat seine Ellenbogen ausgestreckt, und Milan musste sich in eine andere Richtung bewegen“, meint Heurich. Dabei war Kika zuerst einmal ganz weit von seiner Mutter weggewandert – bis über die Grenze nach Tschechien. Doch dann kam er plötzlich zurück und ließ sich in Milans Revier in dem Waldstück direkt neben der Mutter nieder. Was Kika dabei bewog, ob es die Liebe zur angestammten Heimat war, das bleibt ungeklärt. (dpa)

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