Reise : Jammern macht doch keinen Spaß

Spanien ist in der Krise. Die Madrilenen begegnen ihr trotzig: mit Rioja, Tapas – und noch mehr Kunst. Knapp sind nur die Tickets fürs Bernabeu-Stadion.

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Genau genommen ist die Plaza de Cibeles nur eine Verkehrsinsel. Auf mehreren Spuren umrunden Autos den Brunnen in ihrer Mitte. Und dessen steinerne Löwen, wirken sie auch noch so muskulös, haben keine Chance den Wagen mit der griechischen Göttin an eine ruhige Stelle zu ziehen. Dabei braucht Kybele jeden Schutz. Das haben auch die Madrilenen erkannt. Und verboten, dass die Fußballspieler von Real nach einem Sieg bei ihr untertauchen. „Das darf nur noch der Kapitän der Mannschaft, denn bei den kollektiven Freudenplantschern ist immer mal wieder was kaputt gegangen“, sagt Stadtführerin Diane Petersen.

Wer unter den Bäumen des Paseo del Prado flaniert, hat keinen Fußball im Sinn. Er braucht ein Konzept, sonst ist er verloren. Denn, welches Museum will er besichtigen, welches auslassen? Das neue Ausstellungszentrum Palacio de Cibeles im ehemaligen Prachtbau der Post? Das Museum Thyssen-Bornemisza mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts oder das Kunstzentrum Caixa Forum auf dem Gelände eines ehemaligen Elektrizitätswerks? Schon für den Prado reicht ein Wochenende nicht aus. Die Gänge hier scheinen kein Ende zu nehmen, und 75 Säle zweigen rechts und links ab. Das Museum hat Mitleid und händigt seinen Besuchern zum Ticket ein Faltblatt aus. Dort sind – im Briefmarkenformat – die fünfzig (!) Meisterwerke der Sammlung samt Standort verzeichnet. „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch in Saal 56 zum Beispiel, „Der Kardinal“ von Raffael in Saal 49, „Die nackte Maja“ von Goya in Saal 36. Bloß nicht zu lange vor Velazquez’ Meisterwerk „Las Meninas“ (Saal 12) verharren. Dabei hängen noch so viele andere Bilder dieses spanischen Künstlers im Prado. Adlige hat er oft porträtiert – und auch ihre Tiere. Einen Hirsch etwa, dessen gutmütige braune Augen den Betrachter aus gold-barockem Rahmen mustern.

Kunstsatt stolpern die Besucher aus dem Prado. Wer traut sich jetzt noch das Museum Reina Sofia zu? Einen Fundus von 17 000 Werken moderner Kunst birgt es, du liebe Güte. 2005 hat ihm Jean Nouvel einen phänomenalen Erweiterungsbau beschert. Vor dem eigentlichen Gebäude ist eine Art Lichthof entstanden, der Madrids Naturwunder gleichsam einrahmt: den knallblauen Himmel. „Fast immer hat er diese Farbe“, sagt Diana Pedersen und die Madrilenen, „Gatos“ genannt, liebten ihn. Der Architekt habe sich ihrer Ansicht nach vor diesem Himmel verneigt und sie deshalb mit seiner Architektur glücklich gemacht.

Noch mehr Himmel bietet der Retiro-Park. Aber zu ihm schaut kaum jemand hinauf, weil die Musik im wahrsten Sinne des Wortes am Boden spielt. Am Wochenende zumindest, wenn sich der einstige Königsgarten zum quirligen Jahrmarkt verwandelt. Das Publikum schaut Tangotänzern zu, ein junger Flötist konkurriert mit einem Ziehharmonikaspieler, Saxofonklänge wehen herüber. Zwischen Schmalzgebäck-, Eis-, und Sandwichständen warten Wahrsager hinter wackligen Tischen auf Kunden. Entlang eines Weges hocken Schwarzafrikaner neben Taschen, Brillen und Schals. Kaum jemand interessiert sich für die Waren, „das Geschäft läuft schlecht“, sagt Mokabi aus Togo betrübt. Der künstliche See hinter ihm ist bunt gesprenkelt von Ruderbooten. Wer jetzt noch eins haben will, muss sich gedulden. „Im Moment sind alle unterwegs“, sagt der Verleiher und lächelt zufrieden.

Der Abend naht – und wie eh und je füllen sich die Tapasbars. Haben die Menschen denn noch das Geld dafür, jetzt, in der Krise? „In Madrid ist es nicht so schlimm wie andernorts in Spanien“, sagt Diana Petersen. Auch die Jugendarbeitslosigkeit sei in der Metropole nicht ganz so gravierend. Manche der jungen Leute träfen sich allerdings nun an Orten, zu denen sie Essen und Getränke mitbringen können. Einfach zu Hause bleiben und Trübsal blasen passe nicht zur spanischen Mentalität.

Und so wird es abends eng in den Gängen des Mercado San Miquel. Lange dümpelte die ehrwürdige Markthalle, im frühen 20. Jahrhundert konstruiert aus Gusseisen und Glas, vor sich hin. Viele Stände waren verwaist, die Kundschaft blieb aus. Bis man auf die Idee kam, hier nicht nur Waren zum Kaufen anzubieten, sondern auch Delikatessen zum Verzehren. Nun ist der Markt eine angesagte Adresse. Bis um Mitternacht ist hier täglich geöffnet, am Wochenende sogar bis nachts um 2 Uhr.

Wenn das Gedränge in den Tapasbars gegen 21 Uhr allmählich nachlässt, füllen sich die Restaurants. Frühzeitige Tischreservierung ist Pflicht. Erst recht im „Botin“, gegründet im Jahre 1725. Das Guinness Buch der Rekorde listet es als das „älteste Lokal der Welt“. Prominente aus aller Welt speisten hier, Ernest Hemingway rühmte es Ende der 30er Jahre in seinem Roman „Fiesta“: „Wir saßen oben im ersten Stock bei Botin. Es ist eines der besten Restaurants der Welt. Wir aßen junges gebratenes Spanferkel und tranken Rioja Alta.“ Touristen kommen gern ins Lokal, aber „50 Prozent der Gäste sind immer noch Einheimische“, weiß Diana Petersen. Wie eh und je wird vor allem Spanferkel aufgetischt, und die Kellner eilen mit immer neuen Rotweinflaschen herbei. Rioja, natürlich.

In Hemingways Roman geht es vor allem um Stierkampf, aber jetzt, im Frühjahr, erklingt noch kein Paso Doble zum Einzug der Toreros in der großen Arena Las Ventas. Ganz unblutig geübt wird anderswo, in der „Schule der Stierkämpfer“. Die U-Bahn bringt einen rasch hinaus an diesen Ort, nach Casa del Campo, wo Madrid so grün ist und fast ländlich wirkt. Im Rund einer bescheidenen Arena proben an diesem Sonnabend vormittags zehn, zwölf meist junge Leute Figuren und Drehungen wie ihre Vorbilder. Statt echten Tieren müssen sie sich allerdings nur halben Stieren aus Pappmaché in den Weg stellen. Auf einem rädernden Gestell sind diese jeweils montiert und werden von Helfern in hohem Tempo auf die Möchtegern-Toreros zugerollt. Blitzschnell soll ein Kandidat als Picador nun zwei Pfeile in den Nacken der Attrappe bohren. Aber ach. Die Pfeile bleiben nicht stecken und fallen zu Boden. Der Kandidat versucht es wieder und wieder, erfolglos.

Trainer Jesus Perez zeigt mit Haltung und elegantem Schwung, wie es funktioniert. 500 Kämpfe absolvierte er unter dem Beinamen „El Madrileno“, den ersten schon im Alter von zehn Jahren. Dann hat ihn vor fünf Jahren ein Stier – ausgerechnet bei einem Kampf in Frankreich – am Knie erwischt. Die Karriere war zu Ende. „Der Stier ist nicht der Feind, er ist eher ein Freund“, sagt Jesus Perez. Und fügt hinzu: „Wenn er mutig war und einem geholfen hat, in der Arena zu triumphieren, geht es einem schon nahe, ihn verenden zu sehen.“ Der 42-Jährige erzählt von Regeln und Traditionen und dass neben jeder Arena eine Kapelle steht, in der ein Torero vor dem Kampf betet.

Man kann für oder gegen Stierkampf sein, über Stierkämpfe diskutieren kann man nicht. Nicht an diesem Ort. Die sechsjährige Candela übt Drehungen mit einem pinkfarbenen Tuch. Immer und immer wieder. Möchtest du nicht lieber Flamenco tanzen? „Nein“, sagt das Kind mit dem kastanienbraunen Pferdeschwanz knapp, „das ist doch langweilig.“

Madrid, so scheint’s, bleibt sich treu. Und ist immer in Bewegung. Auch unter der Erde. Rund 300 U-Bahnkilometer haben sie inzwischen mit etwa ebenso vielen Stationen. Es ist das viertlängste Netz nach Schanghai, London und New York und wird ständig erweitert. Die Ticketpreise haben sie jüngst erhöht, aber beim Kauf eines Zehnerblocks kostet eine Fahrt moderate 1, 50 Euro. Die überirdische Alternative bedeutet: Verkehrsstau und teure Parkhäuser. Die „Gatos“ schätzen ihre Metro, drei Millionen Menschen befördert sie täglich. Junge und Alte. Unten im Bahnhof La Latina spielen zwei Typen mit langen Haaren „Born to be Wild“. Ein alter Herr lächelt und wirft eine Münze in den vor ihnen stehenden Kasten.

Vielleicht begegnet man einer Krise am besten, in dem man sie ignoriert. Niemand muss schließlich etwas kaufen auf dem Rastro, dem riesigen sonntäglichen Flohmarkt. 1300 Stände sind aufgebaut rund um die Plaza Cascorro. Vor allem Ramsch wird angeboten: Billigschuhe, schlecht kopierte Bilder, Trödel ohne Wert. Deshalb all das Gedrängel? „Die Leute gehen hin, weil man hier immer Freunde und Bekannte treffen kann“, erklärt Diana Petersen lächelnd. Trauben von Menschen vor der winzigen Bar Santurce. Frittierte Sardinen aus dem Baskenland gibt es hier – und die sind Kult. 3,50 Euro kostet eine Portion, knapp die Hälfte das Gläschen Wein dazu. Das Leben – ein Spaß. Tiefgründige Gespräche über Politik und Wirtschaft oder gar bange Fragen wegen der Zukunft passen jetzt nicht.

Knallblau ist der Himmel – und kein Wölkchen in Sicht.

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