Kreuzfahrt : Das schwimmende Klassenzimmer

Auf der "Mein Schiff 4" büffelt die Crew die deutsche Sprache – zur Freude der Passagiere. Die Lehrerin geht nur noch selten an Land.

Johanna Stöckl
Guten Morgen, wie geht’s? Jeder Deutschkurs beginnt mit dieser Frage. Foto: Johanna Stöckl
Guten Morgen, wie geht’s? Jeder Deutschkurs beginnt mit dieser Frage.Foto: Johanna Stöckl

An sich ist ihr Beruf nicht ungewöhnlich. Sie lehrt Deutsch als Fremdsprache. Doch ihr Arbeitsplatz schlägt Wellen. Vor zwei Jahren wurde Beatrix Westphal von Kollegen dazu überredet, einmal auf einem Kreuzfahrtschiff anzuheuern. Seither gibt die Sprachtrainerin aus Kassel Deutschunterricht auf hoher See. Ein Leben an Land kann sich die 37-jährige Tutorin der Sprachschule Berlitz nicht mehr vorstellen.

Obwohl Beatrix Westphal eher eine „Nachteule“ ist, steht sie am helllichten Freitag um sechs Uhr morgens im zarten Licht der aufgehenden Sonne auf Deck 12. Während die „Mein Schiff 4“ beinahe lautlos durch die norwegische Schärenlandschaft gleitet, schießt sie ein paar Bilder mit ihrem Smartphone und nimmt einen kräftigen Schluck Kaffee aus einem Becher. „Die Hafeneinfahrt in Oslo ist immer wieder ein Höhepunkt. Ich habe mir extra den Wecker gestellt, um sie nicht zu verpassen.“

Auszeiten dieser Art gönne sie sich oft. Auch nach Feierabend zieht es sie regelmäßig zum Bug oder ans Heck des Schiffes. Dann lässt sie den Blick in die Ferne schweifen, starrt gedankenverloren aufs Wasser, verfolgt das Wellenspiel, atmet frische Seeluft, genießt die letzten Sonnenstrahlen des Tages und kommt zur Ruhe. „Spätestens in solchen Augenblicken weiß ich, wieso ich hier bin. Ich liebe das Schiff. Einen schöneren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen.“

Schließlich ist die Bordsprache Deutsch

Dass Beatrix Westphal eines von 1017 Crewmitgliedern an Bord ist, sieht man ihr nicht an. Sie könnte auch als einer der 2506 Passagiere durchgehen. Als Deutschlehrerin muss sie weder Uniform noch spezielle Arbeitskleidung tragen. Ein weiteres Privileg, das Beatrix Westphal sehr zu schätzen weiß: Sie kann sich, was nur wenigen Crewmitgliedern erlaubt ist, an Bord frei bewegen, also beispielsweise in einer der zahlreichen öffentlichen Bars beziehungsweise Lounges jederzeit einen Drink bestellen.

In der „Waterkant“-Bar auf Deck 4 ordert Beatrix Westphal, die von ihren Schülern respektvoll „Madame“ genannt wird, ein alkoholfreies Bier und erzählt aus ihrem Arbeitsalltag. Täglich unterrichte sie, weil schließlich auf den vier Schiffen der Flotte die Bordsprache Deutsch ist. „Zehn Stunden am Tag sind normal. An Seetagen arbeite ich mitunter länger.“ Das sei für sie als Lehrerin phasenweise schon anstrengend. Erst recht allerdings für ihre Schüler, die ja vor oder nach einer langen Schicht zu ihr in den Unterricht kommen.

Gute Sprachkenntnisse sind ein Aufstiegskriterium

Für viele Mitarbeiter sei der kostenlose Unterricht ein zusätzlicher Anreiz, gerade bei Tui Cruises anzuheuern. Auf ihren vier Schiffen engagiert die Reederei sechs Sprachtrainer. Etwa ein Drittel der gut 1000 Mann starken Crew auf der „Mein Schiff 4“, ein bunter Mix aus 47 Nationen, würde liebend gerne Deutsch lernen. Ein viermonatiger Deutschkurs in Manila koste schließlich rund 800 Dollar und verschlucke, gemessen am Durchschnittseinkommen in der Hauptstadt der Philippinen, komplette drei Monatsgehälter.

Da das Beherrschen der deutschen Sprache an Bord der Tui-Cruises-Flotte außerdem ein Aufstiegskriterium ist, übersteigt die Nachfrage das Angebot. Auch räumlich sind die Kapazitäten an Bord ja begrenzt.

Aktuell unterrichtet Beatrix Westphal 165 Schüler, aufgeteilt in 16 Klassen bis zu 13 Schülern. Auf unterschiedlichen Niveaustufen: vom blutigen Anfänger auf Stufe 1 bis zu den gut Fortgeschrittenen auf Stufe 5. Jede Klasse trifft sich alle drei Tage – gut abgestimmt mit dem Dienstplan – zu einer jeweils 90-minütigen Unterrichtseinheit. Vier Monate lang.

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