Kreuzfahrten : Stau vor der Antarktis

Immer mehr Kreuzfahrtschiffe zieht es ins Eis. Ein Trend, der das fragile ökologische System belastet.

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In der Antarktis wird es enger: Immer mehr Kreuzfahrtschiffe zieht es an die von Eis überzogene Küste des Südkontinents, zu Tafelbergen, Kaiserpinguinen und Weddellrobben. Hatten sich im Jahr 1992 noch rund 6000 Naturbegeisterte auf den Weg gemacht, so waren es in der vergangenen Saison bereits gut 46 000 Reisende. Das Geschäft boomt, und so wächst die Zahl der Reedereien, die ihre Schiffe ab November gen Süden schicken. Die Folge: Immer häufiger brechen nicht nur Expeditionsschiffe mit geeigneten Eisklassen zum Abenteuer Antarktis auf, sondern auch normale Kreuzfahrtschiffe. Ein Trend, der Gefahren birgt?    

Die im Jahr 1991 von sieben Antarktis- Reiseveranstaltern gegründete International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO) regelt jedes Jahr neu, welches Schiff wo fahren und anlanden kann. Zwei Schiffe auf einmal in einer einsamen Bucht – das soll dadurch vermieden werden. Es dürfen auch nicht mehr als 100 Passagiere auf einmal an Land, und nach vier Stunden muss die Fahrt weitergehen. Vergangene Saison musste die IAATO das für 61 Schiffe organisieren – noch vor fünf Jahren waren nur 35 Kreuzfahrer einzutakten.

   „Die meisten Schiffe fahren vernünftigerweise die eisfreie Passage“, sagt Johannes Zurnieden, Vizepräsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV) und als Geschäftsführer von Phoenix Reisen in Bonn selbst in dem Geschäft mit Seereisen aktiv. Besucht werde meistens vor allem der nördliche Teil der Antarktischen Halbinsel, „das reicht für das Erlebnis Antarktis auch“. Nur Eisbrecher und stark eisverstärkte Schiffe dringen weiter vor.

   Wer in die Antarktis fährt, möchte auch gerne Pinguin- und Robbenkolonnien besuchen. Schiffen mit mehr als 500 Passagieren jedoch wird eine Anlandung von der IAATO nicht erlaubt. Das sollte jeder bedenken, der sich ein Expeditionserlebnis verspricht. Die bislang größten Schiffe schickte die nordamerikanische Reederei Princess Cruises in Richtung der antarktischen Halbinsel: im vergangenen Jahr die „Golden Princess“ mit 2600 Passagieren und 1100 Mann Besatzung, dieses Jahr das Schwesterschiff „Star Princess“. Auf den Reisen dieser Schiffe sollte man ein gutes Fernrohr mitnehmen.

   „Es gibt leider eine mangelnde Sensibilität, was die Tonnage angeht, mit der diese Gebiete bereist werden“, sagt Sebastian Ahrens, Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg. Hapag-Lloyd hatte einst die Gründung der IAATO mit initiiert, wünscht sich aber inzwischen statt einer reinen Selbstregulierung strenge Vorschriften wie in souveränen Staaten: „Wenn Sie zum Beispiel vor bestimmten Abschnitten der norwegischen Küste fahren, gucken die Norweger genau hin. Für die Antarktis aber gibt es keine klaren Regeln“, so Ahrens.

   Im Gegenteil: Der Kontinent ist laut dem Antarktisvertrag für jeden frei zugänglich – aber abgesehen von Forschungsstationen nahezu unbewohnt. Lediglich rund 4000 Menschen – Militärs, Wissenschaftler, Hilfspersonal – leben in der 14 Millionen Quadratkilometer großen Eiswüste. Da wegen der großen Kälte alle organischen Prozesse wie der Abbau von Abwässern extrem verlangsamt sind, ist das auch gut so.

   Je mehr Besucher jedoch in die Antarktis reisen, desto schwieriger wird es für das ökologische System. Zwar gibt es Vorschriften für die Landgänge. So werden etwa Schuhe vorher und nachher desinfiziert, außerdem gilt: „Nichts hinterlassen und nichts mitnehmen.“ Zu Tieren muss mindestens fünf Meter Abstand gehalten werden. Die meisten Besucher halten sich auch daran. Aber eben nicht alle – und je mehr Menschen kommen, umso häufiger die Verstöße.

   Auch für Mannschaften und Schiffe hat die IAATO einen Verhaltens- und Qualitätskodex erlassen. So muss die Crew zu 75 Prozent bereits Antarktiserfahrung haben, gefahren wird mit Diesel-Gasöl und nicht mit Schweröl. Das Brauchwasser muss wieder aufbereitet und der Müll zurückgenommen werden. „Diese Kriterien sind absolute Mindeststandards, die man für diese Gegend ansetzen muss“, betont Caroline Schacht von der Naturschutzorganisation WWF in Hamburg. „Leider gibt es immer noch viel zu viele Reedereien, die diese Verträge nicht unterschrieben haben“, klagt die Meeresbiologin.

   Immer mehr Schiffe haben auch keine Eisklasse, was ebenfalls auf Kosten des Naturerlebnisses geht – sofern die Reedereien vorsichtig sind. „Sobald Eis in die Nähe kommt, sind die nicht eisverstärkten Schiffe sehr schnell weg“, sagt Benjamin Krumpen von Phoenix Reisen. Weiter vor wage sich nur, wer besser gerüstet ist. Phoenix ist mit der „Alexander von Humboldt“ – Eisklasse 1C – pro Saison zweimal in der Antarktis.

   Zurnieden bestätigt diese Einschätzung: „Ein Schiff, das in diesem Gebiet auf Expedition fährt, muss im Prinzip ein Eisbrecher sein.“ Ein solcher Eisbrecher ist etwa die „Kapitan Khlebnikov“, 1981 in Finnland gebaut. Auch die einstigen Forschungsschiffe „Akademik Shokalskiy“ und „Ushuaia“ sind gut eisverstärkt. Aber es gibt auch eisverstärkte Expeditionsschiffe, die von vorneherein nur für Kreuzfahrten gebaut wurden: Die „Bremen“ und die „Hanseatic“ von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten haben die hohe Eisklasse 1 A Super, die „Fram“ der norwegischen Postschifflinie Hurtigruten Eisklasse 1 B.

   Dass eine Fahrt ins Eis gefährlich ist, zeigte im vergangenen Winter der Untergang der „Explorer“. Das kanadische Kreuzfahrtschiff mit hoher Eisklasse sank 15 Stunden nach der Kollision mit einem Eisberg etwa 1000 Kilometer südlich von Kap Hoorn. Zwar kam niemand ums Leben, weil ein anderes Kreuzfahrtschiff rechtzeitig zu Hilfe kam, aber grundsätzlich sind Havarien in der Antarktis extrem gefährlich: Die Luft hat Minusgrade, das Wasser nur ein Grad – man kühlt im Rettungsboot schnell aus. Und die Retter von Land sind fern.

   Erste Reedereien reagieren auf das Gedrängel im Eis bereits mit Rückzug: Die „Vistamar“ von Plantours & Partner in Bremen wird diese Saison im Indischen Ozean fahren statt zwischen Eisbergen. Und Hurtigruten schickt zur Saison 2008/09 nur noch die „Fram“ und nicht mehr wie bisher auch die „Nordnorge“ zu den Pinguinen.

Geschäftsführer Bernd Stolzenberg in Hamburg begründete diesen Schritt mit dem „immer schwieriger werdenden Markt Antarktis.“    Was zieht Menschen überhaupt in die Eiswüste? Immerhin ist die Antarktis der kälteste und windigste Kontinent: Minus 89,6 Grad und Winde mit über 300 Stundenkilometern wurden hier gemessen. Nur im antarktischen Sommer von Ende November bis März hat es 0 bis minus 5 Grad. Dann schlüpfen auch die Pinguine, und die Robben werfen ihre Jungen. Februar und März sind die besten Monate zur Walbeobachtung.

Es ist also wohl das Erlebnis der puren Natur, das anzieht. „Eine Reise in die Antarktis ist der schönste Eindruck, den man haben kann“, meint Zurnieden – das hat sich anscheinend herumgesprochen.

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