LESEN & REISEN : On the Road – in China

Der Engländer Rob Gifford hat viele Jahre als Chinakorrespondent gearbeitet und weiß, wie facettenreich, spannend und widersprüchlich dieses gigantische Land ist: "China Road" ist ein kostbares Juwel unter den China-Büchern.

Hella Kaiser

In der „Verbotenen Stadt“, dem Sommerpalast oder der Himmelspagode von Peking treten sich die Touristen auf die Füße, Hunderte schieben sich vorbei an der Terrakotta-Armee bei Xian, und schier endlos sind die Warteschlangen vor dem Fernsehturm in Schanghai. Sehenswürdigkeiten, die im Rahmen einer Rundreise durch China angesteuert werden, doch was vermitteln sie vom Reich der Mitte? Wie facettenreich, spannend und widersprüchlich dieses gigantische Land ist, erfährt wohl nur, wer dort mit viel Zeit und genügend Sprachkenntnissen unterwegs ist. Einer wie der Engländer Rob Gifford, der viele Jahre als Chinakorrespondent gearbeitet hat. Von Schanghai bis zur kasachischen Grenze ist er gefahren, 5000 Kilometer auf der „Route 312“, mit Überlandbussen, Taxen und Lkw. Er interviewt den Fabrikdirektor „Herrn Yang“, der Kunstrasen produziert für Golf-Übungsplätze in der ganzen Welt. Er spricht mit einem 66-jährigen Bauern, der sein Feld mühselig mit dem Wasserbüffel bestellt. Einer von 750 Millionen Bauern, die die Mehrheit in China bilden und von deren Alltag ausländische Medien selten erzählen. Gifford lernt zwei gestylte Kosmetikverkäuferinnen kennen, die mit ihren Produkten die nichtsahnende Landbevölkerung beglücken wollen, und hört sich an, warum eine Ärztin es nicht verwerflich findet, Abtreibungen auch im achten Monat noch anzuordnen. Die Erklärung: „Es gibt zu viele Chinesen.“

Seine Erlebnisse reichert Gifford durch Fakten an. Neun Städte in den USA haben mehr als eine Million Einwohner, schreibt er, in China aber sind es 49. „Mao richtete China zugrunde“, schreibt der Reporter. Und differenziert sogleich. Mao habe in punkto Volksgesundheit auch Fortschritte erreicht. 1949 lag die Lebenserwartung bei 35 Jahren, 1975 bei 63 Jahren. In Lazhou am Gelben Fluss wird das anders sein. Lazhou gilt als eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt. Sie wird von Bergen bedrängt, Rauch und Industrieabgase können nicht abziehen. In den 90er Jahren gab es sogar Pläne, ein „Schadstoff-Abzugsloch“ in einen Berg zu sprengen. Immerhin kann man hier auf Pferde wetten. „Nicht wetten“, korrigiert die Dame im Büro. Glücksspiele sind in China verboten. Aber, setzt sie verschmitzt hinzu, man dürfe raten, wer siegen wird.

Das Buch ragt aus den zahlreichen jüngst publizierten Chinabüchern heraus wie ein kostbares Juwel. Nach der Lektüre weiß man eine Menge mehr – und hat viel Spaß gehabt.

Rob Gifford: China Road. Entlag der Route 312 quer durchs Land. Verlag Frederkin & Thaler, München 2008, 309 Seiten, 22 Euro.

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