Lissabon : Kunst in der Keksfabrik

Lissabon bringt sich mit einer Vielzahl von neuen Museen auch international wieder ins Gespräch.

Nicola Kuhn
Lissabon
Der Torre de Belem am Fluss Tejo in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. -Foto: ddp

Der Standort ist perfekt gewählt: nur einen Katzensprung entfernt vom Denkmal, das die Salazar-Regierung 1960 dem großen Entdecker Vasco da Gama baute. Das gewaltige, 50 Meter hohe Monument gleicht einem Schiffsbug und ragt über die Wasserkante hinaus. Der steinerne da Gama strebt darauf den Zielen in der Ferne zu; Könige, Adelige, Kirchenmänner, Kaufleute seiner Zeit sind in seinem Gefolge. Die Zeichen stehen auf Aufbruch. Genau von dieser Uferstelle des Tejo aus brach der Weltensegler im Juli 1497 mit seinen Karavellen erstmals gen Indien auf, rund um die Südspitze Afrikas. Zwei Jahre später kehrte er mit einer Fracht Pfeffer von der Küste Keralas zurück. Ein neuer Seeweg war aufgetan, ein Gewürz, kostbar wie Gold, für die Handelsnation Portugal plötzlich zum Greifen nah.

Hier im Stadtteil Belém von Lissabon, wo kurz nach da Gamas Rückkehr König Manuel als Triumphmal der portugiesischen Seeherrschaft den Grundstein für das Hieronymitenkloster legte, steht noch ein weiteres denkwürdiges Haus: das Centro Cultural de Bélem, mit dem Portugal Jahrhunderte später an seine ruhmreiche Geschichte anzuknüpfen sucht. Er wurde für die EU-Ratspräsidentschaft Portugals 1992 gebaut. Vom damaligen Versuch, erneut in die Welt zu wirken, blieb der trutzige Bau, in dem heute Opern- und Theateraufführungen stattfinden oder Konferenzen ausgerichtet werden. Vor einem Jahr allerdings kam mit der Berardo-Sammlung die zeitgenössische Kunst hinzu, die Pfeffer-Währung der Gegenwart, mit dem sich das Land an der Westküste Europas wieder ins internationale Gespräch zu bringen sucht. Diesmal mit Kunst als geistigem Handelsgut.

Derartige Sammlung fehlte Portugal bislang

Schon im Kulturhauptstadtjahr 1994 hatte die portugiesische Kapitale auf Museen gesetzt und zahlreiche Ausstellungshäuser saniert. Erst in jüngster Vergangenheit jedoch kam das Museu Berardo hinzu, das programmatisch im Centro Cultur de Bélem sein Quartier bezogen hat: als Aufbruchsignal für die Welt der Kunst. Ob Piet Mondrian, Picasso, oder Duchamp, Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder Yves Klein – die jüngere westliche Kunstgeschichte versammelt sich hier auf höchstem Niveau. Das fehlte in Portugal bislang, wo auch heute noch die größte Bewunderung den eigenen Meistern gilt. „Die Folgen des Salazar-Regimes sind hier noch immer stark zu spüren“, erklärt Direktor Jean-François Chougnet, der eigens aus Frankreich geholt wurde, um das gemeinsame Museumsprojekt von Privatsammlern und Staat zu begleiten. Die Abschottung eines Landes in der Diktatur, das jahrzehntelang seinen Rücken gegen Europa wandte und sich eher nach Südamerika orientierte, macht sich nicht zuletzt in den Museen bemerkbar.

Mit José Berardo, dem Selfmade-Man aus Madeira, der erst Anfang der Neunziger zu sammeln begann, änderte sich das auf einen Schlag. Im nach ihm benannten Museum fanden der Sammler als Geber und die öffentliche Hand als Nehmer glücklich zueinander. Für zehn Jahre gilt Berardos Leihvertrag mit dem Staat, der danach ein Vorkaufsrecht hat. Auf 316 Millionen Euro hatte Christie’s 2006 den Gesamtwert taxiert. Diese Summe gilt es am Ende zu zahlen. Ein spannendes Unterfangen, denn für Direktor Chougnet läuft der Countdown: Was bleibt davon am Ende der Stadt Lissabon? Wird sein Sammler ebenfalls von der großen Finanzkrise berührt und seine Schätze andernorts für eine größere Rendite versilbern, fragt er sich. Noch verfügt er über einen groß zügigen Ankaufsetat für Kunst von jährlich einer Million Euro, die gleichermaßen die vorhandene Kollektion ergänzt, aber auch Gültigkeit bewahrt, sollten die Berardo-Bestände abgezogen werden.

Reihe exquisiter Museen

Einen wahren Publikumssturm hat das Museu Berardo im Centro Cultural de Bélem zwar noch nicht erlebt, aber es fügt sich ein in eine Reihe exquisiter Museen, für die sich allein die Reise nach Lissabon lohnt. Neben dem berühmtesten Haus, dem legendären Museu Goulbenkian mit seinen Meisterwerken von Stephan Lochner über Rembrandt bis Rubens, den Impressionisten und der riesigen Kollektion Jugendstilschmuck, gibt es eine Vielzahl Adressen, die man im Gewirr der kleinen Straßen erst ein bisschen suchen muss.

Dazu gehört auch das Museu da Marioneta, das erst jüngst im Convento das Bernardas eine Bleibe fand. Dort, wo bis 1844 die Bernhardiner-Nonnen logierten, ist nun das Puppenmuseum einquartiert. Im einstigen Gotteshaus und den angrenzenden Kemenaten spielen Figurinen aus Birma, Vietnam, Indonesien und Thailand wortlos Theater. Vor allem in Portugal hat das Handpuppenspiel Tradition; während des Salazar-Regimes wurde es als didaktisches Mittel eingesetzt, um die Landbevölkerung etwa über die Wichtigkeit des Zähneputzens aufzuklären.

Verbindung von alter Bausubstanz und neuen Präsentationsformen

Auffällig ist in den vielen Lissabonner Museen das stets elegante Ausstellungsdesign, das mancherorts jedoch die präsentierten Objekte dominiert. Ein Beispiel dafür ist das ebenfalls neu eröffnete Präsidentschaftsmuseum mit all seinen Orden, Dokumenten und Staatsgeschenken. Die eigentliche Hauptrolle spielt allerdings der Ort selbst: der rosafarbene Palácio de Belém, eine einstige königliche Residenz, die 1911 zum Sitz des Ministerpräsidenten umgewandelt wurde. Gleich nebenan in der ehemaligen Reitschule befindet sich das Kutschenmuseum mit seiner Sammlung von Prunkkarossen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Wer Lissabon auf den Pfaden seiner Museen besucht, der wird immer wieder auf spannende Verbindungen von alter Bausubstanz und neuen Präsentationsformen stoßen. Die steinernen Zeugen des alten Lissabon erwachen hier zu einem zweiten Leben. Eines der ehrgeizigsten Projekte ist das Museu do Chiado, das sich im gleichnamigen Promenierviertel des 19. Jahrhunderts mit seinen edlen Geschäften und feinen Cafés befindet, darunter auch A Brasileira, in dem sich in den zwanziger Jahren die Boheme vergnügte. Nur wenige Schritte entfernt, unweit der Oper, ist das auf portugiesische Kunst ab 1850 spezialisierte Museum in einer ehemaligen Keksfabrik einquartiert, von der in der oberen Etage noch einige sehenswerte Backöfen zeugen.

Sprünge zwischen Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart

Es sind besonders diese überraschenden Momente, die den Charme eines Museumstrips durch Lissabon ausmachen, die Sprünge zwischen Alt und Neu, Vergangenheit und Gegenwart. Ein absolutes Muss ist das Triptychon von Hieronymus Bosch mit den „Versuchungen des heiligen Antonius“ im Museu Nacional de Arte Antiga. Ebenso wenig darf der Besucher allerdings auch den Blick vom Museumsgarten hinaus auf den Tejo und den Hafen versäumen. Nach den imaginierten Qualen des Mittelalters holt ihn spätestens diese Geräuschkulisse wieder zurück.

Am stärksten prallen solche Gegensätze beim Museu da Cidade aufeinander, das im Pimenta-Palast am Campo Grande untergebracht ist. Während draußen der Verkehr tobt, die Autos an den Fenstern über die Hochtrassen vorbeidonnern, hat sich im Inneren die Atmosphäre eines Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert bewahrt – mit der originalen Küche und ihrem Kupfergerät sowie Wohnräumen mit Azulejowänden und Mobiliar aus der Erbauungszeit. Die vom König für seine Mätresse erbaute Residenz lag einst vor den Toren der Stadt. Die Entwicklung Lissabons ist über Haus und Garten hinweggefegt, das nun wie in einem Schatzkästlein römische Funde, Stiche vom Leben zur Blütezeit der Handelsmetropole, Grabsteine und ein Stadtmodell aus der Zeit vor dem verheerenden Erdbeben von 1755 birgt. Zur Gegenwart ist es auch hier nur ein Katzensprung. Der Flughafen liegt nur wenige hundert Meter entfernt.

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