Managua : Das Lachen auf der Plaza Colón

Die wahrscheinlich einzige Stadt der Welt ohne Zentrum: Managua. Die Hauptstadt des lateinamerikanischen Staates Nicaragua.

In Managua müssen Taxifahrer keine Straßennamen lernen, denn: Es gibt fast keine. Auf den Adresskärtchen der Einwohner steht zum Beispiel: An der Bäckerei Jimenez drei Blocks Richtung Norden, das gelbe Haus hinter dem Kiosk. „Man orientiert sich an markanten Punkten“, sagt Reiseführer Adrian. Auch el arbolito, das Bäumchen, war ein Wegsymbol. Vor einigen Jahren wurde es von einem Auto umgefahren. Und nun? Kein Problem. „Jetzt heißt es eben: Dort, wo der arbolito einmal war, zwei Blocks südlich undsoweiter“, erzählt Adrian grinsend. Die Einheimischen finden sich zurecht, Touristen haben es schwer. Wo auch sollten sie flanieren? „Managua ist wahrscheinlich die einzige Stadt der Welt, die kein Zentrum hat“, sagt der Chef der Reiseagentur Kool Tour, Carlos Mejía Kornfeld.

Ende 1972 wurde Managua durch ein Erdbeben fast völlig zerstört. Und wuchs danach beinahe planlos neu. Gespenstisch steht die Fassade der alten Kathedrale an einem riesigen leeren Platz. Rechts und links davon erheben sich der Präsidenten- und der Kulturpalast. Beide Gebäude sind mit großen pinkfarbenen Transparenten geschmückt, auf denen Daniel Ortega, der amtierende Präsident, „noch mehr Siege“ verspricht.

Maria glaubt nicht recht daran. Die Mittvierzigerin backt Maisfladen vor einem vierstöckigen, blassgrünen Betonbau. Ein wenig schief steht er da, die Balkons sind halb abgebrochen und die Risse im bröckelnden Gemäuer nicht zu übersehen. Das Gebäude ist wie auch die übrigen im Umkreis einsturzgefährdet. Maria wohnt mit Mann und Kindern trotzdem hier, ohne Wasser und ohne Strom. „Wo sollen wir sonst hin?“, fragt sie achselzuckend. Wer noch etwas Geld auftreiben konnte, ist nach dem Erdbeben weggezogen. „Der Somoza-Clan hat den Menschen Grundstücke verkauft und damit am Leid noch verdient“, sagt Adrian. Nur ein Bruchteil der Hilfsgelder, die nach dem Erdbeben aus aller Welt in Managua eintrafen, sei bei den Bedürftigen angekommen, erzählt er. Diktator Somoza habe alles in die eigenen Taschen gestopft.

Die Hauptstadt des bis 1990 kriegsgeschüttelten Landes ist noch immer kein Ort für Urlaubsträume. Auch wenn es jetzt bescheidene Cafés und Restaurants gibt am Malécon, der nüchternen Promenade am Managuasee. Der See sieht malerisch aus, doch schon lange regt sich kein Leben mehr in ihm. „Seit den 1920er Jahren ist er durch Pestizide verseucht“, sagt Adrian. Die Abwässer der Stadt immerhin sollen demnächst nicht mehr hineingelangen. In diesem Monat wird eine Kläranlage in Betrieb genommen, „die erste in Mittelamerika“, berichtet der Guide stolz.

Nicaragua geht voran. Das liegt vor allem an den Menschen, die so lange gelitten und gekämpft haben und sich ihr Lachen, ihren Stolz und vor allem ihren kritischen Geist bewahrt haben. Leicht haben sie es nicht. Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land in Zentralamerika. In La Pazcentro, einem 600-Seelen-Dorf zwischen Managua und Leon, geht es den Menschen vergleichsweise gut. Mehrere Kooperativen existieren, Ziegel werden hier hergestellt. Ein Arbeiter verdient sechs, sieben Dollar am Tag. Das übersteigt den monatlichen Mindestlohn von 100 Dollar. Allerdings benötigt man für das Brennen der Ziegel Holz. So verschwinden nach und nach Wälder in Nicaragua. „Wir haben keine Alternative“, sagt Juan, der gerade Ziegel zum Trocknen stapelt. „Wir müssen doch unsere Familien ernähren.“

Vielleicht finden die Studenten von Leon eine Lösung. In Leon haben sie immer für eine lebenswerte Zukunft gekämpft. Jung und quirlig wirkt die Universitätsstadt, die bis 1852 Hauptstadt des Landes war zugleich Zentrum des Katholizismus. Nach Jahrzehnten Bauzeit wurde 1830 die riesige Kathedrale La Merced fertig, die größte Lateinamerikas. Heute ist sie arg restaurierungsbedürftig. Aber man kann zum Turm hinaufklettern und sieht von oben ihre 38 Kuppeln. „Sie sollte so beeindruckend aussehen wie der Petersdom in Rom“, erklärt Adrian. Auf dem Kirchendach kann man rumlaufen, aber bitte nur um die Kuppeln herum. „Bloß nicht auf die Wölbungen treten“, mahnt Adrian, alles sei sehr bröckelig.

Die Gottesdienste, die abgehalten werden, sind immer gut besucht. Viele Menschen aber kommen wegen Rubén Darío. Denn der bedeutendste Dichter des Landes, gestorben 1916, liegt hier begraben. Ein weinender Löwe aus Marmor wacht über seinem Grab. „Der symbolisiert den Schmerz des Volkes über den Verlust des großen Dichters“, sagt Adrian. An Leberzirrhose soll er gestorben sein. „Wie alle Künstler hat er eben viel getrunken“, sagt Adrian. Sogar bei den Tertulías, wie die Dichterlesungen in den Bars heißen. Tertulías gibt es immer noch. Sie sind auch ein Forum für den lyrischen Nachwuchs. Und der ist zahlreich in diesem Land.

Von Leon aus eroberten einst die spanischen Conquistadores das benachbarte Costa Rica. Hier konzentrierte sich später auch der Widerstand gegen die Diktatur. An Hauswänden ist die blutige Geschichte der Revolution verewigt. Rigoberto Lopez Perez ist darauf zu sehen, ein Student, der 1956 den Diktator Anastasio Somoza Garcias erschoss, ehe er selbst im Kugelhagel starb. Genützt hat es nichts. Somozas Sohn regierte das Land danach so despotisch wie sein Vater. 1979 wurde die Diktatur zu Fall gebracht. Auch von diesem Sieg zeugen Wandmalereien. Auf einem meterlangen Bild laufen Kinder strahlend in eine sonnige Landschaft.

Es wird noch lange dauern, bis die Kolonialbauten in Leon so schön herausgeputzt sind wie jene in Granada. Die Stadt am Nordufer des Nicaraguasees wurde 1524 von Francisco Hernández de Cordoba gegründet. „Die Spanier haben zuerst immer eine Plaza Mayor angelegt“, sagt Adrian. Jetzt heißt dieser große Platz Plaza Colón, und in einige der ehrwürdigen Kolonialgebäude ringsherum sind Hotels eingezogen. Vom Glockenturm der Kirche La Merced sieht man über die Dächer der Stadt und auch in die für Kolonialbauten typischen Höfe hinein, die oft voller Blumen und Palmen sind. Bis zum Nicaraguasee kann man schauen, der wie ein Meer wirkt. Vierzehnmal größer als der Bodensee ist er. Süßwasserhaie leben in ihm und Buntbarsche in großer Zahl. Etliche von ihnen liegen später bei den Fischhändlern in der großen, hellgrün gestrichenen Markthalle.

„Die Halle ist zu klein“, seufzt der Guide, viele Händler sind deshalb in die Straßen ringsherum ausgewichen. „Wollen Sie unser Nationalgericht probieren?“, fragt er. Man kann ihn kaum verstehen, weil neben der Frau mit ihren Töpfen und Pfannen ein junger Mann mit lauter Salsamusik Kunden für schwarz gepresste CDs lockt. Viguron heißt die Speise aus Schweineschwarten, Maniok und Kraut, die auf Bananenblättern serviert wird. Dazu trinkt man einen Saft aus Kakao, Milch, Zimt und Nelken. Schmeckt nach mehr.

Der Markt ist eine Fundgrube – und ausgerechnet jetzt haben wir keine Cordobas mehr, die Währung des Landes. Aber kein Problem. Bei den Geldwechslern in der Marktstraße kann man Dollars tauschen. „Man bekommt nur geringfügig weniger als in der Bank“, sagt Adrian, müsse dafür aber nicht eine Stunde in der Schlange stehen. „Das ist alles legal“, betont er und zeigt auf die Brust des mobilen Bankers. Da baumelt seine Lizenz, ein Ausweis mit Foto.

Das Erstaunlichste an Granada ist das Kulturhaus: Es ist in einem ehemaligen Gouverneurspalast untergebracht, den der Dichter und ehemalige Kulturminister Ernesto Cardenal gemeinsam mit Dietmar Schönherr restaurieren ließ. Sie gründeten dort die Stiftung „Casa de los tres mundos“, Haus der drei Welten. „Das war Ende der 80er Jahre, als es noch den Kalten Krieg gab und wir hier als die Dritte Welt irgendwie dazwischenlagen“, erklärt Adrian. Das „Haus der drei Welten“ ist eine Art Künstlerschmiede. Maler und Bildhauer lehren und lernen hier, Musikunterricht und Tanz werden angeboten, Dichterlesungen finden statt. Und es gibt das Studio von Radio Volcán. Heute legt der junge Silvo dort die CDs auf und erzählt den Hörern zwischendurch, was so läuft in Granada. Gibt es auch politische Themen? „Kaum“, antwortet Silvo, „es ist eher ein Kultursender.“

In den Bars, meist open Air, wird häufig live gespielt. Abend für Abend ist eine Menge los. Der nächtliche Weg zurück zum Hotel ist kein Problem. Man fühlt sich nicht gefährdet in Granada. Überhaupt, hatte Carlos gesagt, sei Nicaragua das sicherste Land in Lateinamerika. Vielleicht, witzelte er, weil wir so arm sind. „Bei uns gibt es auch Überfälle, klar, aber dann haben die Banditen kein teures Klappmesser, sondern was harmloses Selbstgebasteltes.“

Auch Alfred, ein Deutscher, der vor elf Jahren nach Granada kam, preist die überwiegend friedlichen und vor allem freundlichen Nicas, wie sich die Nicaraguaner selbst nennen. Das Haus, in dem er seine Posada Don Alfredo betreibt, sei das fünftälteste von ganz Amerika, behauptet er. Innen sind noch alte Säulen zu bewundern. „Trompetenbaum“, sagt Adrian anerkennend, „der ist hart wie Stein.“ Wie sieht Alfred die politische Situation in Nicaragua? „Wir sind hier in einer korrupten, ruhigen Bürokratie“, sagt Alfred nachdenklich, mit Demokratie habe das allerdings nichts zu tun.

An der Ecke steht ein Zeitungsverkäufer. „La Prensa“ (oppositionell), „El Diario“ (regierungstreu) und das Boulevardblatt „Hoy“ hat er im Angebot. Welche ist die beste Zeitung? „Oh“, sagt der alte Mann diplomatisch, „sie verkaufen sich alle gut.“ Ein Passant mischt sich ein. „Lesen Sie ,La Prensa‘“, empfiehlt er, „die sagt die Wahrheit.“ In der neuen Ausgabe findet sich eine Karikatur, in der Ortega vor Hugo Chávez auf Knien rutscht. „Viele Leute finden, dass unser Präsident sich abhängig macht von Chávez’ Öl“, sagt Adrian. Überhaupt machen sie gern Witze über ihren Politchef, den sie den „38-Prozent-Präsidenten“ nennen. Mehr bekam er nicht bei den Wahlen 2007, und nur durch einige geschickte Schachzüge reichte es dann doch zum führenden Amt.

Dass die Sandinisten nicht mehr das sind, was sie einmal waren, sagen die Menschen hier offen. Aber was sie mal waren, das vergisst die Bevölkerung auch nicht. Im Hotel Dario, einem wunderschön restaurierten Kolonialpalast, spielen zwei Musiker gängige Latinoweisen. Auf Wunsch singen sie ein paar der alten Revolutionslieder. Eins hat den Refrain: „Nicaragua, ich liebe dich, aber wenn du frei bist, liebe ich dich noch viel mehr.“ Da sei ja auch nicht mehr als ein Folkloresong, meint ein deutscher Gast. Adrian widerspricht ernst: „Oh nein, da steckt unsere Geschichte drin.“

Ein paar Blocks von Granadas Zentrum ist schon das Ufer des Nicaraguasees. Dort warten Bootsführer, die Touristen in die ökologisch-grüne Lunge des Landes mitnehmen wollen. Rund vierhundert Inselchen erheben sich aus dem Gewässer. Ein Vulkanausbruch hat sie vor 2000 Jahren entstehen lassen. Die kleinen Schiffe schieben sich zunächst eine Weile durch schmale Rinnen zwischen weißen Lotusblumen und lila Wasserhyazinthen. „Bei uns dürfte man da aber nicht einfach so durchfahren“, sagt ein deutscher Passagier besorgt und ein wenig vorwurfsvoll. Adrian lenkt die Blicke nach oben: „Dort sitzt ein Kanadareiher und dort, über dem Regenbaum, fliegt gerade ein Silberreiher.“ 37 Vogelarten soll man hier beobachten können.

Dass sie sich in dieser Gegend wohlfühlen, ist verständlich. Aber wieso haben sich grüne Langschwanzpapageien an einen derart unwirtlichen Ort zurückgezogen? Die Vögel leben in den Kraterwänden des mächtigen Vulkans Masaya, aus dem permanent Schwefeldämpfe aufsteigen. „Die Tiere wissen wohl, dass sie dort niemand stört“, witzelt Adrian. Erklärlich ist das Phänomen nicht. Vulkan und Umgebung wurden mittlerweile zum Nationalpark erklärt. Eine Treppe mit Hunderten von Stufen führt einen Geröllgipfel hinauf. Oben steht ein Kreuz. „Hier war einst ein Opferplatz der Ureinwohner“, sagt Adrian. Um die Götter gnädig zu stimmen, hätten sie die Herzen von Kindern in den Krater geworfen.

Auf Rundreisen ist die Vulkanlandschaft eine Attraktion wie die sogenannten Weißen Dörfer, die Siedlungen der Handwerker. In San Juan del Oriente sind Keramiker zu Hause. „Mein Mann und meine vier Söhne machen Schalen, Krüge und Figuren, und ich bemale sie dann“, erzählt Paula. Alte Mayamotive zaubert sie ebenso darauf wie selbst ausgedachte Muster. „Estilo libre, freier Stil“ nennt sie die Rauten, Ranken und Kreise, die sie malt. Schöne Stücke stehen im Verkaufsraum, aber das meiste ist zu groß und zu schwer für den Koffer. „Touristen kaufen nur kleine Dinge, für zwei, drei Dollar“, weiß Paula aus Erfahrung. Das reiche dann nur geradeso für Strom, Wasser, Reis und Bohnen, sagt sie und fügt lächelnd hinzu: „Was soll’s, wir überleben.“

Nicaragua hat auch schöne Strände an seinen Küsten. „Ausländische Investoren stehen Schlange, um dort weitere Hotels zu bauen“, sagt Adrian. Wer mag, kann schon jetzt seine Ferien angenehm in einem dieser Baderesorts verbringen. Aber wer möchte nur am Strand liegen in einem so interessanten Land?

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