Marathon : 42 Kilometer zum Glück

Immer mehr Städte organisieren Marathonläufe. Die Teilnehmer buchen das Kulturpaket gleich dazu.

Franz Michael Rohm
Marathon
Fröhlich am Château. Beliebt ist der Marathon druchs Médoc in Frankreich. -Foto: AFP

Ohrenbetäubende Klänge exotischer Posaunen und Trommeln empfangen Brigitta Biermanski am Tscharwak-Stausee. Nach knapp fünf Stunden läuft die Rheinländerin hier durchs Ziel. Sie hat den ersten Usbekistan-Marathon durch die Ausläufer des Tien-Shan-Gebirges im Nordosten des Landes geschafft. Schwer atmend, aber glücklich sagt sie: „Sehr anstrengend, doch die Landschaft ist fantastisch.“ Dann hat sie noch genügend Energie, zu den Klängen des musikalischen Empfangskomitees zu tanzen. Sofort fallen junge usbekische Frauen in bunten Seidenkleidern und westlich gekleidete Männer in den Rhythmus ein. Sie tanzen offenbar gern, und sie tanzen wild und ausgelassen. „Tolle Menschen in einem tollen Land“, schwärmt Ultraläuferin Biermanski.

Gemeinsam mit drei Dutzend Läuferinnen und Läufern aus Deutschland, Österreich, Kasachstan und Usbekistan ist die 59-jährige Biermanski am frühen Morgen auf rund 900 Meter Höhe vor einem Sporthotel am Stausee gestartet. Bis auf 1750 Meter führt die anspruchsvolle Strecke hin auf. Die Bewohner der kleinen Dörfer staunen ungläubig, wie flott die meist mit hautengen Hosen, Trikots und modernsten Laufschuhen ausgestatteten Marathonis die steile Schlaglochpiste bewältigen, auf der die Usbeken sonst geruhsam auf einem Eselsrücken emporschaukeln. Manchmal begleiten Kinder die Läufer. Im Übrigen hält sich das Interesse der Bergbauern am ersten Usbekistan-Marathon allerdings in Grenzen.

Für die ehemalige Bankangestellte Brigitta Biermanski ist das Laufen zum Lebensinhalt geworden. Vor fünf Jahren nahm sie etwa am Friedenslauf von Lissabon nach Moskau teil, knapp 4300 Kilometer in 65 Tagen. Dagegen ist der Usbekistan-Marathon für sie eher ein Spaziergang.

Die Zahl der Laufenthusiasten in Deutschland geht in die Millionen, an der Spitze der Bewegung rennen die Marathonis und Ultraläufer. Wöchentlich absolvieren Tausende in aller Welt die klassische Strecke von 42,195 Kilometern. Kaum eine Großstadt, die sich mittlerweile nicht einen Imagegewinn durch ein Marathon ereignis verspricht. Bei Berlin hat das zum Beispiel hervorragend geklappt. Der Hauptstadtlauf im September gehört wie der New York Marathon zu den Klassikern. Wer mitmachen will, muss sich früh anmelden. Monate vor dem Start werden die Listen geschlossen.

So sucht mancher die Nische, die seit einigen Jahren Spezial anbieter wie das Berliner Unternehmen Reisezeit, die Münsteraner Cosse-Grossman oder die niedersächsischen Interair mit exotischen Laufreisen besetzen. Vom Eismarathon in Sibirien bis zum extremen Wüstenlauf reicht die Palette. Allein 28 Laufreisen hat Reisezeit für 2009 im Angebot, darunter im März eine Premiere am Roten Meer, nicht weit von Scharm El-Scheich. Fast immer werden auch Halbmarathon und die Zehn-Kilometer-Strecke mit angeboten. „Man muss ja auch an die Partner der Marathonis denken“, erklärt Reisezeit-Mitarbeiter Jörg Knobloch. Viele der klassischen Marathons sind im Komplettpaket – Anreise, Unterkunft, Startnummer – sogar über reguläre Reisebüros zu buchen. „Manche Läufer suchen aber etwas ganz Spezielles, und das versuchen wir dann anzubieten“, erklärt Knoblauch.

Der gelernte Betriebswirt hatte vor zwölf Jahren den Marathon in Kasachstans Hauptstadt Almaty ins Leben gerufen. Über Kontakte ins Nachbarland Usbekistan kam er auf die Idee, auch dort einen Marathon zu organisieren, den er selbstverständlich auch mitläuft. Seit fünfzehn Jahren bietet sein Arbeitgeber den „Two Oceans Marathon“ an, der auf einer Strecke von 56 Kilometern an der Spitze Südafrikas den Atlantischen und den Indischen Ozean miteinander verbindet. Auf dem kulturellen Rahmenprogramm stehen Besuche von Kapstadt und eine Stippvisite ins Nachbarland Namibia.

Auch Rudi Speer gehört zur Zielgruppe der exotischen Marathon-Reisen. Der Strahlenschutz-Ingenieur aus Bayern zählt sich selbst „zu den Verrückten“. 164 Marathons hat er bereits hinter sich. Er sammelt Marathons wie andere Menschen Briefmarken. Neben den Klassikern in Boston, New York und London hat er bereits Läufe an so exotischen Orten wie der Sahara, auf dem zugefrorenen Baikalsee oder den 100-Kilometer-Lauf durch die Schweizer Alpen absolviert.

Wem das immer noch nicht extrem oder schräg genug erscheint, der kann auch in einer stillgelegten Zeche im thüringischen Sondershausen mehrere hundert Meter unter Tage einen Marathon laufen, oder, je nach Jahreszeit, am Nord- oder am Südpol. „Der Markt für Marathons ist groß“, weiß der 55-jährige Speer, der zwei bis drei Mal pro Jahr zum Extrem-Ausdauerlaufen in exotische Länder fährt. Ihn interessieren vor allem auch fremde Kulturen, für deren Kennenlernen er vor oder nach den Läufen immer noch genügend Zeit einplant.

Die meisten organisierten Laufreisen sind auf fünf Tage konzipiert, drei Tage Akklimatisieren und Kultur, einen Tag Laufen, einen Tag für An- und Abreise. Die Preise bewegen sich zwischen 900 und 1500 Euro für die interkontinentalen Ziele, aber es geht auch noch exklusiver. Als Nächstes plant Rudi Speer einen Extremlauf im ewigen Eis. Vom argentinischen Patagonien will eine Gruppe Ultraläufer mit dem Schiff über die Drake- Straße in die Antarktis übersetzen und dort einen Marathon laufen. „Eine Premiere“, sagt Speer und freut sich, dass die Behörden bei den Genehmigungen mitgespielt haben. Die zehntägige Reise zu dem Ereignis Anfang März kostet ab 5300 Euro.

Besonders für Länder, deren touristische Infrastruktur sich noch im Aufbau befindet, ist der Lauftourismus eine Art Sprungbrett. So unterstützt die usbekische Tourismusbehörde die Laufaktivitäten in dem zentralasiatischen Land. „Die Verantwortlichen im Tourismus wollen das positive Image von Langläufen nutzen“, weiß Jörg Knobloch. Deshalb wird der nächste Usbekistan-Marathon nicht im Gebirge, sondern in Samarkand an der Seidenstraße stattfinden. Ob Brigitta Biermanski dabei ist, weiß sie noch nicht – wahrscheinlich ja.

0 Kommentare

Neuester Kommentar