Mindestlohn : Rasten wird teurer

Geschlossene Wanderhütten: Betreiber können Mindestlohn nicht zahlen.

Jasper Rothfels
Brotzeit vor der Wanderhütte. Ob sich der Betrieb für die Wirte noch rentiert, ist fraglich.
Brotzeit vor der Wanderhütte. Ob sich der Betrieb für die Wirte noch rentiert, ist fraglich.Foto: Rudolf Pigneter/Mauritius

Der Mindestlohn verursacht landauf, landab Diskussionen – und manchmal auch mehr als das. Im Pfälzerwald etwa seien viele Betreiber von Wanderhütten über die Neuregelung entsetzt, sagt der Geschäftsführer des Pfälzerwald-Vereins (PWV), Bernd Wallner. Sie befürchten, dass sie die beliebten Ausflugsziele im größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands reihenweise dichtmachen müssen, wenn sie den Ehrenamtlichen, die die Hütten bewirtschaften, 8,50 Euro die Stunde zahlen müssen. Die Stimmung sei „stark aufgeheizt“, sagt Wallner.

Woher rührt die Angst? Erst kürzlich hatte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) betont, dass ehrenamtliche Arbeit nicht an den Mindestlohn gebunden sei. Aber im Pfälzerwald ist die Situation kompliziert. Von den etwa 100 PWV-Hütten bieten 85 Speisen und Getränke an, etwa die Hälfte davon wird von Ehrenamtlichen bewirtschaftet. Viele von ihnen erhalten zum Dank ein paar Euro die Stunde und sind ordnungshalber als Minijobber gemeldet.

Und für die gilt seit dem 1. Januar der Mindestlohn. Den aber können sich die Vereine nicht leisten. Dafür seien die Einnahmen zu gering, sagt Ottmar Klein von der PWV-Ortsgruppe Merzalben. Seine Hütte hat deshalb seit Jahresbeginn nicht mehr aufgemacht.

"Wir hängen in der Luft"

In der bei Wanderern und Mountainbikern beliebten Schenke sorgen sonst immer sonntags zwei Männer und zwei Frauen für Speis’ und Trank. Sie sind am Umsatz beteiligt und kommen bei guten Einnahmen auf drei bis vier Euro die Stunde. Immerhin, sagt Klein, fahren sie mit dem eigenen Wagen zur Hütte. Fielen nun 8,50 Euro an, inklusive Sozialabgaben sogar 12 Euro, dann koste eine Zehn-Stunden-Schicht 480 Euro. Zuzüglich der Ausgaben für Wasser und Strom sei das nicht mehr zu schaffen. „Wie es weitergeht, weiß ich schlicht nicht, wir hängen in der Luft“, erklärt Klein.

Das Bundesarbeitsministerium, das den Mindestlohn als gerecht verteidigt, hat klargestellt, dass es von den Verhältnissen der Helfer abhängt, ob sie Ehrenamtliche oder Arbeitnehmer sind. Ehrenamtlich ist die Arbeit demnach, wenn sie nicht dazu dient, die eigene Existenz zu sichern oder zu verbessern, sondern Ausdruck einer inneren Haltung gegenüber dem Gemeinwohl ist.

Der Verein will jedoch ganz genau wissen, was er tun muss. Es gebe viele Ideen, zum Beispiel, dass Helfer zum Teil ehrenamtlich arbeiteten und zu einem anderen Teil, vertraglich festgelegt als Minijobber mit Mindestlohn. Aber man brauche die Sicherheit, dass ein Modell rechtens sei, sagt Wallner. Denn man wolle ausschließen, dass die Behörden bei einer späteren Prüfung sagten: So nicht – und dies dann Konsequenzen habe.

Ehrenamt bleibt Ehrenamt

Auch die Naturfreunde hätten diese Probleme, sagt Stephan Schenk, Fachgebietsleiter für Naturfreundehäuser bei der Organisation, die bundesweit an die 400 Gebäude unterhält. Allein im Pfälzerwald gelte das für etwa zwölf Hütten und insgesamt für eine nennenswerte Zahl. Auch hier könnte am Ende die Schließung stehen. Es gehe ebenso um Gaststätten von Sportvereinen, wenn die von Mitgliedern für ein kleines Dankeschön betrieben werden. Letztlich gehe es aber um mehr, nämlich um die Frage, wie man ehrenamtliche Arbeit bewerte, die nicht mit der Ehrenamtspauschale von 720 Euro im Jahr abzudecken sei.

Ob das Thema noch andere Vereine in Deutschland umtreibt, habe man noch nicht flächendeckend erhoben, sagt Erik Neumeyer vom Deutschen Wanderverband. Bundesweit unterhalten Gebirgs- und Wandervereine – ohne die Naturfreunde – 504 Wanderhütten oder -heime. Die Betriebsstruktur reicht von der Verpachtung bis zum reinen Ehrenamt.

Nach dem jüngsten Gespräch mit Vertretern von Bundesarbeits- und Finanzministerium zeigten sich die Vereine jedoch optimistisch. Lösungsansatz: Ehrenamtliche Arbeit soll künftig so genannt werden, wenn die Kriterien dafür erfüllt sind, und nicht geringfügige Beschäftigung. Dann fällt auch kein Mindestlohn an.

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