Moorbäder : Gut für die Wanne

In Niedersachsen kann man mit einer Bahn durchs Moor zuckeln – oder wohlig darin eintauchen.

Wolfgang Stelljes
Einfach mal reintreten. Der Moorlehrpfad im niedersächsischen Esterwegen macht vor allem Kindern Spaß.
Einfach mal reintreten. Der Moorlehrpfad im niedersächsischen Esterwegen macht vor allem Kindern Spaß.Foto: Ingo Wagner/dpa

Er war einmal ein richtig attraktiver Kerl, der Mann, der vor rund 2700 Jahren im Moor bei Husbäke im Ammerland ein trauriges Ende gefunden hat. Mit lockigem roten Haar und einem kleinen Schnauzer, so jedenfalls zeigt ihn ein rekonstruiertes Foto im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg. Das, was noch von ihm übrig geblieben ist, liegt heute hinter Glas. Die uralte niedersächsische Leiche verdankt ihren vergleichsweise guten Allgemeinzustand den speziellen Bedingungen im Moor, sagt Museumsmitarbeiter Jochen Koopmann. „Moorleichen werden praktisch konserviert und wie Ötzi im Eis vor Umwelteinflüssen geschützt. Es gibt keine Würmer, es gibt keine Verwitterung, sie sind wirklich luftdicht abgeschlossen.“

Heute findet man übrigens kaum noch Moorleichen. Weil das Moor nicht mehr in Handarbeit, sondern industriell abgebaut wird. Und weil es intaktes Moor auch kaum noch gibt. Dort, wo noch Moorreste existieren oder auch renaturiert wurden, hat man das touristische Potential meist erkannt. So können Besucher des „Moor Informationszentrums Ahlenmoor“ im Landkreis Cuxhaven das mehr als 20 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet wahlweise zu Fuß oder mit einer kleinen Bahn erkunden.

Von 1956 bis 2001 wurde hier Torf zu Blumenerde verarbeitet und in aller Herren Länder exportiert. Die Feldbahn, die früher den organischen Bodensatz zum Torfwerk brachte, zuckelt heute mit Touristen durch das Hochmoor. Gut zwei Stunden dauert die Fahrt auf dem 5,7 Kilometer langen Rundkurs. An vier Stationen stoppt der Zug. Die Fahrgäste erfahren, dass Moorbewohner früher mit Hilfe von Gagelstrauch Motten vom Kleiderschrank fernhielten und ihre Holzschuhe mit Wollgras auspolsterten.

Oder dass es sich bei den berühmten Irrlichtern um Gase handelt, die aus dem Moor aufsteigen und sich in Verbindung mit Sauerstoff entzünden. Oder dass Moore ein guter Co2-Speicher sind und daher wichtig für den Klimaschutz. Zwischen Ems und Elbe gibt es eine ganze Reihe solcher Moorbahn-Angebote, unter anderem in Burgsittensen (Landkreis Rotenburg), Ströhen (Diepholz), Goldenstedt (Vechta) und Ramsloh (Cloppenburg).

Ganze zwei Jahrhunderte brauchte der Mensch, um die weiten unzugänglichen Moore im Nordwesten Deutschlands in Grün- oder Ackerland umzuwandeln. Geblieben sind ein paar größere Flächen wie das Ahlenmoor oder das Teufelsmoor bei Bremen sowie eine Reihe von kleineren Inseln, zum Beispiel das Kayhauser Moor in Bad Zwischenahn. Hier stößt der Besucher noch auf moortypische Vegetation wie Wollgras, Moosbeere und Sonnentau, hier wurde vor ein paar Monaten auch die „Niedersächsische Bodenstation Moor“ eröffnet, ein kleines Naturkundemuseum unter freiem Himmel. Auf einer etwa drei Meter hohen Moorwand sind rund 7000 Jahre Erdgeschichte dokumentiert. Eine sogenannte Plaggenhütte erinnert an die ärmlichen Lebensbedingungen der ersten Siedler im Moor, statt einer Straße existiert ein schmaler Bohlenweg.

Selbstverständlich fehlt bei Führungen auch nicht der Hinweis auf eine Moorleiche, die ganz in der Nähe vor knapp 90 Jahren beim Torfstechen entdeckt wurde. Untersuchungen ergaben: Der „Junge von Kayhausen“ wurde um 200 nach Christus durch Messerstiche getötet und im Moor versenkt. Seine Überreste befinden sich ebenfalls im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg.

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