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Nach Notstand : Der Spanische Luftraum ist wieder geöffnet

Ein wilder Streik der spanischen Fluglotsen hat zum Chaos auf den Flughäfen des Landes geführt. Auch an den Berliner Airports mussten Flüge gestrichen werden. Inzwischen ist der spanische Luftraum wieder geöffnet, doch normal läuft noch nichts.

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Gestrandet auf der Ferieninsel: Reisende stehen an einem Schalter der Fluggesellschaft Air Berlin auf dem Flughafen Mallorca.Alle Bilder anzeigen
Foto: AFP
04.12.2010 09:32Gestrandet auf der Ferieninsel: Reisende stehen an einem Schalter der Fluggesellschaft Air Berlin auf dem Flughafen Mallorca.

Nach einem wilden Streik der Fluglotsen ist der Luftraum in Spanien wieder geöffnet worden. Das teilte das Verkehrsministerium in Madrid mit. Mit Beginn der Nachmittagsschicht seien die Fluglotsen zum Dienst erschienen. Die staatliche Flughafenbehörde AENA rechnet nach eigenen Angaben damit, dass der Flugbetrieb von 19 Uhr an allmählich wieder zur Normalität zurückfindet. Zuvor hatte die spanische Regierung wegen des Streiks den Alarmzustand ausgerufen. Das Militär übernahm die Gewalt über die Kontrolltürme. Den Lotsen war damit gedroht worden, sie nach Militärrecht zu langen Haftstrafen zu verurteilen.

Betroffen waren auch die Berliner Flughäfen. "Aktuell haben wir zwei gestrichene Flüge in Schönefeld und sechs in Tegel", sagte ein Sprecher der Airports am Samstagmorgen Tagesspiegel Online. Zudem gebe es deutliche Verzögerungen von Air-Berlin-Flügen auf die Kanaren: Flüge vom Morgen seien zunächst auf den Mittag verschoben worden.

Bei Air Berlin waren insgesamt 26 Maschinen in der Nacht zum Samstag von den Streiks betroffen. Die Internetseiten der Flughäfen in Berlin und Frankfurt zeigten am Samstagmorgen bereits gestrichene Flüge in Richtung Spanien an.

Hunderttausende Reisende hingen an spanischen Flughäfen fest. Angesichts der Weigerung der Luftkontrolleure, die Arbeit wieder aufzunehmen, rief die spanische Regierung am Samstagmittag den Notstand aus - das erste Mal in der spanischen Geschichte. Damit können die Kontrolleure zur Arbeit gezwungen und bei Verweigerung festgenommen und zu hoher Haft verurteilt werden.

Die Flughäfen in der Hauptstadt Madrid, auf Mallorca, auf den Kanarischen Inseln und im Rest Spaniens mussten am Freitagabend mangels Personal im Tower geschlossen werden. Die Arbeitsniederlegung stoppte praktisch den gesamten Luftverkehr über Spanien. Durch den Streik, der am Samstag noch andauerte, dürfte es auch am gesamten Wochenende und kommenden Wochenauftakt große Verspätungen von und nach Spanien geben. Spaniens Luftraum bleibt voraussichtlich bis Sonntagmorgen geschlossen, teilte die staatliche Flughafenverwaltung Aena mit.

Am späten Freitagabend hatte Spaniens Regierung die Luftraumüberwachung bereits dem Militär unterstellt. Rund 300 militärische Fluglotsen stehen bereit, um in den Kontrolltürmen auf den zivilen Flughäfen zu arbeiten. Der beschlossene Notfallplan sieht auch vor, dass die militärischen Flughäfen des Landes für den zivilen Luftverkehr geöffnet werden können. Diese militärischen Maßnahmen konnten aber am Samstag die Situation nicht entschärfen, weil die gesamte Luftraumkontrolle über Spanien zusammengebrochen ist.

Spaniens Verkehrsminister Jose Blanco entschuldigte sich bei den Passagieren und forderte die Streikenden auf, sofort an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. „Wir werden diese Erpressung nicht tolerien“, sagte Blanco, die Reisenden würden von den Fluglotsen „gefangen genommen“. Er drohte den Lotsen mit zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen sowie Entlassung. Rund 70 Prozent der spanischen Luftkontrolleure hatten sich am Freitagnachmittag plötzlich „krank“ gemeldet.

Hintergrund des wilden Streiks ist ein Beschluss der Regierung, die Arbeitsbedingungen und Dienstzeiten der Lotsen neu zu regeln sowie Privilegien der spanischen Fluglotsen abzuschaffen. Dazu gehören Änderungen bei der Überstundenanrechnung und den Ruhezeiten, was für die Lotsen Gehaltseinbußen bedeutet. Die spanische Regierung begründete ihre Reform damit, dass Spaniens Lotsen zu den Spitzenverdienern im Land gehören und erheblich besser bezahlt werden als in anderen Ländern der Europäischen Union. Spaniens Lotsen verdienen zwischen 200.000 und 300.000 Euro im Jahr.

Der Airport von Madrid ist der größte Flughafen Spaniens, auf der Urlauberinsel Mallorca befindet sich das drittgrößte Luftverkehrskreuz des Landes. Auch die Touristenairports auf den Kanarischen Inseln Gran Canaria, Teneriffa und Lanzarote gehören zu den zehn Flughäfen mit dem höchsten Passagieraufkommen des Landes. Rund 330.000 Reisende, darunter viele Urlauber, hingen am Freitag und Samstag alleine in Spanien fest. Hinzu kamen zehntausende Urlauber auf ausländischen Airports, deren Flüge abgesagt oder verschoben wurden.

Mehrere große Fluggesellschaften wie die spanische Linie Iberia sagten die meisten Flüge von spanischen Flughäfen bis Sonntagmorgen ab. Auch bei Spanair, Lufthansa, Ryanair und Air Berlin wurden die meisten Flüge von und nach Spanien verschoben oder gecancelt. Die Fluggäste in Spanien wurden aufgerufen, zunächst nicht mehr zu den Airports zu kommen, die bereits mit wartenden Passagieren überfüllt sind.

Spaniens Airports gehören dem Staat. Am Freitagvormittag hatte die sozialistische Regierung von Jose Luis Zapatero zudem beschlossen, Spaniens Flughäfen schrittweise zu privatisieren, was den Fluglotsen gleichfalls nicht gefällt. Das Bodenpersonal, das um seine Arbeitsplätze fürchtet, hatte wegen der Privatisierungspläne bereits für die Weihnachtstage einen Streik angekündigt.

Grundsätzlich sind alle Airlines laut der EU-Fluggastrechteverordnung gehalten, ihren Reisenden bei Flugabsagen Ersatzflüge zu vermitteln oder das Geld unbürokratisch zurückzuerstatten. Ein Anspruch auf zusätzliche Entschädigungszahlungen besteht im Streikfall aber nicht.

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