Israel : Dann geh doch in die Wüste

Tel Aviv und Jerusalem muss man gesehen, wohl auch im Toten Meer gebadet haben. Im Negev aber kommt man in Israel wirklich an.

Sebastian Leber
Archaisch schön. Angesichts der Negev-Wüste (hier in ihrem Süden) fühlt sich ein Mensch sehr klein.
Archaisch schön. Angesichts der Negev-Wüste (hier in ihrem Süden) fühlt sich ein Mensch sehr klein.Foto: Albatross/vario images

Der Beduine spricht nur wenige Brocken Deutsch, die aber ständig. Sein Lieblingswort lautet: „Hoppala“. Das ruft Ali Elatrache jedes Mal, wenn wir in unserem Landrover ordentlich durchgeschüttelt werden. Kurve links: „Hoppala“. Buckel rechts: „Hoppala“. Eine halbe Stunde geht das so, beim Offroadtrip durch die judäische Wüste. Bis es plötzlich hinten knallt. Der Jeep bremst ab, Ali Elatrache ist kurz mal still. Ein unvorsichtiger Tourist ist mit seinem Quadmobil zu dicht aufgefahren und uns ins Heck gekracht. Zum Glück hat sich keiner verletzt, und auf einen Kratzer mehr oder weniger kommt es bei unserem Wagen auch nicht mehr an.

„Alles versichert“, sagt der Beduine, diesmal auf Englisch – und dass er mit dem Quadfahrer nachher im Basislager sicher noch schimpfen wird. Jetzt aber erst mal weiter „Hoppala“ und noch tiefer hinein in die Wüste. Ab und zu sieht man Akaziensträucher, ansonsten wirkt die Landschaft karg und arg lebensfeindlich. Als es dämmert, halten wir in der Mitte einer weiten Ebene. Keine Anzeichen von Zivilisation, so weit wir schauen können. Ali Elatrache steigt aus und breitet eine bunt gemusterte Decke auf dem Sandboden aus, erst jetzt wird klar: Der gute Mann ist die ganze Zeit barfuß gefahren. „Schuhe sind in Israel ziemlich teuer“, behauptet er. Wahrscheinlich hat er mit diesem Scherz schon ein paar Touristengruppen vor uns zum Lachen gebracht.

Ali Elatrache hat Datteln in einer Plastikbox mitgebracht plus eine große Thermoskanne mit schwarzem Tee. Nun zückt er sein Smartphone und zeigt ein verwackeltes Foto herum. Das Helle dort, das sei ein wilder Esel, sagt er. Elatrache hat ihn selbst fotografiert, gar nicht weit von hier. Sicher sei dies eines der ausgewilderten Tiere. Wie die ganzen Strauße und die Oryx-Antilopen mit ihren schwarz-weißen Gesichtern. Die leben jetzt alle wieder in Israel. Eingekauft aus Nachbarstaaten oder gezüchtet.

Zebra Cherry könnte 2014 ein Hit werden

Das Schicksal dieses Landes wird sich in der Wüste entscheiden, hat Ben Gurion, der erste Ministerpräsident, vor einem halben Jahrhundert gesagt. Sollte heißen: Gelingt es nicht, auch die unwirtlichen Gebiete zu besiedeln und nutzbar zu machen, ob nun für Landwirtschaft oder Tourismus, kann Israel nicht überleben. Denn der größte Teil des Staatsgebietes ist Wüste. 60 Prozent nimmt allein der Negev im Süden ein. Anderthalb Tage lang haben wir ihn durchquert, zwischendurch angehalten, um Steinböcke zu fotografieren oder in der kleinen Planstadt Mitzpe Ramon zu rasten. Die liegt am Rand eines gigantischen Kraters, der von Einheimischen gern mit dem Grand Canyon verglichen wird. Bloß dass Touristen hier auf Kamelen durchs Tal reiten können.

An diesem Abend in der judäischen Wüste, auf unserem Teppich und mit Datteln in der Hand, schwören wir uns gegenseitig, bald wiederzukommen und dann genau an dieser Stelle zu übernachten. Was wollt ihr in eurem Sterne-Hotel, fragt der Beduine, dort oben am Himmel funkeln doch zigtausende.

Die Israelis haben sich alle Mühe gegeben, zumindest Teile der Wüstenareale nutzbar zu machen. Wer durch den Negev reist, entdeckt gelegentlich kleine Plantagen. Dort wächst Gemüse in Reih’ und Glied, mit Netzen geschützt gegen gefiederte Räuber und Insekten. Hier kommen die Cherrytomaten her, die Deutsche so gern auf Cocktailspieße stecken. Weil sich die Miniaturtomaten zum Exportschlager entwickelt haben, forschen die Landwirte des Negev in speziellen Zuchtzentren gemeinsam nach neuen Arten. Die zweifarbige Zebra Cherry zum Beispiel ist halb hell-, halb dunkelrot. Sie könnte 2014 ein Hit werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar