Niedersachsen : "Wir üben auch das Fallen"

Bad Zwischenahn wurde zum besten Kurort Niedersachsens gekürt. Die Gäste der 60-plus-Generation lieben ihn. Manche möchten für immer bleiben

Knut Diers

„Ich habe Zeit“, sagt Dorothee Testa. Sie ist Pastorin in Bad Zwischenahn und nur für die Urlaubsgäste da. Das gibt es selten in Deutschland, aber der Ort im Ammerland bei Oldenburg und Bremen hat sich für eine eigene Tankstelle fürs Seelenheil entschieden. „Wenn die Menschen Urlaub machen, haben sie Zeit, sich zu öffnen“, stellt die Pastorin fest. „Da fange ich sie auf, und wir können die Bilder in ihren Lebensfotoalben mal durchblättern und neu ordnen.“ Die Frau liebt eine bildliche Sprache, hat Humor und Tiefe. Genau das schätzen die Gäste.

Ein paar Schritte neben ihrem lichtdurchfluteten Büro üben die Kurgäste das Treppensteigen mit Gehhilfen. „Wir probieren auch das Fallen aus“, sagt eine Frau um die 50. Vorbereiten auf das Alter in einer Gesellschaft, die in wenigen Jahren zu weit mehr als einem Drittel aus Menschen jenseits der 50 Jahre besteht, das ist die Herausforderung vieler Urlaubsorte. Bad Zwischenahn – gerade mal sieben Meter über dem Meeresspiegel – hat da Vorteile: Es gibt keine Berge. Das flache Ammerland im Nordwesten Niedersachsens scheint wie geschaffen fürs ebenerdige Dahinrollen und -laufen rund um den See, der dort oben etwas übertrieben Meer heißt.

Doch es gehört wohl mehr dazu, als eine perfekte Landschaft zum Boulen bieten zu können. Kurdirektor Peter Schulze, der jene 400 Mitarbeiter lenkt, die für die Gäste zuständig sind, hat jahrelang am Service gearbeitet. Heute ist der Kurort nach einer gerade veröffentlichten Studie des Europäischen Tourismus- Instituts in Trier auf Platz eins in Niedersachsen, bundesweit sogar auf Platz zwei hinter Bad Neuenahr. Das Geheimnis des Erfolgs lautet bei Schulze so: „Einfach versuchen, immer gut zu sein.“

Die Gäste kommen durchschnittlich elfmal wieder. Eine Traumquote bei Wiederholern. Mit rund 170 000 Übernachtungen im Jahr liegt der Ort mit 5000 Betten erstaunlich weit oben. Wie kommt das? Eine zufällige Umfrage in der Wandelhalle, in den kleinen Läden, die sogar sonntags öffnen, und im Wellenbad offenbart folgendes Bild. Ein Ehepaar aus Osnabrück sagt: „Wir lieben das Schwimmen im Sole-Außenbecken.“ Ein 60-Jähriger aus Dortmund meint: „Ich teste das Radeln und Aal essen, wir wollen bald mit unserem Kegelclub ein Wochenende kommen.“ Eine Frau um die vierzig aus Bremen erzählt: „Ich mache mit einer Freundin Wellness zu zweit. Wir nehmen immer Orangenpeeling und Massage.“

Marketingleiterin Meike Holfeld hat auch die Frauen am Servicetelefon getrimmt. „Nicht oft hin- und herverbinden, keine Werbeslogans, sagen, was ist“, beschreibt sie ihre Vorgaben. Die Klarheit des Nordens gefällt den Leuten. Die meisten Buchungen der 60-plus-Generation kommen über das Telefon, obwohl sich die meisten vorher schon im Internet informiert haben.

Zur Rhododendrenblüte im Mai und Juni ist im Ort fast alles belegt. „Da blühen auch unsere Gäste auf“, freut sich eine Telefonmitarbeiterin. Die fleischblättrigen Hartholzgewächse lieben die feuchte Luft, die auch den Gästen guttut. Mit seinen Parks konnte der Ort schon eine Landesgartenschau bestreiten. „Unter den Älteren sind eigentlich immer Gartenliebhaber“, erläutert ein Parkpfleger. Er hält mit dem Heimatverein die Grünanlagen um die Alte Mühle und den „Spieker“ in Ordnung. In dem Fachwerkhaus mit einem kleinen, feinen Restaurant wird gern geräucherter Aal bestellt.

Schachweltmeisterschaft der Senioren, Boulewettbewerbe, Minigolfwettkämpfe – die Älteren können angenehme Hobbys pflegen oder entdecken. Sie zocken im Kasino. Sie tanzen. Sie singen. Sie genießen die Sicht auf die Segelboote. Viele können sich vorstellen, für immer zu bleiben. Der Zuzug von alten Menschen hält seit Jahren an. „Meine Frau und ich sind erst mit 60 hierhergezogen“, sagt ein etwa 70-Jähriger, der am Schiffsanleger bei Dreibergen am Nordufer sitzt. „Hier können wir gut und preiswert leben, wenn es uns schlechter gehen sollte, haben wir ein prima Klinikangebot“, sagt er, „und einmal im Monat gehen wir zum Jazzfrühschoppen.“

Ob Beachvolleyballturnier, Kabarett mit Hans Scheibner oder Triathlon, die Gäste strömen. 750 Meter Schwimmen durchs Zwischenahner Meer, 27 Kilometer radeln um den See und fünf Kilometer joggen gehören zum Programm. Es geht nicht um Rekorde, sondern um Spaß. Den finden auch immer mehr Behinderte. „Darauf sind die hier bestens eingerichtet“, sagt Klaus Beinhorn. Er führt einen mildtätigen Verein aus Hannover, der vor einem Jahr ein Gästehaus am Meer gekauft hat, um dort Behinderten zu einem Erlebnisurlaub zu verhelfen. „Hier wird niemand diskriminiert“, hebt er hervor. Das sei einer der Gründe gewesen, gerade hier die Zelte aufzuschlagen.

Inzwischen sitzt die Frau, die das Fallen im Reha-Zentrum am Meer geübt hat, ein paar Meter weiter im Café und blickt auf das Zwischenahner Meer. Die Pastorin sieht sie, winkt, setzt sich kurz zu ihr. „Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie an, ich habe immer Zeit“, sagt Dorothee Testa und lächelt.

Informationen: Bad Zwischenahner Touristik GmbH, Bad Zwischenahn, Telefonnummer: 044 03 / 611 59, im Internet: www.bad-zwischenahn-touristik.de oder unter www.wellness-am-meer.de

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