Potsdam : Apfelschorle am Wasser

Auch wenn man es heute kaum noch merkt: Potsdam ist eine Insel. Ein neuer Radweg führt rundherum und berührt die schönsten Ecken.

Marlies Gilsa
Potsdam
Potsdam: Der Marmorpalais am Heiligen See. -Foto: Picture-alliance

Caipirinha morgens um elf? Nein, darauf können wir verzichten. Und es ist gut, dass die Musik in der Strandbar noch gedämpft ist. Die dezenten Klänge passen viel besser zur Idylle südlich vom Potsdamer Stadtzentrum. Vor uns dümpeln ein paar Boote im Wasser, Trauerweiden ranken sich über die Ufer, dahinter breitet sich gemächlich die Havel aus.

Die Beachbar ist unsere erste Station auf dem Gartenkulturpfad, der auf gut vierzig Kilometern die Insel Potsdam umrundet. Auf Anregung der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 unter der Schirmherrschaft von Gräfin Sonja Bernadette entstanden, führt er zusammen mit vier weiteren Routen Besucher in die vielfältigen Parklandschaften jenseits von Sanssouci, die das Gesamtkunstwerk unzähliger Kolonisten, Hofgärtner und Gartenbauarchitekten sind.

„Dass gantze Eylandt mus ein paradis werden“, hatte Fürst Moritz von Nassau-Siegen 1664 an den Kurfürsten von Brandenburg geschrieben und den Anstoß zur Gestaltung der Wald- und Wiesenlandschaft gegeben. Das Ergebnis sind Linden- und Eichenalleen, Gutsgärten, Wiesen, auf denen Kühe weiden, verträumte Dörfer sowie Volks- und Schlossparks wie der von Marquardt. Neben dem Sacrow-Paretzer Kanal umarmen unzählige Seen, die eigentlich Havelausbuchtungen sind, die Stadt. Und fast alle liegen auf unserem Inselrundweg.

Wir starten am Lustgarten schräg gegenüber vom Hauptbahnhof und radeln zunächst am Templiner See entlang, wo Kleingärten, Kanuclubs und Yachthäfen die Ufer der Havel säumen. Zwischendurch grüßen die futuristischen Gebäude des Luftschiffhafens und das schnörkellose art´otel Potsdam mit dem Restaurant „Aqua“ und dem denkmalgeschützten Persiusspeicher. Dann zweigt der Weg an der Pirschheide in den Wildpark ab. Der würzige Duft frisch gefällter Bäume steigt uns in die Nase. In früheren Jahrhunderten Jagdgebiet der preußischen Könige, bekommen wir in dem dichten Laubwald zwar keine Rehe zu sehen, aber eine maurisch anmutende Waldschule aus dem 19. Jahrhundert. Nach einigem Herumirren – die Kennzeichnung des Gartenkulturpfads lässt hier und da noch zu wünschen übrig – kommen wir zum Großen Zernsee, wo sich zwischen Kleingartenkolonien das Schlosshotel Golm versteckt.

Das wäre jetzt der richtige Ort für eine Pause im Kaffeegarten. Doch leider öffnen die Schlossherrinnen Cora und Swetlana Freifrau von dem Bottlenberg nur an Wochenenden das Anwesen für Besucher. Also fahren wir weiter zu den von Schweizern gegründeten Kolonistendörfern Nattwerder und Grube. Ihre liebenswerten Dorfkirchen schließen wir gleich ins Herz, aber auf ein ansprechendes Gartenlokal haben wir vergeblich gehofft.

Zu unserer Apfelschorle kommen wir erst in der Nähe des Sacrow-Paretzer Kanals, wo sich ein paar Gaststätten zwischen Kleingärten am Wasser verstecken. Danach geht es zum Tyroler Graben. Dieses Mal waren es österreichische Siedler, die den Wasserlauf im 17. Jahrhundert im Auftrag des Großen Kurfürsten aushoben. Statt seinem Lauf zu folgen, setzen wir die Fahrt auf dem Gartenkulturpfad fort, der jetzt unter einsamen Baumalleen den Höhepunkten des Inselrundwegs entgegenstrebt.

Hoch oben vom Pfingstberg grüßt schon von weitem das stolze Belvedere mit Doppelturm und Kolonnaden. Der Blick vom Turm ist fantastisch. Man sieht auch auf den sehr viel bescheideneren Pomona-Tempel, der ein Frühwerk Schinkels ist. Von da aus erreichen wir über die fast hundertjährige Kleingartenkolonie „Bergauf“ den Neuen Garten. Jetzt müssen wir die Räder schieben – in der Unesco-Weltkulturerbe-Landschaft herrschen neuerdings strenge Regeln. Doch wären wir ohnehin vom Sattel gestiegen, um uns die architektonischen Kleinode genauer anzusehen. Hier spiegelt sich das klassizistische Marmorpalais im Wasser des Heiligen Sees, dort ließ sich der Erbauer von Schloss Cecilienhof vom englischen Tudorstil inspirieren. Die benachbarte „Meierei“, wo früher Friedrich Wilhelm IV. seine Milch trank, hat guten Fisch und selbst gebrautes Bier zu bieten.

Die spannende nächste Station ist eine ehemalige Industriebrache – die Schiffbauergasse am Tiefen See, wo das Herz des jungen Potsdam schlägt. Aus einer Fabrikhalle ist ein Ort für modernen Tanz geworden. Neben dem Hans-Otto-Theater liegt das Schiffsrestaurant „John Barnett“ vor Anker, daneben ist die zum Trendrestaurant „Il Teatro“ mutierte Zichorienmühle Friedrichs des Großen.

Lange könnten wir hier am Wasser verweilen und zugucken, wie die Ausflugsdampfer am gegenüber liegenden Park von Babelsberg vorüberziehen. Aber wir müssen noch den letzten Höhepunkt des Inselrundwegs erleben. Zumal der noch einmal eine eigene Insel ist: die Freundschaftsinsel an der Tiefen Fahrt schräg gegenüber vom Hauptbahnhof. Ende der 1930er Jahre von Karl Foerster und Hermann Mattern als Schau- und Sichtungsgarten für Blütenstauden, Farne und Gräser angelegt, wachsen hier mittlerweile 1200 verschiedene Pflanzenarten.

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