Schottland : Am Globus des Grafen

Seit 1704 ist Traquair Castle ein schottischer Adelssitz. Catherine Maxwell Stuart ist die 21. Lady of Traquair Die junge Lady lässt Besucher gern in Säle und Gemächer blicken.

Monika Hippe
Traquair Castle
Trutziges Herrenhaus. Die heutige Adelsfamilie wohnt im Eckturm. -Foto: Imago

Das 18. Jahrhundert schleicht sich fast unbemerkt in die Nase. Und breitet sich dann mit der Wucht frisch gedüngter Felder aus. Aber es riecht nicht übel, eher modrig-adelig – nach uraltem Holz, eingestaubtem Leder und den Ausdünstungen von mehr als 300 000 vergilbten Buchseiten. In der Bibliothek des Schlosses Traquair sind die Wände mit antiken Büchern getäfelt. Eingerichtet wurde sie 1704 vom 4. Graf von Traquair. „Für den Erd- und den Himmelsglobus und ein Astronomiebuch hat er exakt 14 Pfund und 14 Cent bezahlt“, sagt Catherine Maxwell Stuart und zeigt auf die beiden verblichenen Kugeln auf dem Tisch. „In diesem Haus wurde jeder einzelne Kaufbeleg aufbewahrt“, betont sie.

In ihrer schlichten, dunkelblauen Hose und Weste wirkt die kleine ungeschminkte Frau fast wie eine Buchhalterin. Doch sie ist die 21. Lady of Traquair und heutige Besitzerin des ältesten durchgängig bewohnten Anwesens Schottlands. Sie gehört der Stuart-Dynastie an, die jahrhundertelang die schottische und später auch die britische Krone trug. Das Gebäude mit Ecktürmchen und Gitterfenstern ist 900 Jahre alt und wurde ursprünglich als Festung gebaut. Später diente es als Jagdschloss. 27 schottische Könige kamen im Laufe der Jahrhunderte zu Besuch nach Traquair in die Region Borders, 62 Kilometer südlich von Edinburgh.

Bei Sonnenschein hat die Landschaft an der Grenze zu England Postkartenqualität. Tausende Schafe mähen das Gras auf den Hügeln, die wie sanfte Wellen durch die „Southern Uplands“ rollen. Gerstenfelder leuchten in der Abendsonne wie ein Meer aus Whisky. Die Seen sind kalt und tief. Im glasklaren Wasser des River Tweed springen Bachforellen und schnappen nach Fliegen.

Der Eckturm: "Wenig Platz, aber warm im Winter"

Die meisten Urlauber besuchen Edinburgh und fahren dann weiter in den Norden. Sie verpassen die kleinen romantischen Orte wie Peebles, Innerleithen und Kelso, wo man in jedem Vorgarten einen Blumenkünstler vermutet. Die alten Klosterruinen von Melrose, Jedburgh oder Dryburgh Abbey, wo Sir Walter Scott begraben liegt. Dem Dichter begegnet man überall: als Statue, als Namensgeber für die Straßen oder als Schlüsselanhänger in Souvenirläden. Sein Lieblings(arbeits)platz war auf einem Hügel nahe Melrose. Heute ist „Scotts View“ ein beliebtes Ausflugsziel bei Wanderern und Radfahrern.

Traquair liegt in einem 40 Hektar großen Park nahe Innerleithen. Auf dem Grundstück wachsen einige der ältesten Eiben und Douglasfichten Schottlands. Catherine bewohnt mit ihrem deutschen Mann und drei Kindern eine kleine Wohnung im Eckturm des Schlosses. „Wir haben dort wenig Platz, aber es ist warm im Winter“, sagt die 42-Jährige. Elektrizität gibt es erst seit 1960. Den Empfangssaal und das königliche Esszimmer nutzen sie noch für Familienfeiern. Dass Touristen durch die Räume wandern, das persönliche Porzellan und die Ölgemälde bestaunen, stört sie nicht. „Ich bin damit aufgewachsen. Und ich habe wunderbare Kindheitserinnerungen“, sagt Catherine. Mit fünf half sie im Teeraum. Später braute sie zusammen mit ihrem Großvater Bier in der hauseigenen Brauerei. Seit kurzem gehört ein „Jacobite Ale“ zum Sortiment, gebraut mit Koriander nach einem alten Rezept. Es soll an die Jakobitenaufstände im Jahr 1745 erinnern, die von den Stuarts unterstützt wurden.

In turbulenten Zeiten suchte auch die schottische Königin Maria Stuart Zuflucht in Traquair. Ihr Bett und die mit Schnitzereien verzierte Wiege aus Holz für ihr Kind – den späteren James I von England – stehen unverändert im sogenannten Königsraum.

Die Dynamik des alten Gemäuers spüren

„Wir wollen nicht nur die Vergangenheit lebendig halten, sondern die Besucher die Dynamik fühlen lassen, die dieses Haus noch hat“, meint Catherine. Mehrmals im Jahr veranstaltet sie deshalb Feste für Jedermann. Hunderte Besucher kommen im August zum jährlichen „Traquair Fair“, einem Sommerfest mit Gauklern, Akrobaten und Musikbands oder im Mai zum mittelalterlichen Fest, wo sie alles über Bogenschießen, Falkenjagd und altertümliche Buchbinderei lernen können.

Kinder lieben Ostern in Traquair. In diesem Jahr hatten Catherine und ihre Angestellten rund 6000 Ostereier im Irrgarten hinter dem Haus versteckt. Außerdem vermietet die Familie zwei Schlafgemächer mit Himmelbett und Kronleuchter für Hochzeitspaare. Sie können sich in der kleinen Kapelle über der Brauerei trauen lassen und anschließend mit ihren Gästen im Schloss feiern. Manche Braut, so heißt es, lasse sich für den großen Tag in der hauseigenen Schmuckwerkstatt eigens eine goldene Krone anfertigen.

Trotz der vielen Besucher ist der offizielle Eingang von Traquair, dem „Haus an der Bachbiegung“, stets verschlossen. Charles, der 5. Graf von Traquair verriegelte das sogenannte Bärentor – das damals laut ausgestelltem Beleg 22 Pfund und 55 Cent inklusive nicht geringer Mengen Bier für die Arbeiter kostete – nach der verlorenen Schlacht hinter Bonnie Prinz Charlie. Der Graf schwor, das Tor erst dann wieder zu öffnen, wenn erneut ein Stuart den Thron besteige. „Darauf warten wir allerdings noch heute“, sagt Lady Catherine und lacht.

Mehr dazu im Internet unter www.celticcastles.com
Unter dieser Adresse findet man nicht nur ausführliche und nützliche Informationen über Schlösser in Schottland, England, Wales und Irland, sondern auch zu Châteaus in Frankreich.

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