Reise : Spa statt Bar

Von morgens bis abends kann getafelt werden. Das setzt an. Von einem Passagier, der schlank über die Runden kommen wollte

Uwe Bahn
Wunderbar leicht fühlt man sich im Whirlpool …
Wunderbar leicht fühlt man sich im Whirlpool …

Ich mache das alles freiwillig. Weder auf Druck meiner Frau noch auf Anraten meines Hausarztes. Ein Selbstversuch auf See: eine Woche „AidaSol“ – geht das gesund? Auf einem Schiff, das sieben Restaurants und dreizehn Bars an Bord hat. Bei einer Reederei, die als Pionier der feucht-fröhlichen Kreuzfahrt gilt. Ich werde nicht zu den Prosecco-Passagieren gehören, keinen Mai-Tai bis zum Morgengrauen trinken. Mein Programm heißt: Spa statt Bar. Stolze 2602 Quadratmeter gönnt Aida der Gesundheit auf diesem Schiff – der größte Fitness-Wellnessbereich auf See.

Auf Deck 12 beziehe ich meine Kabine. Dort finde ich neben dem obligatorischen Obstkorb: eine Dose Peeling-Salz, ein Fläschchen mit Grünem-Tee-Aroma, eine Nagelfeile, Nagelpolitur. Dazu den Dresscode für die Nachmittage: Bademantel und Badeschlappen. Und den Programmplan: erst Thalasso-Rasul-Zeremonie, danach Ernährungsberatung. Weitere Healthy-Hotspots: Power-Plate, Yoga und „Männersache“, eine Massage-Kosmetik-Kombi. Ein kleiner Auszug für die nächsten Tage. Vom Waschbär- zum Waschbrettbauch – dieser Weg wird kein leichter sein.

Gesundheitsgäste wie ich haben freien Zutritt zur Wellnessoase, andere müssen 20 Euro Eintritt am Tag bezahlen. Dafür gibt es dann aber auch limitierte Plätze in alt-griechischem Ambiente. Unter einem knorrigen Olivenbaum können wir uns auf Relaxliegen räkeln, umgeben von antiken Amphoren. Die haben nicht Archäologen, sondern Architekten hier aufgestellt. Das Interieur ist geschmackvoll konzipiert. Und konsequent: Die Behandlungskabinen tragen die Namen von griechischen Inseln. „Kreta“ und „Paros“ sind bereits von Deutschen besetzt. „Mykonos“ wäre noch frei, ist mir jedoch als allein reisender Mann zu riskant.

Schließlich werde ich weiblich betreut bei der Thalasso-Rasul-Zeremonie: zunächst Peeling mit Meersalz und Mineralienöl (nicht Mineralöl!). Danach abduschen. Dann im Rasul (Art Sauna) einreiben mit Algen. Nach der Prozedur sehe ich aus, als ob ich beim Töpferkurs in einen Lehmbottich gefallen wäre. Wasserdampf träufelt mir sanft die Algen vom Körper. Den Rest besorgt die Regendusche von oben. Die Zeremonie endet mit Tee trinken. In diesem Fall mit Biokräutertee, Variante Minze- Süßholz.

Im Brauhaus auf Deck 10 zischen sie schon die ersten Weißbiere und tanzen auf den Tischen: „Komm hol Thalasso raus – wir spielen Cowboy und Indianer!“ Oder so ähnlich. Dazu dann Schweinsbraten, Knödel und Haxen. Ein absolutes „no go“, wie ich in der Ernährungsberatung von Carolin erfahre. Versteckte Fette muss ich – so ich sie denn finde – streichen. Also: Tiramisu – tabu. Stattdessen soll ich auf einen Ausgleich zwischen Omega 3- und Omega 6-Fettsäuren achten. Aha. Das erkläre mal einem philippinischen Koch im Büfett-Restaurant. Dort nippe ich am stillen Wasser, während der Gratis-Tischwein kreist. Ich bin der Aida-Abstinenzler, und die anderen Passagiere sind im Karaffenland. Folter!

Aber es ist fundiert, was Carolin mir da erzählt. Ihr zehnseitiger Fitness- und Ernährungsplan wird meine Bordlektüre. Und so stehe ich mit dem Merkzettel im Marktrestaurant und scanne die Speisen: keinen Lachs, lieber Zander. Statt Salami besser Bierschinken. Und Distelöl, keine Mayonnaise. Und natürlich: Obst, Obst, Obst. Es geht gesund – wenn man sich am Büfett bewusst bedient. Sollen sich die anderen doch vollstopfen bis zur Atemnot. Wenn ich abends gar keine Kohlehydrate mehr zu mir nehme, holt sich mein Körper die Energie aus den Fettreserven. Und diese Fette verbrenne ich dann. Und dass, obwohl Feuer die größte Gefahr an Bord ist. Haben sie in der Seenotrettungsübung gerade wieder betont.

Auch der Landgang in Oslo ist ein ganz gesunder: Ich habe mich fürs Aida-Biken angemeldet. Für die Soft-Tour. Nicht hinauf zum Holmenkollen, ich will ja nicht als Hänfling von Bord kommen. Mit Brustgurt und Polar-Pulsmesser am Handgelenk trete ich vier Stunden in die Pedale. Pulsschlag 119 bis 136 – wie es Carolin mir aufgeschrieben hat. Beim Anstieg Richtung Vigelandpark piept der Pulsmesser bei 165 Beats/Minute. Trainingszone 3, maximale Leistung, bedeutet das. Die Etappe macht Spaß; Oslo vom Fahrradsattel, das ist Sightseeing einmal anders. Als Erinnerung an meine Energieleistung posiere ich am Schloss neben der königlichen Wache. Die Reederei- Räder, die Scouts, die Touren – sie haben sich wirklich Bestnoten verdient.

Die sogenannte Power-Plate im Fitnessbereich weniger. Kurze Checkliste von Carolin: Künstliche Hüftgelenke? Nein. Sonstige Implantate? Nein. Lockere Milchzähne? Nein. Dann darf ich mich auf eine vibrierende Platte stellen/legen. Das soll der Muskelbildung dienen. Aha. Den gleichen Effekt erreichen Sie bei Asphaltierungsarbeiten mit einem Presslufthammer in der Hand. Immerhin: Ich bin danach gut durchblutet. Neu an Bord ist auch Vichy. Eine Horizontaldusche gegen Cellulitis. Mögen dieses Vichy-Waschi andere ausprobieren.

Das große Plus des Schiffes: In der Wellnessoase vergesse ich, dass noch 2000 Passagiere mit mir reisen. Dieser Ort ist das Epizentrum der Erholung und Entspannung. Das habe ich mir auch vom Privat-Yoga mit John versprochen. Letztlich trennen ihn und mich doch Welten. Vor allem in Sachen Gelenkigkeit. Wie er die Füße hinter dem Kopf verschränkt, das geht bei mir nur mit achtfachem Bänderriss.

Yoga ist nicht mein Ding. Dafür die „Männersache“. Es mag in der Wellnesswelt so manche Mogelpackung geben, diese ist es nicht. Marie heißt die junge Frau, die ich hiermit offiziell zur Gesundheitsgöttin küre. Sie kommt aus Schwaben und spielt in ihrer Freizeit Harfe. Wissen Sie, was das bedeutet? Schon die Rückenmassage mit Efeu-Gel und Menthol lässt mich schnurren. Anschließend reinigt sie meine Haut mit Frangipani-Blüten und peelt danach mit Papaya. Ich lerne, dass es die Fruchtsäure ist, die meine Hautschuppen sanft löst. What a peeling! Und dann die Gesichtsmassage. Sie spielt Harfe auf meiner Haut. Dabei benutzt sie ein karibisches Öl, das nach Antigua duftet. Unter der Ananasmaske döse ich selig dahin. 119 Euro kostet die „Männersache“ mit Marie. Wenn sie jetzt zur Entspannung auch noch wirklich Harfe spielt – ich würde glatt das Doppelte hinlegen.

Bilanz: Nach einer Woche habe ich zwei Kilo abgenommen und sehe mindestens zwei Monate jünger aus. Belohnung: ein Bier im Brauhaus. Prost – auf die Gesundheit.

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