Südamerika : Wanderung in Brasiliens grünem Osten

Nicht drei, nicht vier, nicht fünf – tausend Sterne hat Michels Berghotel. Und heute Abend funkeln sie mit den Glühwürmchen um die Wette. Wirklich beeindruckend, dieses Anwesen.

Franz lerchenmüller

Allein der Entwurf ist preiswürdig und stammt aus einer Zeit, als die Architektin namens Natur sich noch nicht lumpen ließ: Ein wuchtiges Felsentor öffnet den Weg zur Halle, die nach vielen Metern in stockdusterer Finsternis zur anderen Seite hin auf einem Balkon ein grandioses Panorama erschließt: Hellgraue Felsstumpen ragen aus der grünen Ebene wie Hocker, die sich ein paar Riesen hingestellt haben, und dazwischen schlängelt sich wie ein grünes Band das Tal, Vale do Patí.

Eben hat der Hausherr seine Spezialität serviert, Spaghetti mit Tomatensoße und Soja, jetzt reicht er den süßlichen Zuckerrohrschnaps herüber. Das Feuer knistert, der Gast hat sich auf die Schlafmatte ausgestreckt. Der Weg hier hinauf war, zugegeben, eine Tortur: 500 schweißtreibende Höhenmeter durch steil ansteigenden Wald, während die Sonne die Luft auf 40 Grad anheizte. Wie herrlich, jetzt die Erschöpfung zu genießen. Die Augen fallen zu, nur ab und an dringt aus dem Dschungel noch ein verschlafenes Keckern hoch.

Die Nacht in der Höhle des Monte Castelo ist einer der Höhepunkte der fünftägigen Wanderung durch das Vale do Patí. 4000 Menschen lebten einst in der fruchtbaren, dicht mit Zuckerrohr, Kaffee und Bananen bewachsenen Niederung. Heute sind es noch 70. Das 30 Kilometer lange Tal schneidet sich ein in die Chapada Diamantina, eine Hochebene, die ein Drittel der Fläche des Bundesstaates Bahia im Osten Brasiliens einnimmt. Benannt ist sie nach den begehrten Steinen, die man dort während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Boden holte.

Es dauert, bis man im Vale ist: Zwei Stunden Fahrt von Lencois auf einer dramatisch schlechten Piste ins Vale do Capão, 27 Kilometer Fußmarsch über weite Grasebenen, und drei schroffe Anstiege. Michel ist dafür der ideale Begleiter: sportlich, fröhlich, aufgeschlossen. Der 29-Jährige kam mit 19 als Aussteiger aus São Paulo in die Chapada und verdient heute sein Geld als Fremdenführer und Imker. Was bedeutet, dass er eine Menge weiß über Bromelien, Mimosen und die 204 vorkommenden Arten von Orchideen. Und jede Menge Pflanzen kennt, die als Klopapier, Schlafmittel oder Aphrodisiakum taugen und so klangvolle Namen tragen wie Kehrbesenblume, Vogelkartoffel und Nackte Neger.

Übernachtet wird während der Wanderung in den Häusern der Einheimischen, bei Dona Léia, Don Bezo und anderen. Michels Agentur hat mit einem Anschubdarlehen dafür gesorgt, dass sie Töpfe, Geschirr und Bettwäsche kaufen konnten. Alle haben sie ihr Geld mittlerweile zurückgezahlt. Die etwa 500 Besucher, die pro Jahr das Tal durchstreifen, haben den Bauern das Überleben leichter gemacht, einigen sogar bescheidenen Wohlstand gebracht.

Don Wilson stampft Pitanga-Früchte zu Saft und kommt ins Erzählen: Wie sie zu viert den Nachbarn mit dem gebrochenen Fuß auf seinem Bett ins 18 Kilometer entfernte Guiné getragen haben, durch Regen und Schlamm und steile Maultierpfade hinauf. Denn wenn hier etwas passiert, heißt es, sich selbst zu helfen, einen Arzt gibt es nicht. Trotzdem möchte Don Wilson nirgendwo anders leben. Ihm hat der Tourismus Glück gebracht. Zwei Männer beschäftigt er inzwischen auf seinen Pflanzungen, die beiden Töchter beenden demnächst die Schule und wollen studieren.

Elektrizität gibt es nicht im Tal. Und also keinen Kühlschrank, kein Fernsehen und keine Mikrowelle. Auf dem Holzofen zaubert Dona Maria ein perfektes Mahl mit Kürbisgemüse, Kartoffelchips, Tomatensalat, Reis mit Bohnen, pochierten Eiern und sogar Rinderbraten. Eingesalzen hält das Fleisch ein paar Tage. Sanft zischt die Gaslampe, die Männer unterhalten sich leise über das anstehende Referendum zum Waffenbesitz in Brasilien, dann wartet schon das Bett im Anbau mit den geweißten Lehmwänden: Man geht zeitig schlafen im Vale.

Zwischen großen Felsblöcken führt anderntags der „Jaguar-Pfad“ in das Seitental Vale do Cachoeirão. Armdicke Lianen hängen von den Bäumen, Bromelien zieren die Äste, Quina-Bäume, die Chininlieferanten, streben wie gotische Pfeilerbündel nach oben. Plötzlich steht angepflockt ein Maultier am Weg. „Ah, Tonho schlägt wieder Patí-Palmen“, sagt Michel. Das Herz der Palme, die dem Tal ihren Namen gegeben hat, ist eine begehrte Spezialität – weshalb sie mittlerweile fast ausgerottet ist. Tatsächlich ist die Region Teil eines Nationalparks, in dem alle Eingriffe verboten sind. Aber Salvador, die Hauptstadt des Bundesstaates, ist weit. Und wo kein Kontrolleur, da gelten eigene Gesetze.

Weiter geht es über raschelndes Blattwerk und verrottende Stämme, mannshoch steht der Farn, Wurzeln angeln nach den Füßen – rundum dies wundervolle Chaos namens Dschungel. Grünmetallic blitzen Kolibris in der Sonne, und von ferne klingt es, als hämmere jemand unverdrossen auf ein kleines silbernes Hufeisen: Araponga, der Schmiedevogel, ruft. Ganz hinten aber öffnet sich ein Kessel und aus 240 Meter Höhe stürzt ein Wasserfall hinab. An seinem Ende tost das Wasser in schäumenden Kaskaden talwärts, in einen natürlichen Swimmingpool mit rotbraunem Wasser.

Am Abend erwartet Don Massur die Wanderer. „Viel fanden wir nie. Wenn aber einer mal Dusel hatte, dann wackelte die Hütte.“ Der 88-jährige Graukopf war zwischen seinem 12. und 45. Lebensjahr Garimpeiro, Diamantenschürfer. Um 1840 begann der Run auf die Fundstellen in der Chapada, fünf Jahre später eilten schon 30 000 Menschen in die Ödnis, kratzten Stollen in die Erde und höhlten das Konglomeratgestein aus wie Schweizer Käse.

„Wenn Markt war in Andaraí, zogen wir feinstes Leinen an und tupften französisches Parfüm auf“, sagt Don Massur grinsend. So festlich geht es heute dort nicht mehr zu, aber bunt und fröhlich allemal: Im blanken Blech neuer Waschschüsseln spiegeln sich lila Röcke und gelbe Fußballtrikots. Dazwischen das Grün der Bananen, das Rotbraun eingesalzener Fleischseiten, das Weiß der Zähne in dunklen Gesichtern. Und aus den Bars stapfen schon am Vormittag Männer, denen der Zuckerrohrschnaps sichtlich zugesetzt hat – nicht anders als damals vermutlich.

Anfang des 20. Jahrhunderts aber fand man Diamanten in Südafrika, die Chapada verlor an Bedeutung. Der große Wirbel war vorbei, nur Einzelne gruben weiter. Mit dem Anbau von Kaffee versuchten die Einwohner sich über Wasser zu halten. Später sammelten sie tonnenweise Semperviva – eine Strohblume, die als Vasenschmuck dient – bis sie fast verschwunden war. „Das ist so lange her, dass es allmählich in Vergessenheit gerät“, sagt Marcos Zacaraides. Der Künstler aus São Paulo hat in Igatu inmitten der verfallenden Mauern einstiger Garimpeiro-Häuser ein kleines Museum aufgebaut: Grubenlampen, Waschschüsseln und Diamantwaagen strahlen bedeutungsvoll in ausgeleuchteten Vitrinen. „Ich versuche, den Menschen ein Bewusstsein zu vermitteln, wie sehr diese Gegenstände ihre Geschichte prägten.“

Tatsächlich steigen heute noch an manchen Tagen einige alte Männer mit Hacke und Schaufel in die Berge und beginnen zu buddeln. Das ist zwar im Nationalpark verboten. Aber Salvador ist weit. „Und irgendwie juckt es einen doch immer noch in den Fingern“, sagt Don Massur lachend. Irgendetwas leuchtet dabei in seinen Augen. Diamantenfieber vielleicht.

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