Reise : Sushis rollen auf rauer See

Die „Hanse Explorer“ ist ein Ausbildungsschiff. Passagiere dürfen gern in der Küche helfen

Franz Lerchenmüller

Der freiwillige Lehrling vom Passagierdeck macht Sushi. Er klopft klebrigen Reis auf dem getrockneten Seetangblatt fest, legt zwei Stifte Krabbenfleisch, Gurke und Apfel darauf, löffelt Mayo darüber und rollt das Gebilde mit der Bambusmatte zu einer Wurst. Sein Chef, Sushi- Meister Mata aus Manila, guckt ihm auf die Finger, während er gleichzeitig die Fischbrühe abschäumt, die auf dem Herd brodelt: „More tight, Sir, roll again, more tight!“ Bitte sehr, noch mal, etwas fester. Es ist heiß in der Kombüse, es riecht nach Fett, vor den Bullaugen beult sich die See. Ein Kreuzfahrtschiff, in dessen Küche ein Passagier ein paar Stunden mitarbeiten darf? Das ist ungewöhnlich – aber ungewöhnlich ist so einiges auf der „Hanse Explorer“. Nicht zuletzt ihre Geschichte.

Schiffsköche und Nautiker sind heute weltweit gesucht. Um gute Mitarbeiter möglichst früh an seine Firma zu binden, beschloss der Bremer Reeder Peter Harren, ein eigenes Ausbildungsschiff zu bauen. Im Herbst 2006 wurde die „Hanse Explorer“ zu Wasser gelassen, ein 48 Meter langes, schmuckes Expeditionsschiff, das bis zu 13,2 Knoten schafft und Eisklasse E 3 hat. Helles Holz, dunkle Möbel und die gefällig-modernen Seestücke des Malers Claus Tegtmeier verleihen ihr ein stimmiges maritimes Flair.

Damit sich das Unternehmen einigermaßen trägt, stehen sechs Kabinen für zahlende Passagiere zur Verfügung. Unsere einwöchige Reise führt von Teneriffa nach Madeira. Wie die Route dazwischen verläuft, legen Kapitän und Passagiere täglich gemeinsam fest. Das Schiff fährt mit sieben Mann Besatzung, dazu sind vier Deck-Trainees an Bord, ukrainische Schiffsoffiziere frisch von der Schule, sowie fünf Trainees in der Küche. Die stammen alle von den Philippinen, sind ausgebildete Köche und sammeln hier erste Erfahrungen in einer Kombüse.

Während Albert Garcia ein Hühnchen entbeint und Rommel Lagundino Fischfilets fürs Mannschaftsessen frittiert, erzählen sie von den langen Arbeitszeiten von fünf bis 22 Uhr an sieben Tagen die Woche, den 180 Dollar Ausbildungsvergütung und der Hoffnung, als Küchenchef später mal auf 1500 Dollar zu kommen. Und schließlich zu dem berühmten eigenen Restaurant.

Freundlich und offen geht es zu an Bord, auch dank Kapitän Martin Graser. Wenn es um Seefahrt geht, vor allem um die in antarktischen Regionen, sprudelt der 33-jährige Schwabe vor Begeisterung. Er lässt sich geduldig auch auf die abwegigsten Fragen ein und brettert ebenso gern wie seine Offiziere mit dem Zodiac über die See: Da haben große Jungs ein teures Spielzeug in die Hände bekommen und wollen ihre Begeisterung Tag für Tag aufs Neue mit den Gästen teilen.

Kreuzfahrerromantik dagegen sucht man vergebens an Bord. Kein Horn und keine Hymne zum Abschied aus Häfen, kein Käptn’s Dinner im Smoking – Graser plaudert ohnehin jeden Abend mit am Tisch. Stattdessen lässt er Angeln auswerfen: Der Reisegruppe davor gingen immerhin zwei Thunfische an den Haken. Wobei sich unter der friedliebenden Mannschaft zunächst keiner fand, sie zu töten. Er lädt zum Besuch in den Maschinenraum, wo einer der Gäste sich lässig an den Schaltkasten lümmelt, versehentlich einen Schalter umlegt – und schon blinkt die Anlage los und Chefingenieur wie Lehrling hechten vom Stuhl zu den Maschinen: Die Kühlung für den Hauptantrieb stellt man eben nicht mal einfach so ab. Und er erläutert oben auf der Brücke, die, anders als bei Kreuzfahrtschiffen, jederzeit für die Passagiere zugänglich ist, gern noch einmal auch mit Zeichnung, warum das Anlegen mit einem Einschraubenschiff so schwierig ist, wenn der Wind von Land kommt.

Gefahren wird nachts, jeden Morgen legt die „Hanse Explorer“ an einer anderen Insel an. Mal macht sie im Hafen fest, mal ankert sie auf Reede und die Passagiere fahren mit dem Schlauchboot an Land. Auf Teneriffa schieben sie sich durch die karnevalsseligen Massen von Santa Cruz, sie wandern zwischen Euphorbien und Aloen ein trockenes Flussbett auf Gomera hinauf und lassen sich auf La Palma mit dem Taxi zum Vulkankessel Caldera de Taburiente bringen.

Inzwischen ist die See ruppiger geworden. Über dem Nordatlantik, zeigt das Spos-Wettersystem auf dem Laptop des Käptn’s, hat sich etwas Dunkelgrünes und Schwarzblaues zusammengebraut: „52 Knoten Wind, Elf-Meter-Wellen – die Ausläufer kriegen wir als Dünung ab.“

Der „Lehrling“ vom Passagierdeck rollt weiter – und schwankt. Er versucht, sich nicht am heißen Herd festzuhalten, vermeidet es, durch die Bullaugen zu blicken und spürt trotzdem, wie seine Organe durch die Bauchhöhle schwappen. Seine professionellen Kollegen schnippeln, rühren, gießen ab – und blicken auch nicht besonders sonnig. Sechs Monate lang werkeln sie an Bord, kochen Kaffee, füllen Lammkoteletts, pochieren Heilbutt. Mittags bereiten sie kalte Vorspeisen und zwei warme Gänge vom Büfett. Nachmittags Kuchen. Zur blauen Stunde ein paar Dim Sum, Pizzaecken oder Chickenwings als Appetitmacher. Abends dann das fünfgängige Menü, auch mal Steaks vom Grill oder Langusten. Was sie servieren, ist ordentliches Handwerk, aber noch hat nicht alles den großen Pfiff.

Aber es versöhnen die Dekorationen aus geschnitzten Tomaten-Rosen, Möhren-Palmen und Paprika-Blüten, ebenso wie die guten Tischweine aus Rheinhessen und von der Nahe. Den Rest macht Lena locker wett mit ihrem Charme. Die 24-jährige Chefstewardess aus der Ukraine, klein, weißblond und quirlig, ist der gute Geist des Schiffs. Blumen will sie um sich haben, verteilt Freesien in Vasen und Rosenblätter auf dem Tisch. Nachmittags lässt sie sich an einsamen Stränden absetzen und schneidet Palmwedel, mit denen sie das Deck zur Tropenbar umbaut. Sie schminkt Passagiere zu Piraten, kommt mit einer Flasche Sekt, wenn das Tontaubenschießen zu Ende ist, und prüft sorgfältig, ob Kollegin Ludmilla den Tisch auch ganz präzise eingedeckt hat.

Im Reisepreis von 700 Euro pro Tag und Kabine (unabhängig ob ein oder zwei Personen) sind Vollpension, Getränke und Zodiacausflüge enthalten. Auskunft: Oceanstar, An der Trift 65,63303 Dreieich; Telefon: 061 03 / 57 18 90, im Internet unter: www.oceanstar.de

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