Tartu, km 190 : Milchmärchenrechnung

Herr Richter freut sich über den Käse. In einem gesichtslosen Dorf im mückenreichen Osten des Estlands produziert Richter mit acht Angestellten zwölf Tonnen Käse im Monat, fast doppelt so viel wie vor drei Jahren.

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Runde Sache: Der Deutsche Wolfgang Richter lebt im estnischen Tartu. Sein Parmi-Käse ist in fast allen größeren Geschäften des...Foto: Stefan Jacobs

Tartu"Der Milchkrieg ist fatal. Die heimischen Monopolisten treiben die Preise hoch." - Wolfgang Richter, 2004



Wolfgang Richter hat den Milchkrieg nicht gewonnen. Aber er ist desertiert vom Kampf gegen die Konzerne und hat mittelständische Milchbauern als Lieferanten verpflichtet, bei denen er auch gute Qualität bekommt. Zwar haben jene Milchbauern zuvor einen Konkurrenzbetrieb beliefert, der möglicherweise EU-Auflagen bei der Abwasserklärung zum Opfer fiel. Aber das ist schon die einzige schlechte Nachricht, die Richter zur estnischen EU-Mitgliedschaft einfällt. Und die betrifft ihn noch nicht einmal.

Richter ist als deutscher Diplomat um die halbe Welt gereist, bevor eine skurrile Verabredung mit seinem Bruder ihn vor elf Jahren auf eine billig gekaufte Kolchose nach Estland verschlug. In einem gesichtslosen Dorf im mückenreichen Osten des Landes produziert Richter mit acht Angestellten zwölf Tonnen Käse im Monat, fast doppelt so viel wie vor drei Jahren. Sein "Parmi" - pur, mit Knoblauch oder nach einem Rezept seiner Frau brasilianisch gewürzt - findet sich in allen größeren Geschäften. In diesem Jahr will Richter zum ersten Mal Geld verdienen.

Die Kolchose ist mit streng räumlich getrennten Milch-, Butter- und Käsestrecken EU-konform und dank 40 Prozent Zuschuss aus Brüssel zentral beheizt und überhaupt sehr modern ausgerüstet. Die anderen 60 Prozent hat sich Richter bei einer der im Land dominierenden schwedischen Banken geliehen, deren Kulanz viele Esten ihren offensichtlichen Wohlstand verdanken: Ratenkauf über fünf Jahre mit Zinsen unter der Inflationsrate. Das Angebot wird gern genutzt.

Als Richter 1993 zum ersten Mal nach Estland kam, musste er noch das Lada-Taxi am Flughafen anschieben. Jetzt sieht er sich umgeben von neuen Mittelklasseautos, die sich die Leute trotz Einkommen weit unter 1000 Euro leisten können. Und weil auch die Straßen besser sind und die Leute disziplinierter fahren als nebenan in Lettland, muss Richter auch nicht um sein Leben fürchten, wenn er mit dem kleinen Käse-Opel übers karge Land zuckelt. Er ist jetzt 64 und würde nicht mehr ausschließen, seinen Lebensabend in Estland zu verbringen. Stefan Jacobs

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