Thailand : Ein Gong zur guten Tat

Touristen sind selten im thailändischen Ubon Ratchathani. Vom Mekong geprägt, besticht das Grenzland zu Laos durch Natur, Ruhe – und Legenden.

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Ein neuer Tag beginnt. Kurz nach dem Sonnenaufgang liegt häufig noch ein Dunstschleier über dem Mekong. Am gegenüberliegenden Ufer erwacht Laos.
Ein neuer Tag beginnt. Kurz nach dem Sonnenaufgang liegt häufig noch ein Dunstschleier über dem Mekong. Am gegenüberliegenden Ufer...Foto: Christian Heeb/laif

Faustgroße Schmetterlinge flattern durch die hitzeschwere Luft. Kleine Inseln ragen aus dem Mekong, der zu dieser Zeit nur wenig Wasser führt. Am jenseitigen Ufer träumt ein laotisches Dorf vor sich hin. Gelegentlich tuckert ein Fischerboot vorüber, manchmal kräht ein Hahn. Sonst ist nichts zu hören. Tage könnte man damit zubringen, den Fluss auf seinem Weg nach Kambodscha zu beobachten: Vom frühen Morgen, wenn die Sonne das Wasser auffunkeln lässt, bis zur kurzen Dämmerung, wenn auf dem Weg zwischen den Gebäuden des Resorts Lampions aufleuchten. Dann wird es dunkel, und der Strom fällt aus. Selbst das ist romantisch: gegen den Tisch stoßen, den Schrank finden, darin nach der Taschenlampe tasten und hoffen, dass sie funktioniert.

Bei Tageslicht ist das Panorama so schön, wie eine Landschaft nur sein kann. Die Provinz Ubon Ratchathani, deren gleichnamige Hauptstadt 90 Kilometer westlich des Flusses liegt, besitzt viele Reichtümer. Außer den Gestaden des Mekong, der hier die Grenze Thailands nach Laos bildet, gehören eindrucksvolle Nationalparks dazu und zahlreiche Tempel. Allein Hotels sind rar, und Europäern begegnet man allen Attraktionen zum Trotz recht selten.

Nur ein paar hundert Meter von hier, in Khong Jiam, fließt das klare, bläulich schimmernde Wasser des Mun in die braunen Fluten des Mekong. „Zweifarbenfluss“ wird dieser Abschnitt deshalb von Einheimischen genannt. Amerikanische Soldaten, die während des Vietnamkriegs in Ubon Ratchathani stationiert waren, hatten andere Assoziationen: Sie machten den Mun zum „Moon River“ und schrieben ihn auch so. Und weil man weiß, dass dieser Name bei den Besuchern aus dem Westen viele Saiten zum Klingen bringt, liegt in der schmucken Villa eine hausgebrannte CD mit einem knappen Dutzend unterschiedlicher Versionen der Ballade.

In Bangkok war unser Ansinnen, nach Ubon Ratchathani zu fliegen, auf freundliches Unverständnis gestoßen. Gewiss wollten wir dort Freunde besuchen, hatten Angestellte im Hotel, die Führerin in Jim Thompson’s House und der Taxifahrer, der uns zum Flughafen brachte, gemutmaßt. Oder aber in einem der zahlreichen Tempel der Provinzhauptstadt an unseren Meditationstechniken feilen. Einen zweckfreien Besuch im Nordosten mochte sich kaum jemand vorstellen. Dabei erzählten nicht wenige im selben Atemzug, selbst von dort zu stammen.

Die Flusslandschaft ist seit jeher die Heimat von Bauern und Fischern. Viele kehren ihr den Rücken, um in der Hauptstadt ihr Glück zu machen. Doch manchen gelingt eine Gratwanderung zwischen traditionellem und modernem Leben, wie dem Fremdenführer Toray. Seine Eltern kamen aus Laos über die Grenze, damit er in Thailand die Schule besuchen konnte. Annähernd 40 Prozent aller Laoten sind nie zur Schule gegangen. Heute ist Toray Vater von sechs Kindern und hat es dank mehrerer Reisfelder und des Jobs bei einem Reiseveranstalter zu Wohlstand gebracht.

Die Heimat seiner Ahnen ist nah und fern zugleich. Der offizielle Grenzübergang – der einzige, der Thailand und Laos auf dem Landweg miteinander verbindet – liegt siebzig Kilometer entfernt in Chongmek. Für den Gegenwert von zehn Euro aber werfen Fischer den Außenbordmotor an, um Neugierige ans andere Ufer zu bringen. Nur die sprachliche Grenze verläuft fließend: An beiden Ufern wird ein ähnlicher Dialekt gesprochen. Er erinnert daran, dass die Grenze während der Kolonisierung Indochinas durch Frankreich willkürlich gezogen wurde.

Deshalb leben etwa achtzig Prozent der Lao, die am Mekong heimisch sind, heute auf thailändischem Staatsgebiet. Erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ist dieser östlichste Winkel Thailands ein Teil des Königreichs Siam. Vor tausend Jahren gehörte er zum Angkor-Reich, später fiel er zunächst ans Fürstentum Sukothai, dann an wechselnde laotische Machthaber, bis der siamesische General Thaksin das Gebiet eroberte. Heute ist der Isan, wie der Nordosten genannt wird, die Heimat eines Drittels der thailändischen Bevölkerung.

Er ist außerdem eine arme Region. Auch so erklärt es sich, dass viele der sogenannten Rothemden, die im Frühling 2010 mit Protesten und Sitzblockaden Bangkok lahmlegten, aus dem Nordosten des Landes kamen. Dessen Bewohner gelten nicht nur als besonders spirituell, sondern auch als anfällig für die Versprechungen von Politikern und Militärs. Nicht wenige Demonstranten aus dem Isan sollen von Parteigängern des ins Exil geflüchteten Ex-Premiers Thaksin für die Reise in die Hauptstadt bezahlt worden sein. Der Ausnahmezustand im Nordosten wurde aufgehoben, ein Bürgerkrieg einmal mehr vermieden, das Leben am Mekong ging weiter wie seit uralter Zeit.

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