TIPPS : Die weiße Stille des Kubismus

Pablo Picasso liebte das quirlige Leben in den Metropolen. Doch ab und zu floh er – in stille Dörfer. Und dort wurde er erst richtig kreativ.

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Ein Ort wie aus einem Gemälde. Horta de Sant Joan hat viele Maler inspiriert, darunter auch Pablo Picasso. Er hat den Ort auch als erster fotografiert. Foto: mauritius images
Ein Ort wie aus einem Gemälde. Horta de Sant Joan hat viele Maler inspiriert, darunter auch Pablo Picasso. Er hat den Ort auch als...Foto: mauritius images

ANREISE

Guter Ausgangspunkt ist Barcelona, von dort sind die Picasso-Dörfer am besten mit dem Auto zu erreichen.

Horta de Sant Joan: Der schnellste und schönste Weg nach Horta de Sant Joan führt über die Autobahn AP-7 Richtung Valencia, bei Tortosa geht es über die Landstraße C-12 und Prat de Comte nach Horta. Unterkunft im Hotel Miralles, Telefon: 0034/ 977/435555, www.hotelmiralles.com, Doppelzimmer mit Frühstück ab 75 Euro.

Gósol: Einfach, aber gut wohnen lässt es sich im Hostal Cal Franciscó, Telefon: 00 34/ 973370075, Internet: www.hostalcalfrancisco.es, Doppelzimmer ab 50 Euro.

Cadaqués: Sehr komfortabel logiert man im Hotel Playasol, Telefonnummer: 0034/ 972258100, Internet: www.playasol.com, Doppelzimmer ab 86 Euro.

Nein, an einem Dorfverschönerungsprogramm hat Horta de Sant Joan gewiss noch nicht teilgenommen. Dabei besitzt der Ort hübsche Ecken. Die Plaça de l’Església zum Beispiel mit dem Rathaus im Renaissancestil und der wehrhaften Kirche Sant Joan Baptista. Ringsum ist sie von Arkaden gesäumt, durch die die Sonne lange Schatten wirft, scharf wie mit dem Messer geschnitten. Blumenschmuck sucht man vergebens, ebenso wie ein Café, das sich gut neben dem Brunnen machen würde. Stattdessen parken ihn Autos zu, und die Luft ist Dung geschwängert. Selbst wenn heute nur noch wenige Menschen von der Landwirtschaft leben – seinen spröden, ruralen Charakter hat Horta noch nicht abgeschüttelt. Es buhlt nicht um die Touristen. Und inszeniert sich schon gar nicht als Pilgerstätte für Picasso-Fans. Dabei hätte es guten Grund dazu.

„Alles was ich weiß, habe ich im Dorf von Pallarès gelernt", soll der Maler gesagt haben und damit Horta de Sant Joan gemeint haben. Picasso hatte Manuel Pallarès 1895 an der Kunstakademie in Barcelona kennengelernt. 1898 lädt der vier Jahre ältere Freund dann den Sechzehnjährigen in sein Heimatdorf ein, als dieser von Scharlach gezeichnet und wohl auch des Lebens überdrüssig aus Madrid zurückkehrt. Der Aufenthalt in dem Bergdorf ist genau das Richtige für ihn. Schon allein die Landschaft! Wenn man von der Küste kommend dem Flusslauf des Ebro ins Landesinnere folgt, wo Olivenhaine die Straßen säumen, zeichnen sich irgendwann die Umrisse der Ports de Beseit ab. Ein bizarres Felsgebirge mit wilden Schluchten. Und mittendrin Horta. Eine Kurve und noch eine, dann thront die verschachtelte Häuserlandschaft auf einem 500 Meter hohen Hügel.

Die gute Landluft und das Dorfleben bekommen dem jungen Pablo gut. Die beiden Freunde streunen durch die Gegend, wohnen wochenlang in einer Höhle und üben sich in einer Art Überlebenstraining. Das sie keineswegs vom Malen abhält. Im Gegenteil: Hier können sie sich fern der akademischen Lehrsäle austoben, neue Stile erproben und sich von hiesigen Motiven inspirieren lassen. Wäscherinnen, Hirtenjungen, Bauernhäuser wie den Mas de Quinquet bannt Picasso in noch impressionistisch angehauchter Manier auf die Leinwand. Und die Gebirgskämme, heute beliebtes Ziel von Wanderern, Mountainbikern und Jeeptouristen sind.

Acht oder neun Monate währt die glückliche Zeit. Dann kehrt Picasso, gesund und rundum gestärkt nach Barcelona zurück. Auch wenn er sich jetzt wieder ins urbane Leben stürzt, seine Fühler nach Paris und der Avantgarde seiner Epoche ausstreckt – das Dorf in der Terra Alta vergisst er nicht. „Nicht zufällig bewahrte er sein ganzes Leben das Messer auf, mit dem er hier sowohl Kartoffeln schälte als sich auch einen Weg durchs Gestrüpp bahnte“, erzählt Salvador Carbó, eine der treibenden Kräfte des Centre Picasso. Nicht zufällig kehrt der Künstler zehn Jahre später, im Juni 1909, mit seiner Lebensgefährtin Fernande Olivier zurück.

Natürlich verläuft der zweite Aufenthalt ganz anders. Nicht allein, weil Picasso sich in den zehn Jahren weiter entwickelt hat. Die Blaue und die Rosa Periode liegen hinter ihm, er befindet sich mitten in einer der wichtigsten Phasen des Kubismus. Im Übrigen malt er hier nicht nur, sondern fotografiert auch Menschen und Landschaft, sodass ihm Horta seine ersten Fotos zu verdanken hat. Inzwischen ist er auch kein Hungerleider mehr. „Er zahlte hier sogar mit den ersten Tausend-Peseten-Scheinen, die je im Dorf gesehen wurden“, weiß Carbó zu berichten. Die gibt er vornehmlich im Café seines Freundes Joaquim Antoni Vives aus, bei dem er und Fernande regelmäßig zu Gast sind.

Die beiden wohnen ganz in der Nähe im damaligen Hostal del Trompet, das es heute nicht mehr gibt – und erregen mit ihrer wilden Ehe Anstoß. Einmal fliegen sogar Steine gegen ihr Fenster, woraufhin ein erzürnter Picasso auf den Balkon stürzt und mit einer Pistole herumfuchtelt.

Misstrauisch beäugt man die junge Frau aus Paris mit ihrer extravaganten Kleidung und den freizügigen Manieren. „Ich spiele immer Domino im Café und sorge bei der weiblichen Bevölkerung für Unmut mit meinen bunten Schals“, schreibt Fernande an ihre Freundin Alice Toklas.

Zunächst behagt ihr der Aufenthalt nicht. Anfangs leidet sie unter Nierenkoliken, dann langweilt sie sich, während Picasso viele Stunden in seinem Atelier verbringt. Später schließt sie Freundschaften mit Anwohnern, sodass man sich hier mehr an sie als ihren illustren Lebensgefährten erinnern sollte. „Ich wundere mich selbst, dass ich zu den Leuten im Dorf viel netter bin als zu den Leuten in Paris“, teilt sie Gertrude Stein mit.

Picasso ist indessen außerordentlich produktiv. Immer wieder malt er den kegelförmigen Hausberg Santa Bárbara – in Anlehnung an Cézannes Montagne Sainte Victoire –, dessen geometrische Formen mehr und mehr mit dem Gesicht der Geliebten verschmelzen. Auch die Dorfansichten werden immer abstrakter, einige wie „La Fábrica“ gelten sogar als Schlüsselwerke auf Picasso Weg vom sezessionistischen zum analytischen Kubismus. „Kurioserweise ähneln sie dem heutigen Horta sogar mehr als dem damaligen, weil er Häuser gemalt hat, die es früher noch gar nicht gab, wohl aber heute“, weiß Salvador Carbó. Auf dem Bild „La Bassa d’Horta“ hat er sogar Palmen hinzugefügt. „Ich wusste gar nicht, dass es in Horta Palmen gibt“, soll jemand zu Picasso gesagt haben. Und der antwortete: „Normalerweise nicht, aber hier fühlten wir die Notwendigkeit von Kurven.“ Heute, wo sich das Leben in der Bassa abspielt, hätte er wahrscheinlich noch seine helle Freude an den Charakterköpfen, die die fünf Bars der zentralen Plaça bevölkern: vorwiegend ältere Männer, die Karten spielen über Fußball debattieren und Besucher mit neugierigen Blicken verfolgen.

Doch Horta war nicht die einzige Inspirationsquelle in der katalanischen Provinz. Bevor Picasso 1909 hierher zurückkehrt, verbringt er mit Fernande einen Sommer in Gósol, einem ebenso ablegenen Ort in den Pyrenäen. Der Weg führt nordwestlich von Barcelona über Berga in die Gebirgskette Cadí-Moixeró, in deren Zentrum der 2648 Meter Pedraforca, die „steinerne Gabel“, steht. An seinem Fuß, auf 1400 Meter Höhe, liegt der Gebirgsort, der heute Inbegriff des Abenteuersports ist. Am Wochenende steuern unzählige Katalanen mit Jeeps und Mountainbikes die verwunschen anmutende Häuserlandschaft aus Naturstein an.

Wie für sie war die Gegend auch für Picasso das ideale Kontrastprogramm zum Großstadtleben. Wobei es hier 1906 natürlich wesentlich spartanischer zuging. Das letzte Stück muss das Paar mit dem Esel zurücklegen, bevor es sich im damaligen Hostal Cal Tampanada am Dorfplatz einmietet – und auch hier für Aufsehen sorgt. Picasso befindet sich noch mitten in der Rosa Periode und ist so produktiv, dass später eine ganze Karawane von Eseln die Bilder abtransportieren muss.

Er malt zahlreiche Akte, für die ihm abwechselnd die Geliebte und junge Männer Modell stehen. Hier und da tauchen auch Gegenstände aus der ländlichen Umgebung auf. Die „Dona dels pans“ hat bei Picasso Brote auf dem Kopf. Als Hommage an den Maler wurde das Bild als Skulptur nachgebildet und ziert heute den Brunnen am Dorfplatz. So werden auch die Abenteuertouristen auf den einstigen Sommerfrischler aufmerksam und finden den Weg ins Centre Picasso an der Plaça Major, das etliche hier entstandene Werke in Form von Reproduktionen präsentiert. „Es fehlt noch vieles, aber wir sind froh, dass wir überhaupt das Zentrum eröffnen konnten“, sagt Bürgermeister Lluís Campmajó.

Man kann hier gut ein paar Tage verweilen, wandern, mit entsprechendem Schuhwerk den Pedraforca besteigen und die Aussicht auf die Pyrenäen genießen – und sich dann auf den Weg zum Mittelmeer machen, wo der dritter Picasso-Ort in Katalonien liegt. Wobei Cadaqués sich keinesfalls als solches bezeichnet – bringt doch jeder das Künstlerdorf mit Salvador Dalí in Verbindung. Doch bevor sich der Surrealist nahe dem Cap de Creus, seinem „geologischen Delirium“ niederließ, hatten schon viele andere die weiße Häuserlandschaft an der nördlichen Costa Brava für sich entdeckt. Santiago Rusiñol, Ramon Casas, Joan Roig Soler, Narcís Monturiol. Und eben auch Picasso – dem später wiederum unzählige andere von Man Ray und Marcel Duchamp bis hin zu Richard Hamilton, dem kürzlich verstorbenen Begründer der Popart folgen sollten.

1910 hatte sich Picasso, wieder mit Fernande, auf den Weg von Paris nach Katalonien gemacht. Allein für die Strecke von Figueres an die Küste, die sich heute locker in 45 Minuten bewältigen lässt, brauchen sie sechs, sieben Stunden. Doch das nimmt der junge Maler gern in Kauf, wenn er von den Künstlerkollegen verschont bleibt, die sich im benachbarten Colliure drängeln. Er mietet sich am Ufer Es Poal ein, wo heute noch eine Gedenktafel an ihn erinnert. Dass es hier ärmlich und bescheiden zugeht, stört ihn nicht. Im Gegensatz zu seiner Lebensgefährtin. „Nichts als Meer, ein paar unbedeutende Berge und Häuser, die aussehen wie aus Pappmaché“, mäkelt sie in einem Brief an Gertrude Stein. Die Einheimischen seien Menschen ohne Charakter, fast alles Fischer, und ziemlich hässlich, das wenige Obst, das man hier kaufen könne, sei schlecht und mindestens so teuer wie in Paris.

„Doch Picasso bekam hier ganz entscheidende Anregungen", weiß Ausstellungsmacher Pere Vehi. Er malt den Hafen, die Barca Grega, das griechische Boot der Korallenfischer und Meerlandschaften, außerdem Porträts wie „Der Ruderer“, „Der Gitarrist“ oder „Frau mit Mandoline“. Von den Farben her dominieren Weiß, Blau, Ocker und Grau, die Formen sind inzwischen so geometrisch-abstrakt, dass die Motive kaum noch zu erkennen sind. Dem Kunstkritiker Ricard Mas zufolge kündigen sie hier bereits spätere Kunstströmungen wie den Kubofuturismus, den russischen Konstruktivismus oder der Plastizismus Mondrians an. „Man kann die zeitgenössische Kunst nicht verstehen ohne die grundlegenden Fundamente, die Picasso in nur zwei Monaten in Cadaqués gelegt hat", resümiert der Experte. Er nennt den Aufenthalt in Cadaqués die „weiße Stille des Kubismus“: eine trügerische Ruhe wie die Windstille über dem Meer, unter dessen glatter Oberfläche sich weitreichende Umwälzungen vollziehen.

Die haben sich auch im Künstlerdorf in den vergangenen 100 Jahren vollzogen. Heute reiht sich an der Bucht ein Lokal an das andere, in der Hauptsaison fallen Invasionen von Sonnenhungrigen ein. Wer indessen in der Vor- oder Nachsaison kommt und in einem der Strandcafés niederlässt, hat sie fast für sich allein – die weiße Stille über dem Meer.

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