TIPPS FÜR LAOS : Alles im Strom

Im Süden von Laos breitet sich der Mekong aus und verästelt sich in vielen Nebenarmen. 4000 Inseln gibt es, unberührt die meisten, manche aber trubelig

Irina Schefer
Lebensader Mekong. Die Einheimischen nutzen ihn für Warentransporte. Touristen lassen sich auf dem Fluss treiben, einfach so zum Spaß. Zum Glück für die Bootsleute, die ihr Geld mit den Ausflüglern verdienen. Foto: laif
Lebensader Mekong. Die Einheimischen nutzen ihn für Warentransporte. Touristen lassen sich auf dem Fluss treiben, einfach so zum...Foto: LAIF

ANREISE

Am günstigsten mit Vietnam Airlines von Frankfurt über Hanoi nach Vientiane, Tickets 830 Euro, weiter per Inlandflug nach Pakse. Von Pakse mit dem (Mini-)Bus nach Nakasang. Von hier mit der Fähre zu den Inseln. Die Rückfahrt und Ausflüge organisieren Gästehäuser oder kleine Agenturen.



ÜBERNACHTUNG

Die meisten Unterkünfte haben Mittelklasseniveau. Die edelste Herberge befindet sich in einer alten Kolonialvilla nebst Bungalows auf einem großen Gartengrundstück„Sala Ban Khone“ (www.salalao.com), Zimmer 50-60 Dollar pro Nacht. Empfehlenswert auch: Mr. Pan’s Guesthouse (26 Dollar im Bungalow am Fluss (www.pans-guesthouse.com)

AUSKUNFT

Laotisches Fremdenverkehrsamt, c/o Indochina Services, Starnberg, Telefon: 081 51/77 02 22, Infos im Internet: www.visit-mekong.com

Langsam versinkt die Sonne scheinbar im Mekong, taucht den hier an der Grenze zwischen Laos und Kambodscha träge dahinfließenden breiten Strom in rot-goldenes Licht. Fischer, die ihre Netze auswerfen oder Reusen kontrollieren, wirken jetzt wie schwarze Scherenschnitte. Über dem kleinen, idyllisch am Wasser gelegenen Dorf Ban Khon liegt eine tropisch-friedliche Abendstimmung.

Zikaden erfüllen die süßlich-schwere Luft mit ihrem Zirpen. Es ist das lauteste Geräusch weit und breit. Hühner huschen die sandige Dorfstraße entlang, sie wollen offenbar zu ihren Schlafplätzen. Zwei hocken schon zufrieden auf einem Webstuhl und blicken schläfrig herab. Eine alte Frau, in ihren Sarong gewickelt, hat es sich auf den Reissäcken vor ihrem Laden bequem gemacht, drinnen läuft ein Fernseher. Manchmal schaut sie aufs flimmernde Bild, die Sendung scheint uninteressant. Familien hocken unter Palmen und grillen den frisch gefangenen Fisch. Kinder radeln an der Schule vorbei und grüßen ehrerbietig den orangefarben gewandeten Mönch, der wie jeden Abend von seinem Tempel am Ortsende ins „Zentrum“ von Ban Khon kommt.

Ban Khon mit seinen Holzhäusern und alten Kolonialbauten, seiner zahlreichen, einladend wirkenden Guesthouses und Restaurants, zwei, drei kleinen Läden und seinen vielen freundlichen Menschen, ist der Hauptort der Insel Don Khon. Die kleine Insel liegt – wie ihre beiden ebenfalls touristisch erschlossenen Schwesterinseln Don Khong und Don Det – inmitten einer einzigartigen weitverzweigten tropischen Flusslandschaft.

Hier, im äußersten Süden von Laos, an der Grenze zu Kambodscha, erreicht der Mekong seine größte Ausdehnung. Auf einem Gebiet von rund 50 Kilometer Länge und einer Breite bis zu 14 Kilometer verästelt sich der mächtige Fluss in unzählige Neben- und Seitenarme und legt hunderte, in Trockenzeiten tausende kleinerer und größerer Inseln, Sandbänke und Felsen frei. Die Laoten gaben dieser Region daher den Namen „Si phan don“ – 4000 Inseln. Etwa 60 000 Menschen leben hier, verteilt auf rund 100 Dörfer.

Hier endete 1866 auch der Traum französischer Kolonialoffiziere, einen Handelsweg auf dem Mekong von Vietnam nach China zu erkunden. Zwei Wasserfälle – der gigantische und zugleich größte Wasserfall Südostasiens, Khon Phapheng („Getöse des Südens“), und sein nicht weniger beeindruckender kleiner Bruder Somphamit blockierten die Route. Schiffe konnten hier nicht weiterfahren. Mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke und einer riesigen Verladestation versuchten die Franzosen den Naturgewalten zu trotzen. Lange ging das nicht gut.

Die alte Verladerampe ist noch erhalten; auch sonst lassen sich Spuren der kolonialen Vergangenheit überall auf der Insel finden und am besten auf einer Tour mit dem Fahrrad erkunden.

Am nächsten Morgen werden wir durch ein schnaufendes Geräusch geweckt. Ein Wasserbüffel pflügt gemächlich durch den kleinen Garten vor unserem hübschen Bungalow. Von der Veranda aus beobachten wir den imposanten Besucher. Unten im Fluss steht eine junge Frau knietief im Wasser. Sie wäscht sich die Haare und putzt auch ihre Zähne im Mekong. Nach einem üppigen Frühstück im Restaurant unseres Vermieters Mr. Pan – einem schönen vietnamesischen Ladenhaus von 1901 – radeln wir los. Noch ist die Luft frisch, im Laufe des Tages wird sie warm und schwer werden.

Wir passieren die alte Eisenbahnbrücke, die die Insel Don Khon mit der kleineren Nachbarinsel Don Det verbindet, als ein energisches „Stop! You must pay!“ ertönt. Aus dem Häuschen neben der Brücke flitzt ein Mann und verlangt mit strenger Miene eine Inselgebühr. Die muss hier offenbar jeder zahlen. Sie beträgt 20 000 Kip, umgerechnet knapp zwei Euro, und berechtigt auch zur Besichtigung des Somphamit-Wasserfalls.

Den von Einheimischen auch Tad Liphi („Geisterversteck“) genannten Wasserfall erreicht man nach kurzer Fahrt auf einer gut befestigten Sandpiste. Über Felsvorsprünge stürzt sich der Mekong als sprudelnde Kaskade ungestüm in die Tiefe. Touristen kommentieren das Schauspiel mit Aahs und Oohs, Fotoapparate werden gezückt, Partner vor der Naturkulisse ins rechte Licht gestellt. Zahlreiche Stände mit Getränken und Snacks sind vorhanden, die Betreiber werben mal mehr, mal weniger lautstark um Kunden. Wovon würden sie wohl leben, ohne die Urlauber?

Ein schattiger, wurzeliger Pfad führt nach einigen hundert Metern an den Strand – eine kleine, idyllische Bucht mit weißem Sandstreifen. Die Wirtin des provisorischen Lokals warnt uns vor der starken Strömung im Fluss. Öfter schon seien unvorsichtige Schwimmer hier ums Leben gekommen. Sie empfiehlt uns eine Tour mit dem Boot zu den Irrawaddy-Delfinen und winkt, als wir zustimmend nicken, ihren Mann Naou herbei. Hier muss eben jeder sehen, wo er bleibt.

Mit den Delfinausflügen verdient sich Naou, wie auch seine Kollegen, die neben ihren Booten im Schatten der Bäume auf Kunden warten, ein Zubrot zu seinem eigentlichen Beruf als Fischer. Die Tour kostet umgerechnet sechs Euro. Das Boot tuckert gemächlich den Mekong entlang; Naou steuert es geschickt durch Strömungen und Stromschnellen. Nach einer guten halben Stunde sind wir am Ziel – einem Areal südlich von Don Khon an der kambodschanischen Grenze. Hier, in dem verbliebenen tieferen Flussbecken des Mekong, halten sich während der Trockenzeit (November/Dezember und Mai) die seltenen Säugetiere auf. Um die Tiere nicht unnötig zu stören, hat unser Steuermann schon lange vorher den Motor seines Bootes abgestellt. Geduldiges Warten ist jetzt gefragt.

Dort! Mit geübtem Blick weist uns Naou auf die blau-grauen Flussdelfine hin, die hier und da aus dem Wasser schauen und manchmal sogar mit Sprüngen die Zuschauer auf den Booten ringsum begeistern. Die Süßwasser-Flipper ähneln ihren maritimen Verwandten, haben jedoch eine runde Schnauze und sind kompakter.

Wie viele Laoten liebt und verehrt auch Naou die scheuen Tiere, gelten sie bei den Einheimischen doch als wiedergeborene Ahnen und Helfer des Menschen. Paa kha, Menschenfische, werden sie deshalb auch genannt – und – als eine der wenigen Tierarten – nicht gegessen. Trotzdem ist ihr Bestand stark bedroht. Vor allem das in Kambodscha verbreitete Dynamitfischen, Wasserverunreinigungen und Staudämme setzen den Tieren zu. Fischernetze, in denen sich die tagaktiven Tiere verfangen und ertrinken, tragen ebenfalls zur Dezimierung der Delfine bei. Auch der Lärm der allgegenwärtigen Knatterboote verursachen starken Stress für die Tiere.

Bald könnten also auch die Mekongdelfine Geschichte sein. Das zu verhindern, hat sich das Lao Community Fisheries and Dolphin Protection Project zum Ziel gesetzt. Das auf Initiative einer Tierschutzorganisation entstandene Projekt wird von vielen laotischen Fischern der 4000 Islands-Region unterstützt – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen: Schließlich stellen die Bootsfahrten zu den Delfinen für die Fischer eine immer wichtigere Einnahmequelle dar. Zurück am Strand gönnen wir uns – Strömung hin oder her – doch eine Abkühlung im Mekong, bevor wir uns auf den Heimweg machen.

Bei einem kalten Lao-Bier auf der Terrasse eines kleinen Restaurants lassen wir den Tag ausklingen. Wir genießen den Sonnenuntergang, den Blick auf das gemächliche Treiben am Fluss – und die paradiesische Stille, die den besonderen Zauber des Ortes und der Insel ausmacht.

Diesen Zauber haben die Inseln Don Khong und Don Det weitgehend verloren. Auf Don Khong, der größten Insel des Binnenarchipels, entstehen seit Jahren etliche neue, teure Hotels; ehemals schlichte Gästehäuser wurden umgebaut und kräftig modernisiert. Günstige Unterkünfte sind inzwischen rar. Vor allem bei pauschal reisenden Thailändern wird die Insel immer beliebter. In manchen Restaurants kann es, besonders abends und an Wochenenden, eng werden, wenn Reisegruppen fast alle Plätze in Beschlag nehmen.

Don Det hingegen lockt vor allem Rucksacktouristen an. Schon seit Jahren treffen sich auf der kleinen Insel junge Reisende aus aller Welt, die hier abhängen und Spaß haben wollen. Die Meile ist „hip“. Und immer mehr entwickelt sich die einst verschlafene Insel zu einer Kopie der berühmt-berüchtigten Partyzone Vang Vieng bei Vientiane: Ein Guesthouse reiht sich, vor allem an der Nordspitze der Insel, an das andere, „Happy meals“ und „Special drinks“ (mit Drogen) werden ebenso angeboten wie Picknick-oder Sunset-Fahrten auf entlegene Inseln, Vollmondpartys oder das aus Vang Vieng herübergeschwappte Tubing – das Wassergleiten auf großen Autoschläuchen von Bar zu Bar.

Don Khon dagegen ist (noch) ganz anders. Es gibt keine Autos, keinen Discolärm, weder Trubel noch Hektik. Doch auch hier wird allmählich der Tourismus entdeckt, auch hier nimmt die Bautätigkeit zu.

Mr. Pan – einst TukTuk-Fahrer in Pakse – zeigt stolz auf den Rohbau seines neuen Hotels, das soeben am Fluss entsteht. Das auf drei Stockwerke angelegte Hotel soll – wie auch sein jetziges Guesthouse und Restaurant – umweltgerecht betrieben werden. Schon bald, so hofft er, damit mehr und wohlhabendere Gäste anzuziehen. Also: Ende der Stille, Abschied vom Paradies? Mister Pan schweigt und schmunzelt still. Ein bisschen gleicht er nun jenen lächelnden Buddha-Statuen, die in Laos allgegenwärtig sind.

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