Typisch mallorquinisch : Bodega statt Ballermann

Mallorcas ländliche Seite auf Weingütern und Olivenplantagen entdecken.

Johanna Uchtmann
Knorrig und wenigstens 500 Jahre alt: der älteste Olivenbaum der Plantage Treurer.
Knorrig und wenigstens 500 Jahre alt: der älteste Olivenbaum der Plantage Treurer.Foto: gws

Der Wind weht den hellen Vorhang sanft aus der Eingangstür des alten Gutshauses. Drinnen bewegt er das schwere, weiße Tischtuch, draußen zaust er an Ellens Haar. Die junge Frau hält mit der linken Hand ein Rotweinglas, die rechte dreht sie hin und her, als wäge sie ihre Worte ab: „Mantonegro zusammen mit Cabernet und Syrah und ein kleines bisschen Merlot.“ Ellen Beltrán zählt die Rebsorten auf, aus denen der Rotwein in ihrer Linken komponiert ist, der Ribas Negro. Die 30-Jährige ist angehende Sommelière und arbeitet auf dem Weingut Ribas im kleinen Örtchen Consell auf Mallorca. Es liegt nur knapp 30 Kilometer vom Ballermann entfernt – und doch trennen beide Orte Welten.

Immer mehr Genießer zieht es auf ein Landgut wie das der Ribas’. Ruhe statt Remmidemmi ist angesagt. Vor allem Weintourismus ist auf Mallorca in den vergangenen Jahren immer populärer geworden. Entsprechend gibt es mittlerweile spezielle Angebote für Weinkenner. Per Bus oder Bimmelbahn von Winzer zu Winzer ist hingegen nicht jedermanns Sache.

Etwa 20 Minuten fährt man im Auto von Palma aus bis zum Gut der Familie Ribas in Consell. Die kleine Gemeinde im Westen der Inselmitte hat schmale Straßen. So schmal, dass die Natursteinhäuser in Höhe von Busaußenspiegeln zerkratzt sind. 1711 verschrieben sich die Ribas’ hier dem Wein – die Kellerei ist damit die älteste der Insel. Heute ist mit der 32-jährigen Tochter Araceli bereits die 13. Generation auf dem Gut.

Familiär und typisch mallorquinisch will die Bodega wirken, und zwar bis ins kleinste Detail. Der feudale Eingangsbereich mit den weiß gedeckten Tischen für die Besucher geht direkt über in den privaten Garten der Ribas’. Selbst das Catering übernimmt ein alter Familienbetrieb aus der Gegend. Und in der kleinen Werbebroschüre, die auf den Tischen ausliegt, werden unter „Crew“ sogar die Hunde aufgeführt, Corc und Fusta.

Wenn Ellen über Wein spricht, reibt sie Zeigefinger und Daumen aneinander: „Kirsche und auch ein bisschen Balsamico“, sagt sie und blinzelt in die Sonne. „Mallorquinische Weine sind sehr, sehr fruchtig.“ Das kommt offenbar gut an: Weine von den Balearen erleben gegenwärtig eine Renaissance.

Sie sind aber längst nicht alles, was das Inselinnere zu bieten hat: Auch etliche Olivenplantagen können besichtigt werden. Rund 15 Kilometer südöstlich von Consell zum Beispiel liegt nahe der kleinen Gemeinde Algaida die Olivenplantage Treurer von Joan Miralles. Die Miralles’ ticken ähnlich wie die Ribas’. Familie geht über alles. Joan ist ein großer Mann mit Wohlstandsbauch und zurückgegeltem, einst schwarzem Haar. Vor zwölf Jahren hängte er seinen Job als Hotelmanager an den Nagel und kaufte die Finca Treurer mit dem umliegenden Land. 2007 pflanzte er 3000 Olivenbäume, hauptsächlich die Sorte Arbequina.

Der Name Treurer kommt aus dem Katalanischen von Tresorer, auf Deutsch Schatzmeister. Denn das alte Landhaus der Finca war im 18. Jahrhundert angeblich Sitz des königlichen Schatzmeisters. Heute steht es unter Denkmalschutz. Innen ist es dunkel, kühl, etwas muffig. Umso überwältigender ist der Blick durch die alte, hölzerne Eingangstür nach draußen: ein Tal mit Olivenhainen, durchzogen von Natursteinmauern, im Hintergrund erheben sich Berge.

„Diese Ruhe, diese Landschaft – so schön“, sagt Marga Miralles, Joans Tochter. Die 31-jährige Lehrerin kümmert sich nachmittags und in den Schulferien um Verkauf und Touristen. Die ganze Familie packt hier an: Joans Sohn macht die Buchführung, und die Mutter ist ebenfalls fast täglich auf der Plantage.

Besucher dürfen das Treurer-Öl auf der Terrasse bei Tapas und Rotwein probieren. „Das kann man ja fast trinken“, heißt es. Joan ist zufrieden. „Wirklich gutes Olivenöl schmeckt nach Früchten und nach Nüssen“, sagt Marga und bricht lachend ab. Auf Englisch werde sie dem nicht gerecht, findet sie, die ganzen unterschiedlichen Nuancen könne sie nur auf Spanisch erklären.

Marga legt die Hand auf einen knorrigen, dicken Olivenbaum: „Wir wissen, dass er älter als 500 Jahre ist, aber jünger als 700, somit der älteste Baum der Finca.“ Den königlichen Schatzmeister hat er trotzdem nie kennengelernt. Denn der Baum sei ein Geschenk gewesen, erzählt Joan. Er wurde auf einer anderen Plantage ausgegraben und unter enormem Aufwand hier wieder eingepflanzt. „Wahrscheinlich das Wertvollste, was wir hier haben.“

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