Uckermark : Der Kunstpfad

Immer mehr Kreative ziehen in die Uckermark. Sie lieben die Ruhe – genau wie Kanzlerin Merkel.

Marlies Gilsa

Endlose Weite, von Pfuhlen, kleinen, schilfumrandeten Vertiefungen durchsetzt, hin und wieder ein Wäldchen oder ein stiller See: In der archaischen Hügellandschaft der Uckermark dominiert die Einsamkeit. Nur 14000 Menschen sind in Deutschlands größtem Landkreis zu Hause. An ihrer Stelle sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Aber gerade das zieht Künstler an. Weit über achtzig sollen hier mittlerweile leben, auf der Suche nach Inspiration und preiswertem Platz zum Arbeiten hat es so manchen aus der Großstadt in die Region zwischen Templin und Schwedt verschlagen. Viele von ihnen sind auf dem Kunstpfad Uckermark zu finden, einer Initiative, die inzwischen auch mit eigener Homepage auf die geballte Kreativität des Landstrichs aufmerksam macht.

Eine der treibenden Kräfte ist der Bildhauer Christian Uhlig. In Dresden geboren, aber seit 1989 in der Uckermark und seit 2003 mit der Galerie „Am Kloster“ in Angermünde ansässig, sorgt er vor allem mit seinem Marktbrunnen im Herzen des Ackerbürgerstädtchens für Gesprächsstoff. Selten gehen die Meinungen bei Kunstwerken so weit auseinander wie bei der grünlich angelaufenen Bronzeskulptur, die aus mehreren Plastiken – einer Frau, einem Mann, einem Stuhl, einem gestrandeten Kahn und 41 mehr oder weniger versteckten Tieren – besteht. Viele schmunzeln darüber, wie Uhlig sich augenzwinkernd mit Bürgern und Stadt auseinandersetzt. Andere finden es anstößig, hässlich oder kitschig. „Mit Kritik kann ich leben“, lächelt Uhlig gelassen.

Dabei verweist er auf die Freiluftgalerie „Steinzeit der Moderne“ am Mündesee: Alle drei bis vier Jahre findet in Angermünde ein Internationales Harsteinsymposium statt – die Ergebnisse verwandeln dann das Seeufer in einen avantgardistischen Skulpturenpark. Ob die „Verlorene Zeit“ des holländischen Bildhauers Tom Wagenaar oder die „Treppe“ von Birgit Knappe – immer kommen die Findlinge zum Einsatz, die die letzte Eiszeit in der stein-reichen Uckermark hinterlassen hat. Auch in diesem Jahr wird von Ende August bis Anfang Oktober auf dem Platz vor der alten Mälzerei wieder gemeißelt, gehauen und poliert.

Doch vorher bietet der Kunstpfad Uckermark auch oder gerade die Möglichkeit, kleinere und weitgehend unbekannte Orte in der Umgebung zu entdecken. Zum Beispiel Altkünkendorf, wo auf dem Louisenhof plastische Arbeiten und Grafiken von Annette Tucholke und Christian Bonnet zu sehen sind. Oder Friedenfelde bei Gerswalde : Hier hat die Bildhauerin Karla Gänßler aus der Alten Schule eine Werkstattgalerie für Bildhauerei, Keramik und Grafikarbeiten gemacht.

Im winzigen Hohenwalde, das kaum mehr als ein Dutzend Häuser zählt und weder Kirche noch Kneipe hat, überrascht wiederum die Bildhauerin und Galeristin Astrid Mosch mit ihrem Kunsthaus. Vor zehn Jahren ist sie hier auf der Suche nach einem Wochenendhaus zum Arbeiten eher zufällig fündig geworden, vor etwa vier Jahren hat sie sich mit ihrer Familie ganz angesiedelt. In ihrem neu gebauten Kunsthaus sind neben wechselnden Ausstellungen auch die Schiefer-Designmöbel des ebenfalls dort ansässigen Bildhauers Lutz Kommalein zu sehen, im Garten stehen Moschs eigene elegant-minimalistische Frauenskulpturen. Ob Holz oder Stein – jedes Mal lässt sie fast kurvenlose, weibliche Körper in die Höhe wachsen.

Angela Merkel hat für sie offenbar nicht Modell gestanden. Dabei bestünde dazu durchaus Gelegenheit. Denn nur ein paar hundert Meter weiter steht das Wochenenddomizil der Bundeskanzlerin. Ein eher bescheidenes Spitzhaus hinter hohen Bäumen – wie für viele Künstler ist auch die Politikerin die Uckermark idealer Rückzugsort, wo sie fernab der Großstadt joggen und auch mal im See baden kann. „Leider hat sie uns noch nicht in der Galerie besucht“, meint Astrid Mosch. „Man grüßt sich und das war´s. Aber das muss man akzeptieren. Sie will hier schließlich ihre Ruhe haben.“

Für Lärm sorgen höchstens die Leibwächter, wenn sie mit ihren Limousinen vorfahren. Zum Essen geht es dann in den „Gasthof zur Eisenbahn“ im benachbarten Ringenwalde. In dem skurrilen Lokal mit Hirschgeweihen und Wildschweinköpfen wird traditionell uckermärkisch gekocht. Gerstensuppe, Nudelsuppe mit Plum und Speck, Kloppschinken oder Kadümzel, eine Art Kaninchenfrikassee mit Backpflaumen und Rosinen – wer sich auf den Kunstpfad Uckermark begibt, bekommt auch Gaumenerlebnisse geboten.

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