Unbekanntes Mallorca : Ein’ feste Burg

In Artà, der Kleinstadt im Nordosten Mallorcas, ist man sicher vor den lauten Geräuschen der Insel.

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Markant. Artà mit seinem 182 Meter hohen Kalvarienberg und der Kirche Sant Salvador ist von weither sichtbar.
Markant. Artà mit seinem 182 Meter hohen Kalvarienberg und der Kirche Sant Salvador ist von weither sichtbar.Foto: picture-alliance / allOver / TPH

Aus der Tür des Hotels getreten und links die schmale Straße hinunter stadtauswärts spaziert. Schon duftet die sonnendurchglühte Natur nach wildem Fenchel. Der Wind bringt die vanillegoldglänzenden trockenen Getreiderispen zum Knistern und am Wegrand sprießt eisblau Bleiwurz wie sonst nur im Charlottenburger Schlosspark in den großen Pötten. Löwenmäulchen blühen. Vom Kalvarienberg Artàs weg zerrinnt die mallorquinische Landschaft in blühende Wiesen, und der Blick der Spaziergänger zurück zeigt den Hausberg in voller Schönheit: mit seinen terrassierten Gärten, zwei Kirchen und einer Feste, manche sagen Burg, aus vorislamischer Zeit, das Städtchen zu Füßen.

Artà im Nordosten Mallorcas gleicht eher einem Dorf denn einer Stadt, nicht mal 6500 Einwohnern hat es. Es wurde schon 1232 erwähnt und sein Name wird vom arabischen „Gertan“, Garten, abgeleitet. Große Teile der Gemeinde liegen im Naturschutzpark Llevant. Sie grenzt an die Bucht von Alcúdia, am nördlichen Rand reicht der Blick bis nach Menorca. Artà ist fernab von Ballermann und lauten Gesängen. Mal abgesehen von einem örtlichen Musikensemble, dessen Probenklänge sich abends bei offener Pforte für eine Weile in die stille Straße ergießen. Nur dienstags Früh, wenn Markt ist, drängen sich Touristen. Nachmittags herrscht wieder ländliche Stille, und die Ladenbeseitzer, Deutsche und Spanier, haben zum Plausch Stühle vor die Tür geschoben.

Zu Füßen des Kalvarienberges, im Ort und doch schon fast draußen, hat sich das Boutiquehotel „Jardi“ versteckt. Überhaupt geben sich die Häuser in Artà , vielfach Villen ehemaliger Großgrundbesitzer, nach außen eher abweisend. Wer hineinschaut, hält schon mal den Atem an. Im „Jardi“ steht man im einstigen Herrenhaus gleich auf dem herrlichen Steinboden. Geschlämmter Kathedralenputz an den Wänden, Lampenfüße aus verwittertem Holz. Ein winziger Empfang, eine Bar, ein paar fein gedeckte Tische fürs Abendessen, und eine große Familientafel, über der wie ein Wasserfall ein moderner Lüster hängt. Man trifft sich im „Jardi“. Der Herr Direktor ist Schweizer – mit dem Charme eines Italieners.

Zwölf Zimmer und Suiten, mehr nicht. Hinterm Eingangsbereich öffnet sich ein kuschliger Hof für das Frühstück. Ein Garten in Hanglage schickt seine Düfte herab, bordet über Mauern. Frösche quaken. Von irgendwoher rinnen Wasser. Eine Oase auf verschiedenen Ebenen. Wer die Zimmertür öffnet, kann gleich die Nase in eine der Rosen stecken. Ein verwunschener intimer Ort, der jedem Gast seinen persönlichen Rückzugsort bietet. Die Suiten und Zimmer, die von der spanischen Inneneinrichterin Vanessa Garcia sehr fein und gefühlvoll ausgestattet wurden, animieren zum Bleiben.

Wir werfen unseren Koffer ab, nehmen erst mal Artà in Augenschein. Wer weiß, ob wir nachher dieses Refugium überhaupt wieder verlassen möchten. Nur ein paar Meter entfernt führt zwischen den Häusern eine Art Himmelsleiter breit zum Kalvarienberg hinauf. Ein Treppenlauf gibt den notwendigen Halt, wenn man den Kopf in den Nacken legt und die gewaltige gotische Pfarrkirche in Augenschein nimmt. Davor dehnt sich eine Art Balkon, von dem aus ganz Artà von oben zu überblicken ist: pfirsichfarbene Dächer dicht an dicht in der schier endlos scheinenden Landschaft.

Hier oben rascheln die Palmblätter im Wind. Violette Baugainvilleen und tintenblaue Prunkwinden wogen. Die letzte Etappe hinauf zur Festung und zur Kirche Sant Salvador fällt leicht, denn die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Artà hat man jetzt gesehen. Wir schlendern eine andere Treppe wieder hinab in den Ort, umrunden ihn mal eben, tauchen ein in die schmalen Straßen und finden das Regionalmuseum mit den archäologischen Fundstücken aus der Bronzezeit und einer etwas verstaubten Sammlung ausgestopfter heimischer Singvögel, mit so schönen Namen wie Sommergoldhähnchen, Fichtenholzschnabel …

Einmal am Hauptplatz, wo auch das Rathaus steht, lassen wir uns gleich noch durch das 400 Jahre alte Herrenhaus Can Cardaix führen, in dem das Mobiliar früherer Generationen arrangiert ist. Die letzte der Verwandtschaft ist eine Malerin zeitgenössischer Bilder. Die Gemälde von Aina Marìa Lliteras sind im Haus ihrer Vorfahren anzuschauen. Can Cardaix ist jetzt ein lebendiges Museum, eine Stiftung. Vom schattigen Hof her klirrt aus dem Freiluftcafé das Geschirr. Auf dem Weg zurück entdecken wir auch das Lädchen des Holzkünstlers Joaquin Sabater, von dem die originellen Lampen im Hotel stammen. Und in einer der Seitenstraßen besuchen wir den kleinen Kurzwarenladen von Senora Xiroi, deren Mann sich bestens darauf versteht, aus den getrockneten Blättern der hier überall wachsenden Zwergpalme hinreißende Körbe, Hüte und Schalen zu fabrizieren. Echt mallorquin! Wen’s interessiert, der sollte hier kaufen, denn in der Einkaufsstraße des Ortes zahlt er den doppelten Preis.

Zeit fürs Refugium. Zurück vom Dienstagsmarkt könnten wir jetzt im Zimmer bleiben, weil es so schön ist. Oder doch den Garten erobern? Die meisten Gäste sind tagsüber auf Achse. Alles gehört uns: die Sofas im Schatten am plätschernden Pool, als Dreingabe ein nicht einsehbares Himmelbett für den Tagesschlummer. Auf dem Rücken liegend sieht man die Festung und die vorüberflitzenden Mauersegler. Es geht ein leiser Wind.

Am besten jedoch, man macht eine kleine Gartenexkursion an so einem Nachmittag und dankt dem Berliner Christian Schröder, den es nach Mallorca verschlug, wo er gemeinsam mit einem Freund das alte Hotel kaufte. Mit seiner Partnerin schuf er diesen Ort, so wie auch er ihn selbst im Urlaub vorfinden möchte. So, und da jetzt später Nachmittag ist und die Gäste vom Strand erschöpft wieder eintrudeln, unternehmen wir doch noch was. Sportliche Naturen könnten jetzt ein Fahrrad mieten, wir nehmen das Auto.

Geradewegs der Straße nach Norden folgen: durch Senken, die saftig grün sind, vorbei an Steineichenwäldern und verwilderten Mandelplantagen. Niemand ist zu sehen. Hin und wieder, auf Riesengrundstücken, eine Finca weitab der Straße. Von einer Anhöhe geht der Blick übers glitzernde Meer. Irgendwo da unten muss Betlem sein, die Eremitage aus dem frühen 19. Jahrhundert, zu der man hinwandern kann. 25 Kilometer lang ist die Küste bei Artà. Eine Reihe wilder Strände, die sich wie Perlen aneinander fügen. Manche sind nur mit gutem Schuhwerk zu erreichen.

An der „Cala Torta“, der Tortenbucht, herrscht jetzt milde Ruhe. Die tief stehende Sonne überzieht die Strandhocker mit Gold. An der Fischbude gehen die letzten gegrillten Fische über die Theke. Fisch. Salat. Wein. Wasser – mehr gibt’s nicht bei Manolo. So viel Einfachheit hat ihren Preis. Mit Blick auf Wellen und Strand unter schützenden Schilfmatten sitzend schmeckt es himmlisch. Manolo vertäut schließlich die Stühle, verriegelt die Bude für die Nacht. Auch wir ziehen los. Nach Artà, in unser Refugium.

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