Urlaub in Südtirol : Haarnadelkurven zum Bauernbett

Zwanzig Zimmer nur hat das Hotel Briol im Südtiroler Eisacktal. Ein Kleinod mit schlichter Architektur und majestätischen Aussichten.

Katharina Becker

Zur Begrüßung gibt es erst mal einen Schnaps. Und das ist ein Segen. Nicht nur weil er gut und intensiv nach Obst schmeckt und man sich gleich wie bei Freunden fühlt. Er besänftigt auch Magen und Nerven. Denn die fünfzehnminütige Fahrt mit dem Alpen-Taxi von Barbian hinauf nach Briol, auf den 1300 Meter hohen Westhang des unteren Eisacktals, ist nichts für schreckhafte (und fantasiebegabte) Naturen. Zentimetergenau, scheint es, passt der Jeep auf den geröllhaltigen, steil abfallenden Weg, der sich durch Mischwald nach oben windet. Aber was ist, wenn unser Chauffeur in der nächsten Haarnadelkurve ein paar Zentimeter zu weit ausholt....?

Natürlich kommt das nie vor. Und außerdem kann man Briol auch zu Fuß erreichen. Zirka eineinhalb bis zwei Stunden dauert der Aufstieg von Barbian aus, ein erstes Warmlaufen für die anschließenden Touren in die Sarntaler Alpen. Mit dem eigenen Pkw jedenfalls darf der Gast nicht hinauf. Und das ist gut so! Ruhe, Abgeschiedenheit, eine gewisse Weltferne wären sonst beim Teufel. Und genau deswegen kommt man schließlich hierher.

Weiße, flatternde Laken sind das erste, was Taxigäste und Wanderer sehen, wenn sie um die letzte Kurve biegen. Die Hotelwäsche wird jeden Morgen zum Trocknen auf eine plateauartige Wiese gehängt. Dahinter ein dreistöckiger Bau mit Loggia, Terrasse, Balkonen: kantig aber nicht wuchtig, modern wirkend in seiner klar gegliederten Fassade, aber unübersehbar „alt“ dank liebevoll gepflegter Patina. Umgeben von sanft ansteigenden Wiesen, die in die Sarntaler Alpen übergehen, und Panoramablick in die vis-à-vis liegenden Dolomiten: Pension Briol.

Nur 20 Zimmer hat das Hotel. Und nur in der sonnensicheren Saison zwischen 6. Mai und 10. Oktober kann der Gast hier einchecken. Wobei Einchecken der falsche Begriff ist: Denn eine Rezeption gibt es nicht. Auch keine Hotelhalle und Bar, keinen Fernseher oder Zigarettenautomaten. Und selbstredend weder eine Wellness-Abteilung noch anderen Beauty-Schnickschnack. Stattdessen erwartet den Gast ein Pool, aus frischem Quellwasser gespeist und am Waldrand gelegen, eine geschützte Terrasse zum Frühstücken, Kaffeetrinken (die Kuchen vom Blech, jeden Tag frisch, sind sensationell!), Dösen, Lesen, Ins-Blaue-Schauen und jede Menge Aussicht: majestätische Gipfel und Almenlandschaften – soweit das Auge reicht. Und das alles unzersiedelt. Unberührt von den Schandtaten der alpenländischen Tourismusindustrie.

Reduktion und Authentizität sind die Eckpfeiler des familiär geführten Hotelbetriebs. Kein Alpenkitsch und rustikaler Schick stört die strenge Schönheit der Architektur, die mit ihrer kubistischen Formensprache an den Bauhausstil erinnert. Puristisch und angenehm „undekoriert“ ist auch das Innere des Hauses. Der Speiseraum: lichtdurchflutet, warmes Holz an Wänden und Böden, für Tische und Stühle. Der kleine „Salon“: ein Ort zum Basteln und Spielen für die zahlreich vertretenen Kinder, zum Lesen und Schmökern in den reich bebilderten Gästebüchern. Die Gästezimmer (an der Frontseite richtige Säle, plus Balkon und familienfreundlich mit mehreren Zusatzbetten ausgestattet): spartanisch und stilsicher möbliert, mit Bauernbett, -schrank und -nachtkästchen, Waschkrug und Schüssel. Duschen und Toiletten befinden sich, zwei pro Etage, im großzügig konzipierten Treppenhaus.

Briol ist ein Kuriosum. Ein touristisches Kleinod. Eine Rarität. Erbaut 1896 von dem Tiroler Architekten Lois Welzenbacher im Auftrag von Johanna Settari. Die Südtirolerin, Urgroßmutter der heutigen Hoteliersfrau Johanna von Klebelsberg, bekam von ihrem Bozner Gatten zur Geburt jedes ihrer 15 Kinder eine Wiese oder Waldstück der Gegend geschenkt: genug Platz, um hier mit der ganzen Familie den Sommer zu verbringen. Also wurde gebaut. Zunächst in Dreikirchen, rund 200 Meter talwärts gelegen, und schließlich in Briol.

1928 dann brachte Hubert Lanzinger, ein Schwiegersohn der Settaris und Maler und Architekt im Einflussbereich der Wiener Moderne und des Architekten Adolf Loos wirkend, den quaderförmigen Bau in seine heutige markante Form: mit Pultdach, Loggia-Konstruktion und Lärchenholzverblendung im obersten Stockwerk.

Seitdem hat sich wenig verändert. Abends ruft ein Gong die Gäste in den Speisesaal: Zeit für das drei- bis viergängige Menü mit regionalen Spezialitäten und die köstlichen Weine aus der Gegend. Mittags stärken sich Nicht-Wanderer bei einem Salatbuffet (im Halbpensionspreis inbegriffen). Das üppige Frühstück genießt man, sofern das Wetter gnädig ist, auf der Terrasse mit Blick ins Eisacktal.

Und zwischendurch? Die Aktiven gehen natürlich in die Berge. Gleich hinterm Haus führen gut markierte Wege in alle Himmelsrichtungen, bis hinauf auf über 2500 Meter. Entspannungsbedürftige Gäste schnappen sich einen Liegestuhl und vertrödeln den Tag am Pool und auf den Wiesen rund ums Haus.

Sommerfrische: Wer Sehnsucht hat nach diesem ganz und gar unzeitgemäßen „Zustand“, bei dem nichts die Sinne reizt und überflutet außer einem Maximum an Ruhe und Natur, der wird hier (s)einen Lieblingsplatz finden.


Hotel Briol, Bad Dreikirchen, Inh. Johanna & Urban v. Klebelsberg, 39040 Barbian-Dreikirchen/Barbiano-Tre Chiesi, Val d’Isarco/Eisacktal (Bz), Tel/Fax 0039 0471 650125, www.briol.it.

Doppelzimmer inklusive Halbpension zwischen 60 und 68 Euro pro Person.

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