Usedom : Im Takt mit der Natur

Entlang dem Radweg Berlin–Usedom kann man auch prima wandern. Und wenn man sich verläuft, gibt’s manche Überraschung

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Begegnung in der Schorfheide. Auf abgelegenen Wegen ist das Zusammentreffen mit Menschen in dem dünnbesiedelten Landstrich eher...

In der Schorfheide wird gefegt. Diesen Beschluss hat Bezirksschornsteinfeger Matthias Rink auf einen gelben Zettel getippt und in Augenhöhe an eine Eiche genagelt. Die steht an einem Forstweg vor Werbellin und ist einfach nicht zu verfehlen. Was der Kaminkehrer hier sucht, mitten im Wald und auf der Heide, erschließt sich dem Wanderer erst bei näherem Hinsehen – hinter dichtem Gebüsch und Unterholz sind die Schornsteine von Waldhütten und Ferienhäusern erkennbar, die sie hier früher Datschen nannten und heute, etwas angeberisch, Bungalows.

An den Spanplattenbauten zwischen dem Üder- und dem Werbellinsee huschen Radwanderer im Dutzend vorbei; der Fernradwanderweg Berlin–Usedom wird in diesen Sommertagen gut frequentiert. Gelegentlich scheint es, als rollten komplette Prenzlauerberger Wohngemeinschaften in Nordrichtung, abgelöst von Zehlendorfer Patchworkfamilien in Perfektmontur, Sturzhelm inbegriffen.

Zwei Kreuzberger Männer in mittlerem Alter fachsimpeln über die wirkmächtige Kombination von Joghurt und Bananen, zupfen dabei an ihrer Gepäckträgerbeladung herum. Sie wollen am Abend in Warnitz am Oberuckersee ihr Zelt aufschlagen. Ein thüringisches Ehepaar kommt aus entgegengesetzter Richtung, hat den Löwenanteil der Tour Usedom–Berlin schon hinter sich und freut sich, nach all der einsamen Zweisamkeit, auf Berlin. Drei Mannsbilder überholen, rufen „Moin, moin“ dazu und erinnern daran, dass der Norden nicht weit ist.

Alle grüßen aufmunternd den Einzelgänger mit Wanderstock. Beladen mit den üblichen Vorräten und Reservetextilien, aber erstmals auch mit Schlafsack, Matte und Zelt, habe ich mich in Bernau bei Berlin auf den Fußweg gemacht, um irgendwann die Ostsee zu erreichen. Doch das erste, näher liegende Ziel: die Uckermark.

Wer strikt der Beschilderung des Radfernweges Berlin–Usedom durch Bernau folgt, sieht im Wesentlichen die Felssteine der Stadtmauer, an der es entlang geht. Dabei gäbe es im Städtchen selbst genug zu sehen, etwa die Altstadthäuser am Katzenellenbogen, die St.-Marien-Kirche oder jene etwas rätselhafte, weil nicht weiter erklärte, Stadtarchäologie in unmittelbarer Nachbarschaft. Ebenso änigmatisch ist, warum die flunderplatte Landstraße, die nördlich aus Bernau herausführt, Rollberg heißt – nirgendwo sind auch nur Bodenwellchen zu erkennen, auf denen es sich Abrollen ließe.

Bonhoeferweg, Bodelschwinghstraße, Nazarethweg und Bethelweg – die Straßenschilder benennen einen Ort, der traditionell protestantisch und diakonisch geprägt ist: Lobetal. Hier hat Friedrich von Bodelschwingh 1905 die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal gegründet, heute eine der bedeutendsten Sozialeinrichtungen im Land Brandenburg. Das Pfarrhaus erlangte Anfang 1990 für ein paar Wochen Berühmtheit, als Pfarrer Uwe Holmer den Honeckers eine Art Kirchenasyl gewährte. Darüber mögen sich die Mittelalten im Ort erzählen, die Steinalten wissen sich vielleicht noch über das „Objekt Koralle“ zuzuraunen.

„Koralle“ war im Zweiten Weltkrieg der Deckname für die zentrale Marine- Funkleitstelle für U-Boote in Lobetal bei Berlin. Ausgerechnet aus der Tiefe des Lobetaler Waldes kamen die Funksprüche, die in die Tiefe der Ozeane gerichtet waren (und in der Nähe von London entschlüsselt wurden). Hier ersannen Stabsoffiziere aber auch Teile der „Operation Walküre“, des 20.-Juli-Militäraufstandes gegen Hitler.

Tock, tocktock, tock – in einer Art Rap-Rhythmus klopft der Wanderstock auf den Asphalt der Piste, die vor Biesenthal zu einem Forstwirtschaftsweg wird, gewalzter Kiesboden, der für Radfahrer wie Fußwanderer gleichermaßen gut zu benutzen ist. Stereofonisch gibt dazu ein Vogelduo die Melodie an; an ein klangvolleres Naturduett kann ich mich nicht erinnern – aus dem Waldstück links tiriliert es Fragen (vielleicht auch Warnungen?), von den Birken und Kiefern rechts antwortet es drei oder vier Minuten lang, ein Takt schöner als der nächste.

Durch Eichenlaub bricht sich das hartheiße Sonnenlicht des Mittags auf der Oberfläche des kleinen Waldsees und funkelt hundertfach zurück. Es hatte zuvor ein bisschen geregnet – mit dem Effekt, dass jetzt das Dach des alten Geräteschuppens dampft wie Kunstnebel, durch den jeden Augenblick Mick Jagger zu hüpfen droht. Ein paar Meter voraus vergammeln Versatzstücke verloren gegangener DDR-Hurra-Nutzästhetik – ein himmelblau gestrichenes schmiedeeisernes Weidegatter lehnt gegen ein tarnfarbenes Aggregat, auf dem das Herkunftsschild verrostet und verblasst, irgendwas mit VEB Landmaschinenbau ...

Auch das Anwesen vor einer Waldlichtung hinter Biesenthal scheint zunächst ein Verfallsklassiker aus Kriegs-, Nachkriegs-, DDR-, Wende und Restitutionszeiten zu sein – eine dieser Gutsanlagen, die vergessen vor sich hin bröseln, bis der Archäologe kommt. Doch hinter der Fassade hat sich ein Investor mit zeitgenössischer Architektur aus Beton, Stahl und Glas ausgestattet und auf der Weide vor dem Haus einen Skulpturenpark installiert.

Ein bisschen Wind ist gegen Nachmittag aufgekommen. Er streicht durch die Reihen der spillerig aufragenden Kiefern. Um den Zelt- und Campingplatz am Üdersee zu erreichen, müssen Rad- und Fußwanderer zunächst ein etwas verwirrendes Ensemble an Kanal- und Straßenbrücken überwinden. Das Luftfahrtmuseum vor Finowfurt und zahlreiche Warnschilder vor abgezäunten Grundstücksbrachen erinnern daran, dass hier bis 1994 die sowjetische beziehungsweise russische Luftwaffe stationiert war. Auf dem Flugplatz ist museale Ruhe, aber auch das Grundrauschen von der nahen Autobahn stört den Schlaf des erschöpften Zeltwanderers ebenso wenig wie die Party vor den Jugendzelten. Nicht einmal Mücken gibt’s hier.

„Die Nacht war traumlos, kurz und schwer“, morgens beim Sprung in den See erinnere ich mich an diese Zeile eines alten Fahrtenliedes der bündischen Jugend. Passt. Zum Frühstück – Dauerwurst, Dauerbrot, Tasse Kaffee – gibt’s auch heute Morgen den aktuellen Tagesspiegel, den man an der Rezeption des Zeltplatzes kaufen kann.

Die ersten Schritte sind noch ein wenig bleiern. Doch die Last auf dem Buckel ruckelt sich bald wieder zur Gewohnheit zurecht, und ich freue mich über dieses Weizenfeld, das mich einen viertel Kilometer begleitet. Das Korn wächst auf einem sanft welligen Boden auf den See zu und das Gleichmaß der Bodenwellen, die im Morgenwind leicht schwingenden Ährenscharen – tut den Augen so gut wie der Stimmung des Wanderers, den es nach Norden zieht und zurück in den Wald.

Der duftet gegen Mittag ein wenig feucht und modrig, wirkt wie ein Magnet auf alles, was auf Blut und Salz und Menschenhaut scharf ist. Wie ein Flagellant wedele ich mit einem Eichenzweig mal über die rechte, mal über die linke Schulter, um all die Stechfliegen, Bremsen und Zecken von mir fern zu halten. Stunden später hält der Wanderstock einen so angriffslustigen wie hartnäckig kläffenden Hofköter in Schach und vom Finalbiss ab. Auch so gesehen ist das Insigne des Wanderers ein nützliches Werkzeug.

Vom Ausflugsdampfer „Werbellinsee“ winken entfesselte Bootstouristen herüber, während ich unweit der Anlegestelle in Altenhof ein spätes, zweites Frühstück einnehme. Am Nachbartisch turtelt ein uckermärkisch-irisches Liebespaar, und dem Wanderer, der seine Brille in den Tiefen des Rucksackes verstaut hat, entgeht, was sich möglicherweise auf Schloss Hubertusstock am jenseitigen Ufer des Werbellinsees tut, wo ein Fitzelchen Geschichte geschrieben wurde: Honecker traf sich hier mit Leonid Breschnew, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Otto Graf Lambsdorff und Franz Josef Strauß. Daran erinnert übrigens eine seltsame „Honecker-Suite“ drüben im Hotel Jagdschloss Hubertusstock.

Auch hüben am Altenhofer Ufer könnte, wer wollte, in DDR-Geschichte volontieren. Die Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte bei Altenhof ist heute ein beliebter Ferienplatz für Jugendclubs und Sportvereine. Bis zur „friedlichen Revolution“ war das weitläufige Gelände mit seinen zahlreichen Wirtschafts- und Wohnanlagen Heimstatt der „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“, wo Kinder (gerne auch aus der „BRD“) für 40 subventionierte Mark der DDR Ferien machten – Ideologietransfer und vormilitärischer Drill inklusive. Heute flattern deutsche Landes- und europäische Nationalflaggen vor dem Entree der Begegnungsstätte, die den wandernden Gefr. d. Res. an einen Kaserneneingang erinnert.

In Skandinavien gibt’s ein wunderbares Legat; das Allemansrätt erlaubt jedermann, überall in freier Natur zu zelten. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern regeln das undurchsichtig formulierte Paragrafen, aus denen nicht eindeutig hervorgeht, ob eine Nacht im Zelt auf freier Wildbahn für Wasser-, Rad- und Fußwanderer nun erlaubt ist oder nicht. Im so klitzekleinen wie schmucken Dörflein Glambeck, unmittelbar neben der wahrscheinlich allerkleinsten Radfahrerkirche der Welt, erlaube ich mir einfach eine solche freicampierte Nacht, freilich mit dem Segen eines der Anwohner. Der Denkmalverein Glambeck, dem das brachliegende Areal rund um Kirchlein und Friedhof gehöre, habe nichts gegen Wanderer einzuwenden, die Nachtruhe brauchten, sagt der.

Hätte ich mich am nächsten Morgen nicht verlaufen – mir wäre ein wunderbarer Weg durch den Görlsdorfer Forst mit anschließendem Bade entgangenen. Zu den unschlagbaren Vorzügen der Schorfheide gehört ihr Seenreichtum. Übrig gebliebene Gletscher formten vor 12 000 Jahren Seen und Toteislöcher, an denen wir heute Erquickung und Wohlgefallen finden – bisweilen in einer Einsamkeit, die daran erinnert, dass hier einer der dünnstbesiedelten Landstriche der Republik ist.

Auf dem Campingplatz in Warnitz blinzele ich schließlich in die Untergangssonne, die über dem Oberuckersee an Kraft verliert. Dazu schmeckt das Lübzer Bier, das hier allenthalben verkauft wird. Das Zelt steht stramm, die Nacht ist gnädig und nichts geht über ein paar kräftige Schwimmzüge frühmorgens, bevor der Wanderstock, tock, tocktock, tock, wieder den Rhythmus angibt.

Dieser wetterwendische Sommer hat einen Vorzug – wann sonst sind im ständigen Wechsel zwischen Sonne und Regen so kräftige Regenbögen zu bestaunen, die über dem ganzen Horizont auszuholen scheinen? Und wann sonst treten die Halbkreise schon mal gleich doppelt auf, wie heute Abend über dem Galgenberg bei Groß Luckow? „Zwo davon“, sagt der alte Mann am Ortseingang, „sind selten hier.“ Und wann sonst wird ein erschöpfter Wanderer – einfach so – gebeten, sein Zelt auf dem Rasen hinter dem Wohnhaus aufzuschlagen, inklusive Einladung zu Abendbrot und Frühstück?

Nur der Gastfreundschaft der Familie Schmalz ist es zu verdanken, dass ich an diesem Abend so viel Neues und Altes von heute und früher erfahren habe – über Bodenreformhäuser und postalisches Qualitätsmanagement, über die Ditfurths und das alte Gutshaus vor dem Dorf, über maritime Souvenirs im englischen Bristol, über Grundstückswerte im Landkreis Barnim, über fruchtbare Lehmböden und volkseigene Güter – und über Ostgehälter im sehr westlichen Kiel.

Den West-Ost-Westen hole ich ein Dorf weiter ein, in Klein Luckow. Weniger der Umstand, dass hier mal die LPG „Karl Marx“ wirtschaftete, sondern die Tatsache, dass hier Max Schmeling 1909 geboren wurde, hat den Flecken in die Geschichtsbücher gebracht.

Die beiden einzigen Dorfstraßen wurden nach ihm benannt, das Geburtshaus ist gut ausgeschildert mit einem Gedenkstein davor, auf dem Max Schmeling so bedröppelt schaut, als ginge ihm die schmerzliche Niederlage gegen Joe Louis nicht aus dem Sinn. Das Denkmal ehrt einen Mann, der noch posthum für seine abgelegene Heimatregion zwischen Prenzlau und Strasburg Gutes tut, denn die Max-Schmeling-Stiftung finanziert zahlreiche gute Werke in Klein Luckow und um Klein Luckow herum, wo der Fußwanderer kaum noch Radfahrern begegnet, weil er sich mal wieder verlaufen hat – irgendwo dort, wo Rehböcke in Starre verfallen und dort, wo Bezirksschornsteinfeger Rink im Dienst durch die Schorfheide fegt.

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