Reise : Vielleicht schaut Tom Hanks vorbei

Die Nördlichen Sporaden sind die wohl ursprünglichsten Inseln Griechenlands. Auch Prominente mögen sie – aber nur in der Hochsaison

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Leben mit dem Meer. Im alten Hafen von Skiathos hat man den Seeleuten ein imposantes Denkmal gesetzt. Foto: Martina Katz
Leben mit dem Meer. Im alten Hafen von Skiathos hat man den Seeleuten ein imposantes Denkmal gesetzt. Foto: Martina Katz

Hektisch blicken sie hinter den riesigen Rosmarinbüschen hervor, rutschen und stolpern dann panisch den vier Meter hohen Abhang hinunter. Äste brechen, Steine klatschen auf die Straße, Sand rieselt hinterher. Mit einem schrillen Pfeifton lockt Ziegenhirte Giorgos seine Herde aus dem Unterholz auf die schmale Landstraße in den Bergen von Skopelos. Die Hörner kunstvoll in Wellenlinien geschwungen, das Fell braun und buschig, drängeln sich die Tiere zwischen grünem Berg und Abgrund. Ihr aufgeregtes Gemecker ist ohrenbetäubend, übertönt nur vom Gebimmel der Halsglocken. „Hier im Inselinneren kennen wir keinen Tourismus, aber die Natur, die ist uns wichtig. Schließlich leben hier fast so viele Ziegen wie Menschen“, erzählt der 40-jährige Grieche und scheucht seine Tiere zusammen.

Jeden Tag ziehen die Hirten auf den Nördlichen Sporaden mit ihren Ziegen über das gebirgige grüne Land. Die Inseln in der westlichen Ägäis sind wohl das Grünste, was Griechenland zu bieten hat. Weitläufige Pinienwälder, ausgedehnte Olivenhaine, Palmen und Zypressen bedecken die kleinen Eilande. Rund 80 von ihnen gibt es, die meisten unbewohnt. Für die Einheimischen sind sie „die Verstreuten“, die aus einem Steinweitwurf der Gigantenbrüder Otos und Efialtis entstanden – so sagt es eine griechische Legende. Auf den Hauptinseln Skopelos, Skiathos und Alonnisos ist das Klingeln der Ziegenglocken dem Besucher ein ständiger Begleiter: ob an den 200 Buchten mit ihren steinigen oder goldsandigen Stränden und türkisfarbenem Südsee-Wasser, wo schroffe Felsen steil in das Meer fallen und eine Taverne nur im Hochsommer zu vollem Leben erwacht. Oder in den wenigen Dörfern, die sich mit weißen Häusern und roten Dächern dicht an dicht entlang verwinkelter schmaler Kopfsteinpflastergassen die Hänge hinaufziehen – manche noch heute vom Erdbeben im Jahre 1965 gezeichnet. Immer wieder mischt sich das Ziegengeklingel auch mit dem Geläut der Kirchenglocken. „Und Kirchen haben wir viele“, erzählt Giorgos – mehr als 500 gibt es auf den den alten Traditionen verhafteten Nördlichen Sporaden. Wenn die Inseln nach einem langen Winter mit Ankunft der ersten Touristen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, ist das unverwechselbare Gebimmel nicht mehr ganz so präsent. Doch das soll sich ändern. Die neuen Bürgermeister sind voller Tatendrang, um das Badebucht-Image der Inseln auszudehnen und Besucher auch außerhalb der Sommermonate anzulocken. Denn der Mix aus schönen Stränden, tatsächlich kristallklarem Meer und unberührter Natur, der Baden, Tauchen und Wandern in allen Variationen möglich macht, sucht in Griechenland seinesgleichen.

Skiathos, die Mondäne, wie die Einheimischen sagen, ist über den kleinen Flughafen des Reeders Onassis am leichtesten zu erreichen. Im Sommer verdoppelt sich hier die Bevölkerung oft auf 10 000 Menschen, verteilt auf kleine Unterkünfte in der Nähe der Buchten und in der schönen Inselhauptstadt. Vor allem in der Hochsaison ist die Einkaufsstraße Papadiamanti, die den Namen von Skiathos’ bedeutendstem Schriftsteller trägt, mit ihren Mode- und Souvenirläden schick herausgeputzt, versammelt das einzige Kino die Cineasten in einem winzigen Innenhof, und aus den Tavernen an den Promenaden Paralia und Makariou entlang den Häfen dringt der Duft von Grillspießen. Ein Himmel für Nachteulen, der nur im Juli und August von der Partymeile ganz im Osten der Stadt übertroffen wird. Plötzlich sind auch die Strände Koukounaries und Lalaria – für die Griechen die schönsten der Insel – voller bunter Sonnenliegen und mit Ausflugsbooten gespickt. Wer die beeindruckenden Wandmalereien der alten Hauptstadt Kastro noch allein genießen will, muss früh aufstehen. Und auch die Mönche im Kloster Evagelistrias haben meist nur morgens Zeit für den Verkauf ihrer eingelegten Früchte und des selbst gemachten Tsipouro, ein Tresterbrand. Gerade jetzt scheint Skiathos griechisch und international zugleich. Pierce Brosnan gefällt’s. Seit den Dreharbeiten zum Film „Mamma Mia!“ im Jahr 2008 kommt er regelmäßig hierher. Und mit ihm weitere Schauspielgrößen: Goldie Hawn und Kate Hudson trifft man in Achladias, Tom Hanks auf seiner Jacht vor der Insel.

Auf Skopelos, nur zehn Kilometer weiter, hat der Tourismus schon seit jeher weniger Bedeutung. Den meisten Europäern ist die Anreise per Fähre zu mühsam, und so bleiben die Griechen fast unter sich. Doch seit der Finanzkrise ist auch deren Zahl rückläufig.

Schon bei der Einfahrt in den kleinen Hafen von Skopelos-Stadt verschlägt es einem den Atem ob der imposanten Ansammlung weißer Häuser und Kirchen am Hang. Das hat bereits die „Mamma Mia!“-Crew überzeugt, und sie verbrachte hier deutlich mehr Drehtage als auf Skiathos: am einsamen Pinienbaum am Kap Amarandos und an der Kirche Agios Ioannis sto Kastri, die im tosenden Meer in herrlicher Lage auf einem Felsen thront und nur über 200 steile Stufen zu erreichen ist. Dennoch: Die Insel ist als Reiseziel kaum bekannt. Die Offiziellen haben geschlafen, selbst den erfolgreichen Film haben sie nicht zur Vermarktung genutzt, Drehorte wie Holzsteg und Taverne am Kastani-Strand sogar abgerissen. Dabei sind sie schon seit jeher gebeutelt, die Skopeloten.

Früher eine blühende Insel mit erfolgreichem Handel von Wein, Oliven, Pflaumen und Schiffen, beendete 1868 die Weinkrankheit den lukrativen Anbau. Als dann Motorboote auf den Markt kamen, wurde der Bootsbau nicht umgestellt, sondern stillgelegt. Für den Export blieben Pflaumen und Oliven, zu wenig für die erfolgsverwöhnte Insel. Und so stürzte man sich auf den Strandtourismus. Inzwischen sucht man nach Alternativen, die ihn ergänzen. „Skopelos zu Fuß entdecken ist das neue Motto. So können Individualtouristen Land und Leute kennenlernen“, erklärt Bürgermeister George Michelis, seit Januar dieses Jahres im Amt.

Für die Abgeschiedenste der drei Inseln gilt das bereits. Alonnisos ist die wohl familiärste des Inselgespanns. Bei nur 2700 Einwohnern sind hier Tradition und Beschaulichkeit Gesetz. Im Sommer gibt es Bootsausflüge zu den geschützten Mönchsrobben und Delfinen im Meeresnationalpark. Ansonsten sitzen die alten Männer auch heute noch am kleinen Hafen der Inselhauptstadt Patitiri in den Ouzerien, trinken Kaffee und spielen Tavli, das griechische Backgammon. Daneben genießen Großfamilien ihre Mezhedes mit gegrillten Sardinen und Krebsschwänzen.

In der Bucht von Votsi rauscht das türkisfarbene Meer. An der rötlich leuchtenden Steilklippe von Kokinokastro kreischt die seltene Audouin Möwe, in der alten Hauptstadt Palia Alonnisos sonnen sich Hunde auf den Hausdächern. Und in der versteckten Kirche Agios Anargiri hängen seit jeher Hunderte von Ikonen, die den Gläubigen Schutz gewähren. Viel Abwechslung also. Und alles lässt sich erwandern auf mehr als 15 alten Eselspfaden. Wer nur einen davon geht, wird ursprüngliches Griechenland erleben, vielleicht einen Türkischen Halbfingergecko oder die vom Aussterben bedrohten Eleonora Falken entdecken – und sicher auf einen Hirten mit seinen Ziegen treffen.

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