Wagner Schritt für Schritt : Das Rascheln der Grasmücke

Neun Jahre verbrachte Richard Wagner in Zürich. In der Villa „Asyl“ fand er seinen grünen Hügel. Eine Tour zu seinen Wohn- und Wirkungsstätten.

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Konzert mit dem Meister. Wie es in der Wesendonck Villa zuging, glaubten Werbezeichner zu wissen – in einer Reklame für Liebig-Fleischextrakt.
Konzert mit dem Meister. Wie es in der Wesendonck Villa zuging, glaubten Werbezeichner zu wissen – in einer Reklame für...Foto: culture-images/Lebrecht Music&Arts

Der Flüchtling ist guter Laune an diesem 28. Mai 1849. „Die Fahrt im Postwagen durch das freundliche St. Gallener Ländchen nach Zürich erheiterte mich ungemein“, wird er später in seiner Biografie „Mein Leben“ schreiben. Die Sonne strahlt noch, als er am frühen Abend über die Münsterbrücke in die Stadt rollt und „die den See begrenzenden Glarner Alpen glänzen sah“. Richard Wagner, in Deutschland durch seine Beteiligung am Maiaufstand steckbrieflich gesucht, verbringt seine erste Nacht im „Haus zum Schwert“, direkt an der Rathausbrücke gelegen. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts eröffnet, war es eines der bekanntesten Hotels von Zürich. Menschen mit Rang und Namen hatten hier logiert, die Familie Mozart zum Beispiel, Johann Wolfgang Goethe, Carl Maria von Weber und Johannes Brahms.

Das Haus zum Schwert gibt es immer noch, wenn es auch kein Hotel mehr ist. 1918 wurde es geschlossen – für lange Zeit. In den 1990er Jahren umfassend renoviert und rekonstruiert, beherbergt es nun schicke Boutiquen und teure Büros. Auf der Brücke stehen Touristen, fotografieren die ehrwürdigen Gebäude rechts und links der Limmat und bewundern das erhabene Fraumünster. So, wie es wohl auch Wagner getan hat. Die Stadt ist klein zu seiner Zeit, gerade mal 17 000 Menschen wohnen darin. Die Bahnhofstraße, heute eine der teuersten Einkaufsmeilen der Welt, zieht sich noch als Fröschengraben durch die Stadt. Wagner aber ist begeistert. „Höchster Wohlstand, Freiheit und erhabener Naturreiz liegen hier plötzlich wie durch Zauber vor mir“, schreibt er.

Expertin Eva Martina Hanke weiß, wo Wagner speiste oder dirigierte.
Expertin Eva Martina Hanke weiß, wo Wagner speiste oder dirigierte.

Doch er will nicht lange bleiben, zieht weiter nach Paris, sucht Anerkennung. Aber nichts will ihm gelingen in der Stadt an der Seine. Nach wenigen Wochen kehrt er zurück nach Zürich. Seine in Dresden gebliebene Frau Minna soll nachkommen. „Dort, in der deutschen Schweiz, sind wir wie zu Hause“, lockt er. Sie folgt seinen Bitten. Neun Jahre lang, bis zum August 1858, werden beide in Zürich bleiben.

Oft wird Wagner umziehen in der Stadt, und „die meisten dieser Adressen existieren noch“, sagt die Musikwissenschaftlerin Eva Martina Hanke. Wohn- und Wirkungsstätten des Komponisten hat sie für einen Stadtführer zusammengetragen. Und so kann man Wagner Schritt für Schritt nahekommen. Und spüren, wie diese Stadt sein Leben und sein Werk beeinflusst hat.

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