Welt : Retourkutsche mit Eiern

Vincenzo Delle Donne

Roberto Benigni liebt die Provokation und genießt es überdies, vor TV-Kameras, Politiker verschiedener Coloeur auf den Arm zu nehmen oder mit Show-Entertainer Schabernack zu treiben. So küsste er beispielsweise den linken römischen Bürgermeister, Valter Veltroni, auf den Mund, verspottete öffentlich die politischen Ambitionen von Silvio Berlusconi oder zerrte die Entertainerin Raffaela Carrà zu Boden und versuchte, sie während einer Show auszuziehen.

Aber auch Papst Johannes Paul II. und die Politiker der Mitte-Links-Opposition, mit denen Benigni offen sympathisiert, sind vor ihm nicht sicher. Benignis Provokationen, die zuletzt zumeist Ministerpräsident Silvio Berlusconi zum Gegenstand hatten, stießen jedoch bei dem römischen Journalisten Giuliano Ferrara auf wenig Verständnis. Deshalb hat der Chefredakteur und Herausgeber der kleinen konservativen mailänder Tageszeitung "IL Foglio" nun offiziell zu einem spektakulären Boykott des toskanischen Komikers aufgerufen.

"Bo.Be.", wie Ferrara den Boykott taufte, soll während Benignis Auftritt beim "52. Festival della Canzone italiana" in San Remo erfolgen, das am Dienstag begonnen hat und eine Woche lang zum Nabel der italienischen Welt wird. "Wir werden etwa fünfzig sein und werden mit Eiern und Gemüse auf ihn schmeißen", kündigte Ferrara an. Er wolle "Zwietracht an diesen honigsüßen Ort der melodischen Liebe säen". Für den Journalisten, der 1994 Mitglied von Berlusconis erster Regierung war, ist Benigni ein "Komiker des Regimes" der Linken.

Der Boykott ist offensichtlich eine Retourkutsche dafür, dass Benigni im letzten Wahlkampf angeblich mit den Mitteln der Karikatur politisch gegen Berlusconi zu Felde zog. Ein Zitat Benignis über Berlusconi, das ihm Berlusconi-Intimus Ferrara besonders übel nahm: "Berlusconi gefällt sich in der Rolle des Protagonisten. Steht eine Wahlveranstaltung an? Dann spricht nur er. Bei einer Hochzeit will er die Braut, bei einer Beerdigung will er der Tote sein." Pikante Randnote: Die arg defizitäre kleine Tageszeitung, die der frühere Minister der ersten Berlusconi-Regierung ins Leben rief, hätte schon längst Konkurs anmelden müssen, wenn sie Berlusconis Ehefrau Veronica nicht finanzieren würde.

Dass Benigni, der mit dem tragikomischen Film über die Judenverfolgung in Italien "La vita è bella" drei Oscar erhielt, mit faulen Eiern, überreifen Tomaten und faulem Gemüse beworfen werden soll, lässt den Oscar-Preisträger indessen kalt. Er erachtet es nämlich nicht einmal für nötig, zum Boykottaufruf offiziell Stellung zu nehmen. Die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" konnte Benigni nur einige Kommentarfetzen entlocken: "Ob ich über Politik sprechen werde? Natürlich werde ich das. Wie soll man in Italien in diesen Zeiten darum umhin kommen?"

Der quirlige und unberechenbare Benigni, dessen Slapstickeinlagen während Showauftritten und Interviews mittlerweile Kultstatus haben, wird am kommenden Samstag das Highlight der mondänen Veranstaltung um die seichte italienische Unterhaltungsmusik sein. Ein Publikum von mindestens 15 Millionen TV-Zuschauern ist Benigni übrigens garantiert. Und das ist wohl auch der Grund für Ferraras ungewöhnlich scharfe Attacken. Der Moment für Benignis karikaturistische Tiraden könnte nämlich für die Berlusconi-Regierung nicht ungünstiger sein. Denn gerade jetzt inszenieren vielerorts kritische Bürger spontane Protestveranstaltungen gegen die Justiz- und Europapolitik der Regierung, an denen mehrere Zehntausend Menschen teilnehmen. Daneben proben die Gewerkschaften mit dem angedrohten Generalstreik den Aufstand.

Die gesamte italienische TV-Nation erwartet nun mit Spannung Benignis Auftritt in San Remo. Der Hausherr der Gesangsveranstaltung, der Entertainer Pippo Baudo, will sich jedoch als lebendes Schutzschild für Benigni verdingen. "Wenn ihr Eier auf Benigni werft, werde ich mich vor ihn stellen", kündigte Baudo an. Schützenhilfe erhielt Benigni übrigens auch vom renommierten Dramatiker Dario Fo. Der Nobelpreisträger spricht von einem "wachsenden Klima der Zensur", das in Italien immer mehr um sich greife.

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