Rügen : Kreidefelsen-Abbruch: Weiße Pracht, weiße Gefahr

An den berühmten Kreidefelsen auf Rügen gab es einen Abbruch – verschüttet wurde niemand. Der Hochuferweg Rügen und auch der Strand bleiben weiter geöffnet.

Corinna Pfaff

Johannes Brahms war so von ihnen fasziniert, dass er 1876 endlich seine 1. Sinfonie fertigstellte. Und Caspar David Friedrich verhalf ihnen schon vor fast 200 Jahren zu Weltruhm: die Kreidefelsen der Insel Rügen. Beim Meister der Romantik erstrahlen sie in leuchtendem Weiß. Doch fallen immer mal wieder Schatten auf die bizarre Formation am Ostrand des Nationalparks Jasmund, der auch für viele Berliner zu den beliebtesten Ausflugszielen an der Ostsee gehört. Spektakuläre Abbrüche an der rund 13 Kilometer langen Steilküste, die jährlich von etwa 1,5 Millionen Touristen besucht wird, sorgen für Schlagzeilen. Wie auch jetzt wieder. Polizei und Feuerwehr suchten mit Hunden nach Verschütteten, nachdem am Dienstagabend Kreidebrocken am Strand nahe Sassnitz in die Tiefe gerutscht waren. Spaziergänger hatten befürchtet, dass Menschen unter dem Geröll begraben worden sein könnten und lösten den Großeinsatz aus. Es war ein Fehlalarm, wie sich herausstellte. „Ich habe mir die Stelle angesehen“, sagt Michael Weigelt vom Nationalparkamt Jasmund. „Normalerweise wäre ich an dem Häufchen einfach vorbeimarschiert“, setzt er mit der Gelassenheit des Experten hinzu. 200 bis 300 Tonnen Kreide – schlimm freilich für jeden, der getroffen wird. Aber als im Jahr 2005 die berühmten Wissower Klinken von der Kreideküste abbrachen, waren etwa 50 000 Kubikmeter Kreide und Mergel in die Tiefe gestürzt. Von dem berühmten Motiv sind nun nur noch die Stümpfe zu bewundern.

Im Jahr 2008 hatte sich ein riesiger Kreidebrocken auf einer Länge von mehr als 100 Metern aus der Wand gelöst. Etwa 20 000 Kubikmeter lagen am Fuße des Kliffs und waren im Laufe der Zeit von der Brandung zerkleinert und weggetrieben worden. Für den Nationalparkwächter gehören solche Vorgänge zu den „normalen küstendynamischen Prozessen“. Dennoch, räumt er ein, sei dies im Hochsommer ungewöhnlich. Normalerweise komme es nach starkem Regen zu Abbrüchen. Auf Rügen blieb es in den vergangenen Wochen allerdings bis auf kleinere Schauer weitgehend trocken. Ersten Angaben zufolge könnte eine unterirdische Wasserquelle den neuesten Abbruch beschleunigt haben.

Die gute Nachricht für Urlauber: Der Hochuferweg Rügen und auch der Strand bleiben weiter geöffnet. Ob der Spaziergang unterhalb der Steilküste gefährlich ist? „Es wird weitere Abbrüche geben. Damit muss man einfach rechnen“, sagt Michael Weigelt. „Aber keiner kann sagen, wann.“ Das sei eben das normale Risiko. „Man fährt doch auch weiter ins Gebirge, obwohl es dort regelmäßig Steinschläge gibt“.

Weigelt beruhigt mit einem Verweis auf die Statistik. In den 1930er Jahren habe es seines Wissens den letzten tödlichen Unfall wegen eines Kreideabbruchs in der Region gegeben. „Ich denke, die Anfahrt mit dem Auto nach Rügen ist gefährlicher.“

Abbrüche gibt es auf Rügen seit Menschengedanken. Seitdem sich vor rund 50 000 bis 20 000 Jahren die Formation wahrscheinlich durch den Aufstieg eines unterirdischen Salzstocks hob, ist die Steilküste nun mal der Erosion ausgesetzt. Und Weigelt ist sich sicher: die Kreidefelsen in Deutschlands kleinstem Nationalpark werden auch in weiteren tausend Jahren noch die Menschen begeistern. Wenn sich auch ihr Anblick weiter ständig verändern wird – wie eh und je. Caspar David Friedrich habe übrigens nicht – wie oft fälschlich angenommen – die nun abgebrochenen Wissower Klinken gemalt. „Die gab es damals noch gar nicht“, erklärt Weigelt. Das tatsächliche Motiv des Landschaftsmalers – eine benachbarte Felsformation – dagegen sei bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollständig im Meer verschwunden.

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