Welt : Russland: Putins Worte verhallen

Die ersten Nachtfröste im September lassen die Menschen in Russlands Fernem Osten erzittern. Der vergangene Winter mit einer dauerhaften Rekordkälte von bis zu minus 50 Grad steckt noch in den Knochen. Die Zentralmacht im mehr als 7000 Kilometer entfernten Moskau versprach Besserung. Doch mit dem kommenden Winter droht die nächste Katastrophe, da die Heizvorräte an Kohle und Gas erneut viel zu gering sind.

In der Industriestadt Artjom, 50 Kilometer nordöstlich von Wladiwostok, kleben an Bäumen, Laternen und Ampelmasten Tausende von Zetteln, auf denen Wohnungen zum Verkauf angeboten werden. Auch die Eheleute Jewgeni und Larissa würden die 100 000-Einwohner-Stadt lieber heute als morgen verlassen. "Besser wird hier nichts mehr. Schon im vergangenen Jahr haben wir ohne Heizung dagesessen", klagt Larissa.

Ihr Mann zeigt den Journalisten des russischen Fernsehsenders NTW abgesägte Heizkörper unter dem Wohnzimmerfenster. "Monteure kamen, um angeblich die Zentralheizung im ganzen Mietshaus zu erneuern", berichtet Jewgeni. Die Handwerker sägten und verschwanden. Das war vor einem Monat, seitdem habe sich nichts mehr getan.

Im letzten Winter machte die Stadt Artjom russlandweit Schlagzeilen, weil dort ein Direktor eines Fernwärmewerks wegen Schlampigkeit zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Gebracht hat das wenig.

Zu Sowjetzeiten produzierten Industriekombinate in der Stadt Klaviere, Teppiche und Oberbekleidung. Viele Betriebe stehen still. Zehntausende Menschen müssen ohne Lohn über die Runden bekommen und zahlen ihre Miete seitdem nicht mehr.

Das eisige Chaos kündigt sich genau wie vor einem Jahr an. "Die Stadt Artjom ist nicht auf den Winter vorbereitet", sagt der Sprecher des regionalen Energieversorgers Dalenergo, Michail Zedrik. Der Grund liege auf der Hand. Die kommunale Wohnungsverwaltung habe kaum noch Mieteinnahmen und schulde dem Energieversorger 200 Millionen Rubel (15,1 Millionen Mark). Hinzu kommen Korruption und Misswirtschaft auf allen Ebenen.

Der Bürgermeister von Artjom gibt sich kämpferisch. "Für jede Abschaltung der Heizungen in Wohnhäusern werden wir die Verantwortlichen bestrafen lassen", kündigt Wladimir Nowikow an. Kalt wie im Eisschrank sei es in manchen Wohnungen im vergangenen Winter gewesen, schrieben die Zeitungen. Nicht wenige Menschen flohen aus Artjom in ihre primitiven Wochenendhäuser in den Datschensiedlungen vor der Stadt, wo sie immerhin mit kleinen Holzöfen heizen konnten.

Eigentlich dürfte im Gebiet Artjom niemand frieren. Denn ganz in der Nähe gibt es Braunkohlevorkommen. Doch die Bergleute wollen in diesem Jahr nicht wieder die Misere ausbaden. "Der Energieversorger Dalenergo schuldet uns 24 Millionen Rubel", sagt ein Sprecher.

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