Satiriker Nico Semsrott : Die gesunde Portion Pessimismus gegen die AfD

Zu Krisenzeiten ist Optimismus nicht angebracht, sagt Nico Semsrott. Sein Anti-AfD-Text hat ihn bekannt gemacht. Doch was ist nun, nach dem Wahlsieg der AfD?

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Depressiv, aber auch lustig: Nico Semsrott.
Depressiv, aber auch lustig: Nico Semsrott.Foto: Jan Brandes

Nico Semsrott bezeichnet sich selbst als den wohl traurigsten Komiker der Welt - oder auch als "Demotivationstrainer". Seit 2007 ist er dabei, hat sich als Poetry-Slammer einen Namen gemacht und möchte nun "Kabarettist" oder "Satiriker" genannt werden. In der Szene schon lange bekannt und bereits 2014 mit dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnet, hat er es nun, mit dem Auftauchen seines Anti-AfD-Videos zu deutschlandweiter Bekanntheit geschafft. "Junger Kabarettist zerlegt AfD-Argumente" hieß es da in der Presse beispielsweise.

Mehr als 800.000 Mal wurde das Video auf Youtube angesehen, in dem der 30-Jährige in typischen Manier auf der Bühne steht: Die Mütze des schwarzen Pullis über den Kopf gezogen, die Stimme seicht, die Witze scharf. „Ich bin (AfD-Politiker) Bernd Höcke und ich mochte es noch, als dieses Nichts war. Vor dem Urknall. Das war schön. Da gab es keine Einwanderung. Da gab es auch nichts anderes. Aber vor allem auch keine Einwanderung", heißt es in seinem Text etwa.

Dementsprechend desillusioniert kommentiert Semsrott nun auch das gute Abschneiden der AfD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern. "Ich bin Pessimist und sehe mich bestätigt", sagt er, "Ich bin immer dafür, vom Schlimmsten auszugehen."

Auch sein Facebook-Account läuft heiß, immer noch. Vielleicht nicht so stark, wie bei Jennifer Weist, der Sängerin von Jennifer Rostock, schätzt Semsrott ein. "Ich hab wohl Glück gehabt, dass ich ein Mann bin. Sonst hätte es mich genau so erwischt wie sie". Die Sängerin hatte nach ihrem Anti-AfD-Song mit schweren Beschimpfungen und Drohungen zu kämpfen. Auch Semsrott wurde sexistisch beleidigt und unter anderem als "Linksfaschist" beschimpft. Diskutiert hat er auf Facebook auch mit einigen AfD-Anhängern - und dadurch neuen Stoff für neue Texte erhalten.

Aber warum überhaupt die AfD als Thema? "Das Thema bewegt mich. Es geht um Schmerz, den ich rauslassen möchte", sagt der gebürtige Hamburger. "Und wenn ich Glück habe, hat das einen therapeutischen Zweck - für das Publikum und für mich". Es sei ihm darum gegangen, die Logik der AfD darzustellen: "Deren Denken ist: Der eine Moslem ist so, deswegen sind alle Moslems so. Aber dass das nicht so ist, das lernt man doch schon in der Grundschule." Was den Rechtspopulismus in Europa angehe, da sei einfach eine "gesunde Portion Pessimismus" angebracht, sagt Semsrott ohne zu lachen. "Wir alle müssen denken, dass es ganz schlimm wird. Denn erst dann denken wir auch, etwas tun zu müssen." Optimismus sei in Krisenzeiten einfach nicht angebracht. "Wenn man davon ausgeht, dass es schon nicht so schlimm wird, dann tut man nichts und ebnet den Rechtspopulisten so nur weiter den Weg."

"Die Leute fanden das gut, und dann bin ich dabei geblieben."

Das Video von Semsrott, das am 25. August hochgeladen wurde, ist allerdings schon etwas älter. Es ist bei einem Poetry-Slam im Mai in der Hamburger Laeiszhalle entstanden. Der Veranstalter habe das Video ohne seine Zustimmung aufgenommen und Monate später online gestellt, sagt Semsrott. "Jetzt bin ich aber happy damit." Happy, das ist seine Figur des ewig Depressiven nun nicht oft. "Ich war tatsächlich depressiv. Meine Figur des Depressiven ist zufällig entstanden", erzählt Semsrott, der nie eine Ausbildung abgeschlossen hat. Unter anderem ein Studium der Soziologie und Geschichte brach er nach sechs Wochen ab. Im September 2007 habe er angefangen, Poetry Slam zu machen, im "Molotow" auf der Hamburger Reeperbahn. Er habe sich nicht so wohl gefühlt und daher seine Mütze ins Gesicht gezogen. "Die Leute fanden das gut, und dann bin ich dabei geblieben." Irgendwann entschied er sich dazu, das mit den lustigen Texten vor Publikum beruflich zu machen. Heute ist er nicht mehr depressiv und hat mehr als 100 Auftritte im Jahr. So auch am Dienstagabend um 22.15 Uhr in der Satiresendung "Die Anstalt" auf ZDF. Sein aktuelles Programm heißt "Freude ist nur ein Mangel an Information."

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