Saudi-Arabien : Des Königs Freiheit

Keine Kinos, aber Filmdebatten, keine Frauenrechte, aber eine Frauen-Uni – an widersprüchlichen und wunderlichen Details herrscht in Saudi-Arabien kein Mangel. Und doch tut sich Erstaunliches: Der alte Monarch wagt den Wandel.

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Frauen dürfen in Saudi-Arabien nur in den langen Abayas aus dem Haus gehen. -Foto: Katharina Eglau

Leise säuselt die libanesische Diva Fayrouz aus den Lautsprechern. In den Ecken sitzen junge Paare und halten Händchen. Einige Freundinnen entspannen sich bei Tee und Orangensaft vom Basketballtraining im Gold’s Gym nebenan. Sie alle haben sich hinter die schwarz getönten Scheiben der Fratelli Lounge in Dschidda verzogen – rechtzeitig vor dem abendlichen Pflichtgebet in der Moschee. Ahmed Bakri sitzt in einem samtig-grünen Sessel und zieht genüsslich an seiner Wasserpfeife. „Im Westen gibt es nur Klischees über Saudi-Arabien“, sagt der 33-jährige Computerspezialist: „Wir sind superreich, misshandeln unsere Frauen und lassen sie nicht Auto fahren.“ Einen kräftigen Zug von der Pfeife später gibt er zu, dass sein Land es Kritikern aber auch nicht besonders leicht mache.

In Saudi-Arabien werden Menschen öffentlich ausgepeitscht oder mit dem Schwert enthauptet. Menschenrechtsorganisationen gehen von zwei Hinrichtungen pro Woche aus. Auf den Einreisekarten, die am Flughafen des Königreichs verteilt werden, steht in fetten Lettern: „Warnung – Todesstrafe für Drogenkuriere“. Bis 1962 hielt man hier Sklaven, und Frauen werden bis heute behandelt wie Minderjährige. Sie haben kein Wahlrecht, dürfen weder arbeiten noch reisen oder einen Arzt aufsuchen ohne Genehmigung eines männlichen Familienmitglieds. Sie müssen sich per Gesetz mit langen, schwarzen Abayas verhüllen, und ein Vater kann seine zwölfjährige Tochter mit einem 80-Jährigen verheiraten. Und am vergangenen Sonntag, dem Valentinstag, rückte die Religionspolizei aus und beschlagnahmte alles, was die Farbe der Liebe hatte: Rosen, Pralinendosen in Herzform, selbst Geschenkpapier.

Trotzdem gibt es in dem Land, das der weltgrößte Erdölproduzent ist, viele Leute, die mit Hingabe über Kunst und Kultur philosophieren – auch wenn im ganzen Land nicht ein einziges Theater oder Kino existiert. An widersprüchlichen und wunderlichen Details herrscht wahrhaft kein Mangel. Und doch tut sich Erstaunliches. Seit König Abdullah vor gut vier Jahren den Thron bestieg, herrscht Aufbruchstimmung im Land – „nichts Schnelles und Mutiges, aber die Richtung stimmt“, formuliert es ein Diplomat. Und so sehen es auch die Menschen im Land. Das Königreich suche einen Weg in eine offenere Zukunft, versichern alle – auch wenn den einen das Tempo der inneren Modernisierung atemberaubend schnell, den anderen viel zu langsam vorkommt.

Zwei Drittel der 27 Millionen Saudis sind jünger als 30 Jahre. Zehntausende gehen mittlerweile zum Studium in die USA oder nach Europa, kehren voller Ideen heim und sind entschlossen, sich neue Spielräume zu erobern. Wie der Kreis von drei Dutzend junger Frauen und Männer, die sich jeden Mittwochabend im ersten Stock des Cafés Andalusia an der Prinz-Sultan-Straße treffen. Andalusien – das stand im islamischen Mittelalter für Kultur und Geist, Aufklärung und religiöse Vernunft, Poesie, Literatur.

Im Kreis stehen breite, dunkelblaue Sofas. An den Wänden Bücherregale und zeitgenössische Kunst. Die Atmosphäre erinnert an literarische Salons im kommunistischen Osteuropa, wo man unzensiert reden und seine Gedanken ausprobieren konnte. Hier heißen die Salons Diwaniyyas, und vor allem in Dschidda und Riyadh gibt es von ihnen immer mehr.

Das wöchentliche Thema im Andalusia wird per Facebook vereinbart, Moderator ist Abdullah Hamidaddin, der in Jordanien und Saudi-Arabien Linguistik und internationale Politik studiert hat. „Wir leben zerrissen zwischen zwei Welten, der traditionell-religiösen und der modernen, und ich weiß nicht, wie das enden soll“, sagt er. Bei dem Abend über Erotik und Anziehung platzte der Clubraum in dem wohl prüdesten Staat der Welt aus allen Nähten. Zum Thema Gebet debattierten überzeugte Atheisten höflich mit jungen Frommen, die Angst vor der Hölle haben. Vergangene Woche ging es um den Oscar-gekrönten Hollywood-Film „Vergiss mein nicht“: Eine Frau versucht nach der Scheidung, sich ihre Erinnerungen an die gemeinsame Zeit von einem Arzt aus dem Gedächtnis löschen zu lassen, um noch mal von vorne zu beginnen. Intensive zwei Stunden dreht sich die Diskussion um das Verhältnis von Erinnerung und Identität. „Ich bin hier, um mich persönlich weiterzuentwickeln“, sagt am Ende ein 24-jähriger Ingenieur, der beim staatlichen Ölkonzern Aramco arbeitet. Er lebe gerne in Saudi-Arabien, „aber manchmal ist es richtig hart“. Früher seien Dinge erlaubt oder verboten gewesen, jetzt sei oft unklar, ob man eine Grenze „schon überschreiten kann oder nicht“.

König Abdullah, der 85-jährige Monarch, hat Bildung und Justiz ins Zentrum seiner Reformagenda gerückt – bislang die wichtigsten Themen der stramm konservativen religiösen Autoritäten. Über diese beiden Hebel, so sein Kalkül, lässt sich die Gesellschaft langfristig öffnen. Doch die Geistlichen sträuben sich, auch unter den 4000 Prinzen der Königsfamilie gibt es mächtige Blockierer.

So wechselte Abdullah im vergangenen Jahr nicht nur den Chef der Religionspolizei aus und berief eine Frau zur Vize-Bildungsministerin, sondern er krempelte auch den 21-köpfigen Rat der islamischen Rechtsgelehrten um, das mächtigste Instrument der frommen Hardliner. Erstmals sind nun auch die liberaleren islamischen Rechtsschulen wieder vertreten. Im September weihte er die King Abdullah University of Science and Technology ein. Mit einem Stiftungskapital von zehn Milliarden Dollar will er diese in die Liga der 100 besten Lehranstalten der Welt katapultieren, die von den USA dominiert wird; Deutschland ist mit sechs Universitäten vertreten. Auch in anderen Teilen Saudi-Arabiens werden Hochschulen gebaut. In der Nähe des Flughafens von Riyadh markieren 200 Kräne das Areal, auf dem demnächst die neue Frauenuniversität für 40 000 Studentinnen stehen soll.

Vor zwei Jahren hatte die Weltbank dem saudischen Schulsystem ein blamables Zeugnis ausgestellt. Im Mittleren Osten rangierte es auf einem der letzten Plätze – noch schlechter als Ägypten und gefolgt von Dschibuti, dem Irak und Marokko. „Ausbildung sollte eigentlich die Köpfe erhellen, bei uns hat sie sie verdunkelt“, beklagt Mohammed al Zulfa, 65, der zwölf Jahre lang im Schura-Rat saß, einer Art Parlament mit 150 Mitgliedern, die alle vom König ernannt sind. Ein Drittel der Schul- und Studienzeit gingen bisher für Koranauslegung und Scharia-Unterricht drauf. Statt Vokabeln zu lernen, büffeln saudische Schüler Suren und Episoden aus dem Leben des Propheten Mohammed. Jahrzehntelang galten die religiös überladenen Curricula als sakrosankt.

Al Zulfa weiß, dass er sich Missverständnissen aussetzt, aber für ihn ist der 11. September 2001 bis heute „ein Glück für Saudi-Arabien“: „Weil wir endlich damit konfrontiert wurden, dass wir ein Problem mit der Religion haben.“ Wäre die Gesellschaft damals nicht wachgerüttelt worden, „diese Leute hätten uns alle in die Hölle gebracht“, sagt der Politikprofessor, aus dessen Heimatregion die Hälfte der saudischen Attentäter stammte und der für seinen Vorschlag, Frauen den Führerschein zu erlauben, Morddrohungen erhielt. Für den vierfachen Vater, der im britischen Cambridge promovierte, ist die entscheidende Zäsur der 20. November 1979. Damals besetzten radikale Gotteskrieger die große Moschee in Mekka. Zwei Wochen dauerten die Kämpfe, hunderte Pilger starben, am Ende lag das zentrale Heiligtum des Islam teilweise in Trümmern. Das Königreich war in seinen Grundfesten erschüttert und reagierte mit einem ebenso fundamentalen wie reaktionären Kurswechsel. Die Gewalttäter exekutieren, ihre geistigen Brandstifter befrieden, lautete fortan die Marschroute. Und so wurde in puncto religiöse Strenge kräftig nachgearbeitet. Frauen mussten sich verschleiern, Männer ließen sich Bärte wachsen, selbst auf den Dörfern erschienen Religionspolizisten. Und bald waren die Jungen konservativer als die Alten. „Meine Mutter ging ganz selbstverständlich in die Schule und meldete uns Kinder zum Unterricht an“, erinnert sich Mohammed al Zulfa. Heute dagegen dürfen Frauen noch nicht einmal alleine zum Klassenlehrer gehen und fragen, wie es mit ihren Kindern läuft.

Das Reformprogramm ist vor allem eine Initiative des Königs. Bürgerbeteiligung ist nicht vorgesehen, politische Opposition gar unerwünscht. „Es gibt keine Parteien und kein politisches System, nur sehr wenige Saudis sind bereits, sich politisch zu engagieren“, beklagt Fouad Farhan, als Blogger in Saudi-Arabien eine Berühmtheit. Auf 20 bis 100 schätzt er die Zahl der Aktivisten im ganzen Land. „Nur ganz wenige wagen es, den Mund aufzumachen, auch wenn es in der Bevölkerung eine weit verbreitete Frustration gibt.“ Seine virtuelle Negativhitliste „Drei Minister, drei Kleriker und drei Geschäftsleute, mit denen Sie niemals an einem Tisch sitzen möchten“ brachte Farhan 2007 zahllose Nachahmer im Netz ein, aber auch 137 Tage Einzelhaft.

Keine Bücher, den ersten Besuch nach 62 Tagen, zwei Telefonate mit seiner Mutter – das war alles. Erst als die ihm sagte, der „König von Amerika“ habe sich bei einer Rede für ihn eingesetzt, „da wusste ich, dass ich nicht vergessen war“. Seine Freilassung verdankte der 35-jährige Vater zweier Kinder, der in den USA studiert hat, am Ende dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush, „nichts, worauf ich stolz bin“, wie er sagt.

Ältere Oppositionelle, wie Abdullah al Hamid, haben ganz anderes durchgemacht. Der Literaturprofessor saß lange im Gefängnis wegen eines Buches über Menschenrechte und eines Spottgedichts über arabische Potentaten. 2004 sollte er für weitere sieben Jahre hinter Gitter, weil er die Einführung einer konstitutionellen Monarchie anstelle der absoluten gefordert hatte. Im Urteil hieß es, er habe die nationale Einheit gefährdet, die Machthabenden herausgefordert und die öffentliche Meinung gegen den Staat aufgewiegelt und dabei „ausländische“ – will sagen westliche – Terminologie benutzt. Nach 16 Monaten begnadigte ihn der jetzige König Abdullah. Bis heute blutet al Hamid von Zeit zu Zeit aus dem linken Ohr, eine Folge von früheren Folterungen.

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