Welt : Schau dem Tod ins Gesicht

Israels Astronaut Ramon bombardierte 1981 einen Reaktor im Irak – dort wird er dennoch nicht von allen verdammt

Asne Seierstad[Al-Wardiya]

Zweiundzwanzig Jahre lang waren die israelischen Bomberpiloten für die Bewohner des irakischen Dorfes al-Wardiya nur anonyme Schatten am Himmel. Mit dem Absturz der Raumfähre Columbia hat einer der Piloten ein Gesicht bekommen. Denn der Astronaut und Oberst Ilan Ramon war einer der israelischen Piloten, die am 7. Februar 1981 den im Bau befindlichen Atomreaktor Osirak neben dem Dorf bombardierten, bevor er in Betrieb ging. Der Reaktor sollte zur Herstellung von Atombomben genutzt werden.

„Es war am Nachmittag. Ich stand auf dem Hof und backte Brot. Über mir kamen acht Flugzeuge. Sie flogen so hoch, dass ich sie nicht hörte, aber ich konnte sie sehen“, erzählt Amina Khalaf, eine Frau mittleren Alters in einem langen schwarzen Umhang und mit Kopftuch.

„Eines der Flugzeuge ließ eine Bombe direkt auf das Kraftwerk fallen. Eine riesige Rauchwolke stieg auf. Alle Arbeiter wurden getötet. Aber wie es dort aussieht, wissen wir nicht, wir dürfen nicht einmal in die Nähe kommen.“

Die Bewohner des Dorfes empfinden angesichts des Todes der Columbia-Besatzung sehr unterschiedliche Gefühle.

„Er hat einen furchtbaren Tod verdient, weil er den Reaktor angegriffen hat. Mit welchem Recht hat er ihn zerstört? Das ist Gottes Strafe“, sagt der alte Bauer Abdul Hassan. Er sitzt in traditioneller Kleidung auf dem Boden seines schlichten Wohnzimmers. Auf dem Kopf trägt er den Agal, ein Tuch mit schwarzweißem Muster.

Abduls Frau lädt zu Milch von der Kuh ein, die vor der Haustür steht. Nachbarn schauen vorbei und beteiligen sich an der Unterhaltung. Das Glas Milch kreist. Den Gästen und Abduls Frau tun die sechs amerikanischen Wissenschaftler Leid, die zusammen mit dem israelischen Astronaut umgekommen sind. „Das waren harmlose Wissenschaftler. Aber ihre Stunde war gekommen“, erklärt Amina. „Sie können einem ebenso Leid tun, wie die Opfer des Angriffs auf Amerika am 11. September und alle die unschuldigen Iraker, die bei dem Bombenangriff getötet wurden“, meint Amina.

Ihr Sohn Said ist gegenüber dem israelischen Piloten versöhnlich gestimmt: „Ich kann mich einfach nicht darüber freuen, dass jemand getötet wird, nicht einmal Ramon, der uns bombardiert hat. Er hat einfach seine Arbeit gemacht. Als Soldat mußte er dem Befehl gehorchen“, sagt Said.

Ein Nachbar fällt ihm ins Wort. „Alle Israelis sind unsere Feinde“, sagt er.

Dann steht plötzlich der Dorfoberste in der Tür. Unser Besuch hat sich bis zu ihm herumgesprochen. Er verlangt, unsere Papiere zu sehen. Die Unterhaltung stockt.

Niemand der Anwesenden hat Lust, noch etwas zu sagen. Niemand will sich fotografieren lassen. Alles, was mit dem Atomreaktor zu tun hat, ist im Irak ein gefährliches Thema.

Die Autorin ist Kriegsreporterin aus Norwegen und hält sich im Irak auf.

Der Beitrag wurde von Holger Wolandt aus dem Norwegischen übersetzt.

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