Welt : Schmusekater oder Vogelkiller?

Eine US-Studie hält Katzen für gefährliche Raubtiere. In Deutschland wird eine Steuer für das beliebte Haustier diskutiert.

Manuela Tomic
Auf frischer Tat… Vögel müssen sich vor Katzen hüten. Ihr eigentlicher Feind ist aber eindeutig der Mensch. Foto: dpa
Auf frischer Tat… Vögel müssen sich vor Katzen hüten. Ihr eigentlicher Feind ist aber eindeutig der Mensch. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) ruft zum gemeinsamen Vogelzählen auf. Vom 9. bis 12. Mai soll jeder eine Stunde lang die Vögel in seinem Garten, im Park oder vom Balkon aus beobachten, zählen und dem NABU melden. Dies soll wichtige Hinweise auf den Bestand verschiedener Vogelarten geben.

Klar ist: Der Lebensraum der Vögel wird immer kleiner. Eine US-Studie, die Anfang dieses Jahres im amerikanischen Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht wurde, sieht Vögel sogar stark bedroht. In der Studie kamen die Biologen des Smithsonian Conservation Biology Institute zu dem Ergebnis, dass vor allem Katzen das Aussterben von Vögeln beeinflussen. Jährlich sollen in den USA zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel durch Katzen getötet werden.

Obwohl es in Deutschland keine wissenschaftlichen Zahlen darüber gibt, wie groß die Bedrohung der Vögel durch Katzen tatsächlich ist, fordern einige Vogelschützer und -halter nun eine Katzensteuer. Eine Steuer könnte allerdings dazu führen, „dass noch mehr Katzen in den Tierheimen oder auf der Straße landen“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Dabei gehe die größte Gefahr für Vögel von eben diesen Katzen aus: nämlich den verwilderten Hauskatzen. Das sind herrenlose Katzen, die ihr Zuhause verlassen haben und nun auf Brachflächen und in Kellern leben. Und sie ernähren sich von Müll oder anderen Tieren wie Mäusen oder eben Vögeln.

Weder die Steuer noch der Abschuss von verwilderten Katzen durch Jäger sind aus Sicht von Tierschützern gute Lösungen. „Die Katzen vermehren sich schneller, als Jäger mit dem Schießen nachkommen. Die Lücken sind schnell geschlossen“, sagt Marius Tünte, Sprecher beim Deutschen Tierschutzbund e. V.

Der Tierschutzbund und der NABU sind sich einig: Sie fordern das Paderborner Modell. In der ostwestfälischen Stadt müssen Katzen, die Zugang nach draußen haben, kastriert und registriert werden. In Österreich ist das bereits landesweit Gesetz. So könne man verhindern, dass sich Hauskatzen mit verwilderten Katzen vermehren. Dann würden nur mehr Hauskatzen auf Freigang übrig bleiben, die keinen ausgeprägten Jagdinstinkt hätten und sich nicht so weit von ihrem Zuhause wegbewegten, erklärt Tünte. „Katzen sind bequeme Jäger, und Vögel sind im Gegensatz zu Mäusen keine leichte Beute.“

„Auch wenn Katzen in Deutschland keine Vogelart zum Aussterben bringen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass Vogelbestände in Siedlungsräumen ohne Katzen deutlich größer sein könnten“, erklärt der NABU-Experte Lars Lachmann.

Was können Vogel- und Katzenhalter auf beiden Seiten also tun? „Neben der Kastration können Katzenhalter versuchen, ihre Katzen zu den Brutzeiten der Jungvögel insbesondere von Mai bis Juli vor allem in den Morgenstunden im Haus zu behalten. Jungvögel sind oftmals eine leichte Beute für Katzen. So können sie geschützt werden“, sagt Lachmann.

Die US-Studie, die Katzen als mörderische Raubtiere stilisiert, sei aber unseriös, kritisieren die Tierschützer. Zu wenige Tiere seien beobachtet worden, man könne keine Rückschlüsse für andere Landschaftsregionen ziehen, und die Berechnungen seien fehlerhaft. „Es kann sein, dass dieser Tenor bewusst gewählt wurde, um Katzen dieses Image zu geben“, sagt Tünte. Auch Lachmann sieht die Studie kritisch: „In Mitteleuropa wird sicherlich keine Vogelart wegen Katzen großräumig aussterben. In Deutschland sind Vögel grundsätzlich darauf eingestellt, dass sie mit Katzen leben können.“

Während die beliebten Haustiere nach Veröffentlichung der US-Studie als „Vogelkiller“ bezeichnet wurden, bezieht die Untersuchung die größte Bedrohung für Vögel gar nicht ein: den Menschen. „Es wird sehr viel abgeholzt, Vögel können nirgendwo Nester bauen und haben immer weniger zu essen. Die Gärten werden immer aufgeräumter, es gibt kaum Rückzugsräume für Vögel“, erklärt Tünte. Dem stimmt Lachmann zu: „Die Zerstörung des Lebensraums für Vögel durch den Menschen ist in fast allen Fällen für fast alle Vogelarten Mitteleuropas die größte Gefahr.“ Manuela Tomic

Vogelzahlen melden unter: www.stunde-der-gartenvoegel.de

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