Welt : Schuldig in allen Punkten

Die vier Vergewaltiger einer Studentin in Indien müssen mit dem Tod am Galgen rechnen.

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Ein Strang für die Täter. Eine Demonstrantin fordert vor dem Gerichtsgebäude in Neu-Delhi die Todesstrafe. Foto: AFP
Ein Strang für die Täter. Eine Demonstrantin fordert vor dem Gerichtsgebäude in Neu-Delhi die Todesstrafe. Foto: AFPFoto: AFP

Die Tat war so grauenhaft, dass sie Indien und die Welt aufwühlte. Der Fall der vergewaltigten und ermordeten Studentin in Neu-Delhi hatte zum Jahreswechsel Massenproteste ausgelöst. Knapp neun Monate nach dem Verbrechen hat ein Gericht am Dienstag die vier erwachsenen Peiniger der 23-Jährigen in allen Anklagepunkten schuldig befunden – auch des Mordes.

Damit müssen die vier Männer – Mukesh Singh, Pawan Gupta, Vinay Sharma und Akshay Thakur – damit rechnen, zum Tode verurteilt zu werden. Ihnen droht der Galgen. Das Strafmaß wird in den nächsten Tagen erwartet. Die vier Männer hatten zusammen mit zwei Komplizen die junge Frau am 16. Dezember in einem fahrenden Bus vor den Augen ihres Freundes vergewaltigt und dann so brutal misshandelt, dass sie zwei Wochen später ihren schweren Verletzungen erlag.

Die Art und Weise, wie die Männer die junge Frau misshandelten, ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihr hilfloses Opfer töten wollten, sagte der Richter. Neben Mord wurden die Männer auch der Gruppenvergewaltigung, der Entführung, des Raubes und weiterer Delikte schuldig gesprochen.

Bereits vor zehn Tagen war der jüngste Täter verurteilt worden. Weil er zur Tatzeit jedoch noch 17 Jahre alt war, kam er mit drei Jahren Jugendarrest davon. Indiens Jugendstrafrecht lässt keine höhere Strafe zu. Zum Vergleich: In Deutschland hätte dem Minderjährigen angesichts der Schwere der Tat eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren gedroht. Das milde Urteil hatte die Eltern des Opfers entsetzt.

Der Jugendliche soll der brutalste der Männer gewesen sein. „Eine Person, die so etwas tun kann, was man meiner Tochter angetan hat, ist kein Minderjähriger. Er sollte wie ein Erwachsener behandelt werden“, sagte die Mutter. „Sie müssen alle die Todesstrafe bekommen.“

Der sechste Täter, der Busfahrer Ram Singh, war im März im Gefängnis tot aufgefunden worden. Man fand ihn erhängt in seiner Zelle, die er sich mit anderen Insassen teilte. Indien hält bis heute an der Todesstrafe fest. Allerdings werden Todesurteile anders als in anderen Ländern nur höchst selten vollstreckt. Aktivisten erhoffen sich von harten Urteilen gegen die Männer auch eine Signalwirkung. Bisher kommen Vergewaltiger meist straffrei davon. Die Polizei behandelt Gewalt gegen Frauen oft als Kavaliersdelikt und lässt die Täter laufen. Vor Gericht werden über 90 Prozent aller Angeklagten freigesprochen. Die Prozesse schleppen sich vielfach über fünf bis zehn Jahre hin, bis die Opfer aufgegeben haben. Nach den Massenprotesten zum Jahreswechsel hatte die Regierung die Strafen für Vergewaltiger verschärft. In Fällen, wo das Opfer getötet wird, gelähmt oder im Koma bleibt, droht auch die Todesstrafe.

Die Verteidiger der Angeklagten hatten mit allen erdenklichen Winkelzügen versucht, den Prozess in die Länge zu ziehen. Ein Anwalt hatte sogar dem Freund der jungen Frau die Schuld für ihren Tod gegeben, weil er sie am Abend begleitet und damit lustvolle Gedanken geweckt habe. „Er sollte gehängt werden”, sagte der Anwalt. Doch die Beweislast gegen die Angeklagten ist erdrückend. Die junge Frau hatte gegenüber Polizei und Behörden ihre Aussage gemacht, bevor sie starb. Auch ihr männlicher Begleiter, der schwerverletzt überlebte, hat als Zeuge ausgesagt. Zudem hat die Polizei DNA von allen Angeklagten gefunden.

In Indien wird alle 20 Minuten eine Frau vergewaltigt – das sind die offiziellen Angaben. Seit Dezember hat sich in Neu-Delhi die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen verdoppelt. Experten machen mehrere Gründe dafür aus. Zum einen brechen vor allem in den Städten Frauen ihr Schweigen. Immer mehr trauen sich, zur Polizei zu gehen. Ermutigt werden sie durch die Medien, die dem Thema nun breiten Platz einräumen.

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