Welt : Schwarzer Humor

Wie Afrika den Kannibalen-Prozess in Deutschland kommentiert

Ingo Wolff[Kapstadt]

Mit jedem Glas Wein wird Caristo Chitamtya mutiger. Nach dem dritten Rotwein wagt der Sambier die entscheidende Frage: „Was denkt ihr Deutschen denn über Kannibalismus.“ Schweigen – soll man ihm die Wahrheit sagen, dass wir Deutschen kollektiv erschüttert sind, gar an unseren Grundfesten zweifeln oder klappert man – ebenfalls nach dem dritten Glas Wein – nur spaßhaft mit den Zähnen. Die Entscheidung fällt zugunsten des Ernsthaften aus. Denn Caristo ist Sambias bekanntestes Fernsehgesicht. Der 36-Jährige moderiert die Sonntag-Nachrichten auf dem einzigem Fernsehsender ZNBC. Kinder erkennen den Mann sogar in Südafrika und bekommen große Augen, wenn er ihnen die Hand gibt. Jetzt aber hat Caristo große Augen – wegen des Schweigens. Also schnell mit Worten nachlegen, denn Caristo will es genau wissen. Jedes Detail und vor allem, „wie ist das eigentlich rausgekommen?“ Er beschäftigt sich in seiner Sendung seit Wochen ausführlich mit dem Kannibalen-Prozess. Jeder Spaß könnte das europäische Bild der Menschen im südlichen Afrika grundsätzlich verändern.

Wenn es das nicht schon längst hat. Denn nicht nur das sambische Volk, das ganze südliche Afrika erfährt jedes Detail über den Menschenfresser aus Deutschland aus den Medien. In den südafrikanischen Zeitungen stehen große Reportagen, mit unterschiedlichem Zungenschlag. Einige Artikel nehmen groteske Züge an. So läuft eine Reportage in der in Kapstadt erscheinenden „Sundaytimes“ unter der Rubrik „Reisen und Essen“. Doch die Wahl zeigt keinesfalls wiederauflebende kannibalistische Züge in Afrika, es ist boshaft gemeint. Auch wenn der Kontinent noch immer mit Kannibalismus in Verbindung gebracht wird, gibt es keinen hundertprozentigen Nachweis für solche Traditionen. Die Überlieferungen der Kolonialherren sind bis heute nicht belegt und werden von Ethnologen weitgehend als Fehlinterpretation von afrikanischem Totenkult gehalten.

Und genau das ruft nun den Spott der Afrikaner hervor. Ausgerechnet in Europa wird einem Menschen Kannibalismus vorgeworfen und eigentlich gibt es für diesen Fall nicht mal ein Gesetz. „Kannibalismus ist technisch gesehen kein Verbrechen“, heißt es in der „Sundaytimes“. Andere Zeitungen amüsieren sich über die Bilderwitze, die bei uns über Schwarze mit einem Weißen im Kochtopf gemacht werden und karikieren sie nun um. Der Spott richtet sich auch gegen unsere Sprachbilder. Deutsche essen noch immer Mohrenköpfe und Negerküsse. Ein Autor setzt sich mit der neuen Konsumentenfreiheit im Internet auseinander. „Wo finden Fine Young Cannibals andere fleischliebende Menschen?“ Natürlich in Chaträumen wie „Aufgegessen“ oder „Kannibalen-Cafe“. Endlich würden Menschenfleisch-liebende und Aufgegessen-werden-wollende ein Forum haben. Das Internet als rechtsfreier Raum und die Deutschen mittendrin.

Genüsslich verspotten sie Deutschland wegen seiner Hilflosigkeit. Obwohl sich doch alle in der Abscheulichkeit dieser Tat einig sind. Auch Caristo versteht nicht, warum wir in Deutschland solche Schwierigkeiten haben einen Menschenfresser anzuklagen. Er fragt noch mal nach: „Ist Kannibalismus in Deutschland wirklich nicht verboten?“ Na ja, eigentlich nein. Aber einen Menschen umbringen ist ja schließlich verboten. Das reicht ihm als Sicherheit und das Gespräch fließt ab ins Flapsige. Dabei steht doch ein guter Rotwein auf dem Tisch – und hatte nicht ein Zeitung aus Johannesburg erst am Tag zuvor den richtigen Wein fürs Essen eines Menschens empfohlen …

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