Schweinegrippe : Die Virus-Schlacht

Konzerte, Fußballstadien, Kanzlerinnen-U-Bahn: Zehntausende Menschen begegnen sich dieses Wochenende auf engem Raum. Wie können sich Menschenmengen vor der Schweinegrippe schützen?

Adelheid Müller-Lissner
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Auf die Party verzichten? Konzertbesucher beim großen Bierduschen-Ritual. -Foto: dpa

Wird das ein Fest. Zehntausende Menschen begegnen sich dieses Wochenende auf engem Raum. Sie drängen sich in die Kanzlerinnen-U-Bahn, haben im Konzert Peter Doherty zugejubelt, sie feuern die Spieler in den Bundesliga-Stadien an und nächste Woche beginnt in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Große Menschenansammlungen sind für das Schweinegrippevirus ein idealer Ort der Verbreitung.

Die große Virus-Schlacht hat begonnen.

Wer aber ein paar Regeln beachtet, muss trotz neuer Grippe nicht ganz auf die große Party verzichten.

Täglich nimmt die Zahl der Menschen zu, die den Behörden als nachweislich infiziert gemeldet werden. Inzwischen war der Test auf das Virus H1N1/2009 („Schweinegrippe“) in Deutschland bei über 8500 Menschen positiv. „Dass die Zahlen jetzt noch weiter ansteigen, ist völlig normal“, sagt Jörg Hofmann, Leiter des Laborbereichs Virusdiagnostik am Institut für Medizinische Virologie der Charité. Bisher sind es vor allem Spanien-Heimkehrer, die selbst erkranken und die Grippe in ihrem sozialen Umfeld weitergeben. Großveranstaltungen könnten jedoch für einen weiteren Anstieg sorgen. Sollte man die WM also sicherheitshalber lieber abblasen? Zumal die Menschen bei Ereignissen dieser Art nicht nur in den Stadien dicht beieinander hocken, sondern auch nach den Wettbewerben gern in großen Gruppen miteinander feiern?

„Wäre die WM für Anfang Mai in Mexiko geplant gewesen, dann hätte man diese Frage wohl mit ‚ja’ beantworten müssen“, sagt Virologe Hofmann. Denn während dieser „ersten Welle“ der Erkrankung musste man befürchten, die Krankheit falle besonders gefährlich aus, wurde die Welt doch durch eine Serie von Todesfällen auf den neuen Erreger aufmerksam.

So gesehen hat die Zunahme der bestätigten Fälle in Deutschland auch ihr Gutes: Wir können immer sicherer sein, dass H1N1/2009 – soweit es sich nicht deutlich verändert – nur für eine relativ milde, im Verlauf von ein paar Tagen überstandene Grippe sorgt. Wie vor zwei Wochen schon Staatssekretär Theo Schröder vom Bundesgesundheitsministerium, so findet es aktuell auch Hofmann völlig unproblematisch, ein Großevent wie die WM steigen zu lassen. „Es abzusagen, wäre nur berechtigt, wenn das Virus größere gesundheitliche Bedeutung hätte.“

Wenn alles bleibt, wie es ist, werden sich auch Berlins Schüler nicht darüber freuen können, dass die Sommerferien als „Seuchenferien“ über den 31. August hinaus verlängert werden. Und die Münchner werden, wenn nicht alles täuscht, ihr Oktoberfest, das am 19. September beginnen soll, ihren Gästen aus aller Welt nicht vorenthalten müssen.

Eine andere Frage ist, ob wirklich alle, alle zu Großveranstaltungen dieser Art gehen sollten. Denn für Schwangere, chronisch Kranke und stark Übergewichtige kann auch eine „banale“ Grippe leicht gefährlich werden. Und dass in größeren Menschenansammlungen das Infektionsrisiko steigt, ist eine Binsenweisheit. „Wenn ich schwanger wäre, würde ich nicht zur Leichtathletik-WM gehen“, sagt Hofmann. Allen, die ihre Anfälligkeit für Atemwegsinfekte kennen, rät er zudem, sich nicht mit anderen ein Glas zu teilen. Und in der Hotelbar nicht in die Schüssel mit Erdnüssen zu greifen, aus der sich vorher schon andere bedient haben.

„Häufige Infekte sind ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem nicht so ganz fit ist. Dann reichen möglicherweise schon zehn Viren für eine Infektion, während ein anderer erst beim Kontakt mit Hunderten oder Tausenden von Erregern krank wird“, erklärt Hofmann. Im Augenblick findet er ein bisschen Vorsicht vor allem ratsam, wenn die Freunde, mit denen man feiert, gerade aus Spanien zurückgekommen sind.

Das heißt aber nicht, dass er jedem Stadionbesucher gleich zum Mundschutz raten würde. „Das wäre übertriebene Vorsicht.“ Anders sehe die Sache aber aus, wenn jemand den Verdacht hat, er könnte sich möglicherweise angesteckt haben, zum Beispiel von Urlaubsrückkehrern. „Wer dann trotzdem nicht aufs Eröffnungsspiel von Hertha verzichten möchte, sollte einen Mundschutz mitnehmen.“

Mag sein, dass der Bewegungsspielraum rund um den Sitz dieses Besuchers dann schlagartig größer wird. Ob die Sitznachbarn brav in die Armbeuge niesen und ob die Kollegen im Büro sich öfter mal die Hände waschen, wird derzeit ohnehin genauer beäugt.

Menschen, die schon heftig husten und prusten, sollten große Menschenansammlungen eigentlich ganz meiden. Ganz egal, ob das Virus H1N1/2009 oder ein wenig anders heißt. Sollten dank der Ermahnungen, die wir der Neuen Grippe verdanken, in Zukunft auch Konzertgänger diesen Rat befolgen, dann dürfen alle Musikliebhaber sich auf eine wundervolle neue Saison freuen – in der hustenfreien Zone Philharmonie.

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