Schweinegrippe : Sonderimpfung für Regierung bedroht das Vertrauen

Die Nachricht, dass die Kanzlerin und ihre Minister einen anderen - verstärkerfreien - Impfstoff bekommen als die Bevölkerung, hat Kritik hervorgerufen. Vielleicht zu Unrecht.

Hartmut Wewetzer
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Der Piekser wird der gleiche sein, der injizierte Schweinegrippe-Impstoff jedoch nicht: Regierungsmitglieder werden gegenüber der...Foto: ddp

Auch das noch. Wenige Tage vor dem Start der Impfung gegen die Schweinegrippe am 26. Oktober sickerte durch, dass die Bundesregierung und die Ministerien einen anderen Impfstoff als das „Volk“ bekommen. Einen ohne Verstärker. Das könnte den in die Schlagzeilen geratenen Impfstoff „Pandemrix“, der Verstärker enthält und von dem Deutschland 50 Millionen Dosen bestellt hat, endgültig das Vertrauen kosten.

Hinzu kommen die Attacken von Ärztefunktionären und Pharmakritikern, die zwar überwiegend keine Impfstoffexperten sind, aber dafür umso mehr auf die Pauke hauen. Von einer „Kampagne der Pharmakonzerne“ ist die Rede, die Deutschen würden zu „Versuchskaninchen der USA“ gemacht, die Sache stinke „zum Himmel“.

Wie sehen die Fakten aus? In Europa sind drei Impfstoffe gegen die Schweinegrippe zugelassen. Sie basieren auf vorgetesteten Modellimpfstoffen, die im Fall einer Pandemie rasch produziert werden können, indem man sie an den grassierenden Virusstamm anpasst. Die Impfstoffe „Pandemrix“ (Hersteller GSK) und „Focetria“ (Novartis) enthalten einen Verstärker, der unter anderem Squalen enthält, ein aus Haifischleber gewonnenes Zwischenprodukt des Cholesterinstoffwechsels. Der Verstärker ermöglicht es, Viruseiweiß (Antigen) einzusparen, und soll auch gegen neue Virusvarianten besser schützen.

Außerdem enthält Pandemrix den quecksilberhaltigen Konservierungsstoff Thiomersal in geringer Dosis, um die Impfbehälter gegen Verkeimung zu schützen. Der Nutzen der Konservierung überwiege das hypothetische Risiko, so die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Zulassungsbehörde Emea.

Der dritte Impfstoff, „Celvapan“ (Baxter), den Bundeswehr und Regierung geordert haben, kommt ohne Verstärker und Konservierungsstoff aus. Er enthält komplette Viren in höherer Dosierung. In Pandemrix sind 3,75 Mikrogramm Viruseiweiß, in Celvapan 15 Mikrogramm.

Die Sicherheit von Pandemrix wurde an 5000 erwachsenen Versuchspersonen überprüft. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. Außerdem wurde der Impfstoff bei etwa 400 Kindern im Alter von drei bis neun Jahren getestet und allgemein gut vertragen. Bei zwei Prozent der Kinder trat Fieber auf, Schüttelfrost bei einem Prozent (Altersgruppe drei bis fünf) und bei vier Prozent (sechs bis neun Jahre).

Der verstärkerfreie, in Säugetierzellen hergestellte Impfstoff Celvapan ist insgesamt weniger gut getestet. Es gibt Informationen über Tests an rund 600 Versuchspersonen, bei denen überwiegend leichte Nebenwirkungen auftraten. Nach heutigem Wissensstand gelten jedoch beide Impfstoffe als wirksam und sicher.

Die Tests können wegen der begrenzten Zahl an Versuchspersonen und der noch begrenzten Erfahrung mit den neuen Impfstoffen seltene Nebenwirkungen nicht ausschließen. Deshalb muss die Schweinegrippe-Impfung genau überwacht werden.

Zunächst sollen Beschäftigte im Gesundheitswesen, chronisch Kranke und Schwangere geimpft werden, empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko). Schwangere sollen vorsorglich einen Impfstoff ohne Verstärkung bekommen, schlägt die Stiko vor. Diesen will die Bundesregierung nun rasch besorgen.

Allerdings ist Pandemrix in Europa durchaus für Schwangere zugelassen. In anderen Ländern, etwa Großbritannien, hat man kein Problem damit, diese mit Pandemrix zu impfen. Es gebe keine Hinweise, dass die Schweinegrippe-Impfung Schwangeren oder ihrem ungeborenen Baby schade, teilt der britische Gesundheitsdienst mit. Eine so erregte Debatte wie in Deutschland gibt es in Großbritannien nicht. Während bei uns vor einem „Großversuch“ an der Bevölkerung gewarnt wird, übt man sich jenseits des Kanals in Gelassenheit. Mal sehen, wer recht behält.

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