Schweinegrippeimpfung : "Unerwünschte Ereignisse"

Tausende lassen sich jetzt impfen – wenn sie danach erkranken, muss kein Zusammenhang bestehen. Wie schlimm sind die Nebenwirkungen?

Kai Kupferschmidt

Berlin - Kaum ist ein Todesfall aufgeklärt, kommt der nächste. Am Montag drehte sich zunächst alles um einen 55 Jahre alten Mann aus Leinefelde in Thüringen. Er war am Donnerstagabend plötzlich verstorben. Wenige Stunden zuvor hatte er sich von seinem Hausarzt gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Bereits am Nachmittag gab das thüringische Gesundheitsministerium Entwarnung. Eine Obduktion habe ergeben, dass der Mann an einem Herzinfarkt verstorben sei. Die Ärzte hätten eine Verengung der Herzkranzgefäße festgestellt. Offenbar habe der Herzinfarkt schon vor der Impfung begonnen.

Wenige Stunden später kam die nächste Todesnachricht, wieder aus Thüringen: Ein 66-jähriger Mann sei in seiner Wohnung tot aufgefunden worden. Am Freitag habe er sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Es sind nicht die ersten Todesfälle, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gegen die Schweinegrippe stehen. Bereits am Dienstag war eine 65 Jahre alte Frau in Weimar nach einer Impfung gestorben. Auch bei ihr wurde ein Herzleiden festgestellt.

Seit Wochen diskutieren in Deutschland Experten und Laien über Nutzen und Risiko einer Impfung gegen die Schweinegrippe. Manche Menschen befürchten, dass der in Deutschland verfügbare Impfstoff Pandemrix schwere Nebenwirkungen verursachen könnte. Die Nachricht von Menschen, die kurz nach einer Impfung sterben, dürfte sie weiter verunsichern. Dabei sind solche Todesfälle zu erwarten. Im Jahr 2008 sind in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 844 439 Menschen gestorben. Im Schnitt macht das 2314 Tote pro Tag. Bei der großen Anzahl von Menschen, die sich im Moment impfen lassen, ist also damit zu rechnen, dass einige der Toten auch vor kurzem geimpft wurden – zumal in den Wintermonaten in Deutschland mehr Menschen sterben als im Sommer. Für den ersten Todesfall in Thüringen lässt sich auch eine konkrete Vergleichszahl berechnen. Laut Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes starben 2007 in Deutschland 2406 Menschen zwischen 55 und 59 Jahren an einem akuten Herzinfarkt, also jede Woche 46 Menschen.

Der Impfstoff Pandemrix wurde vor seiner Zulassung zwar an einigen Tausend Menschen getestet. Seltene Nebenwirkungen, die zum Beispiel nur einen von hunderttausend Geimpften betreffen, lassen sich dabei aber nicht ermitteln. Darum werden bei Impfstoffen auch nach der Zulassung stets Berichte über Nebenwirkungen gesammelt. So sollen gravierende Nebenwirkungen, die sich bei den klinischen Tests nicht zeigten, frühzeitig entdeckt werden.

In Deutschland ist dafür das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zuständig. Um herauszufinden, ob ein Impfstoff wirklich schwere Krankheiten oder Todesfälle auslöst, müssen die Mitarbeiter der Behörde die Zahl der tatsächlichen Todesfälle oder Erkrankungen vergleichen mit der Zahl, die auch ohne eine Impfung zu erwarten gewesen wäre. Dafür benötigen sie auch die Zahl der Geimpften.

Diese können oder wollen die Bundesländer aber offensichtlich nicht liefern. „Wir haben kaum Zahlen und das ist ein großes Problem“, sagt die Sprecherin des PEI, Susanne Stöcker. „Wir haben alle Bundesländer gebeten, uns Impfzahlen zu übermitteln, aber nur fünf haben uns zugesagt, das auch zu tun. Bisher haben nur drei Bundesländer überhaupt Zahlen geliefert“, erläutert Stöcker dem Tagesspiegel. Bis zum vergangenen Donnerstag hätten insgesamt 197 Personen Nebenwirkungen gemeldet, berichtet Stöcker weiter. Weil jede Nebenwirkung wie Fieber oder Gelenkschmerzen einzeln aufgeführt wird, umfasst die Liste insgesamt 652 „unerwünschte Ereignisse“.

Für die Einschätzung muss sich Deutschland also zumindest teilweise auf die Daten aus anderen Ländern stützen. So sind in Schweden inzwischen zwei Millionen Menschen mit dem Impfstoff Pandemrix geimpft worden. Dabei sind nach Angaben der Arzneimittelbehörde Läkemedelsverket bis vor einer Woche acht Fälle gemeldet worden, bei denen Menschen zwölf Stunden bis fünf Tage nach der Impfung starben. Bei allen acht Fällen deute nichts auf einen Zusammenhang mit der Impfung hin, heißt es in einem Bericht der Behörde.

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