Schwer erziehbare Jugendliche : Zum Pferdepflegen nach Kirgisistan

Wie ein schwer erziehbarer Jugendlicher in Zentralasien zu sich selbst gefunden hat, berichtet unsere Austauschjournalistin Ekaterina Khvan.

Ekaterina Khvan
Kirgisien hatte sich Gordon auch wegen der Natur ausgesucht.
Kirgisien hatte sich Gordon auch wegen der Natur ausgesucht.Foto: promo

„Ich war in Deutschland vom Jugendamt aus in vielen Heimen, da hat’s nicht funktioniert, dann irgendwann haben sie gesagt, das geht nicht und dann… Ausland.“ So fing die deutsch-kirgisische Geschichte von Gordon Rum an, der aus einem kleinem Dorf bei Potsdam stammt. Damals wurde der 14-jährige Gordon nicht nur als schwer erziehbar, sondern sogar als überhaupt nicht erziehbarer Jugendlicher eingeordnet. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn schon im Visier. Sie entschied, dass Gordon noch eine Chance bekommt, aber er sollte dafür ein Jahr ins Ausland gehen. Ihm wurde angeboten, entweder nach Frankreich, Südafrika oder Kirgisistan zu fahren. Gordon erzählt: „Ich habe Kirgisistan ausgewählt, denn es wurde mir gesagt, dass es dort viel Wasser gibt. Da ich gerne angeln gehe, dachte ich, dass ich dort mein Hobby bestimmt ausüben kann. Und als ich nach Kirgisistan kam, gab es tatsächlich viel Wasser, vor allem in den Bergflüssen. Aber angeln konnte man da kaum.“ In den Bergflüssen nämlich ist das Wasser zu kalt für Fische - das aber wusste Gordon nicht.

Im Sommer 2002 fing das neue Leben von Gordon an. Er kam nach Tokmok, eine Stadt, die 60 Kilometer von Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, entfernt ist. Dort lebte er bei der Familie seines Betreuers Turat Abdyldaev. Es gehörten noch dessen Ehefrau Tanja, Sohn Bakyt und Tochter Indira dazu. Am Anfang war es nicht einfach, miteinander klar zu kommen. Ab und zu gab es auch Streit. Um seinen Protest zu zeigen und dass er zurück nach Hause wollte, verzichtete Gordon auf Essen. Aber die Konflikte dauern nicht lange an, denn keiner konnte die Sprache des anderen gut genug, um richtig lange streiten zu können. „Unsere Probleme haben wir mit einem Wörterbuch gelöst, deswegen war der Streit nie lange. Man musste fünf Minuten suchen, um den Satz fertig zu kriegen, das war dann schon Ende des Streits..."

Stück für Stück kam es dazu, dass Gordon sich in der Pflegefamilie eingewöhnte und sein Interesse für den Alltag der Familie geweckt wurde. Gordon half beim Pferdepflegen und der Feldarbeit, reparierte alte technische Geräte, auch lernte er Traktorfahren. Diese Arbeit fand er gut. In dieser Zeit lernte Gordon auch die Sprachen, die er als Russisch 1 und Russisch 2 bezeichnete. „Russisch 1 ist die allgemeine Sprache, wenn man sich mit Kindern, Frauen und alten Menschen unterhält. Und Russisch 2 ist eine Maschinistensprache, also Schimpfwörter“, erklärt Gordon lächelnd. Außerdem lernte er ein paar Brocken kirgisisch, kasachisch und usbekisch, drei Sprachen, die sich ähneln.

Gordon und sein Gastvater.
Gordon und sein Gastvater.Foto: promo

Wenn man im Ausland ist, lernt man auch neue Bräuche, Traditionen und Feiertage kennen. Was Gordon besonders ungewöhnlich fand, war, dass alle Türen ein Mal im Jahr in Kirgisistan an einem Feiertag offen sind. „Man kann zu jedem gehen, man kennt die Leute nicht, man sagt einfach Tag, man kann sich hinsetzen, essen, trinken. So was gibt’s in Deutschland nicht“. Auch das Essen, auf das Gordon am Anfang verzichtete, schmeckte ihm mit der Zeit.

In Kirgisistan verbrachte Gordon viel Zeit in der Natur. Er machte oft Ausflüge in die Berge, wo er im Zelt übernachtete und frische Luft, gebirgige Umgebung und schöne Natur genießen konnte. „Das Interessanteste war, dass am Tag die glühende Sonne schien, doch in der Nacht regnete es. In der Nacht war es eiskalt, und am Tag wieder total warm. Die Temperatursprünge waren ziemlich groß“, erinnert sich Gordon.

Auf Gordons Wunsch wurde sein Aufenthalt in Kirgisistan schließlich sogar für ein Jahr verlängert, so gut gefiel es ihm nach einer gewissen Zeit. Die Pflegefamilie wurde für ihn zu einer echten Familie, in der er von seinen Problemen in Deutschland erzählte. In seinem Heimatland nämlich hatte er schon seit einer ganzen Weile Probleme gehabt, vor allem ließen sich seine Eltern scheiden und mit seinem Stiefvater verstand er sich nicht gut. In der Pflegefamilie bekam er Unterstützung, Verständnis und Rat, dass er sein Leben anders aufbauen kann. Er hatte das schon oft gehört. Aber erst in Kirgisistan fing er an, darüber nachzudenken.

Auch andere schwer erziehbare Jugendliche wurden nach Kirgisien geschickt - und durften dort gemeinsame Unternehmungen machen.
Auch andere schwer erziehbare Jugendliche wurden nach Kirgisien geschickt - und durften dort gemeinsame Unternehmungen machen.Foto: promo

Nach dem zweiten Jahr im Ausland entschied Gordon, dass er in Kirgisistan ein Haus kaufen und hier leben will. Aber er war erst 16 Jahre alt, und im Jugendamt in Deutschland wurde ihm gesagt, dass er warten sollte, bis er 18 ist. Dieses Verbot brachte Gordon wieder dazu zu rebellieren. Es begann alles wieder von vorn: Gordon wurde aggressiv, dieses Mal verbrachte er 4,5 Jahre im Gefängnis. Danach brauchte er noch einmal eine Weile, bis er schließlich verstand: Jetzt muss er aufhören.

Das hat Gordon schließlich zum Glück geschafft. Heutzutage hat er eine eigene Familie, er arbeitet in Deutschland als Brandschutztechnikhelfer und nach 10 Jahren träumt er noch immer davon, mit seiner Familie nach Kirgisistan zurückzukehren, um dort zu leben. Er erinnert sich an die Zeit in Kirgisistan mit warmen Gefühlen und sagt, dass er vor allem die Menschen tief in sein Herz geschlossen hat. Bis heute ruft sein Betreuer und Pflegevater Turat ihn zum Geburtstag an, um ihm alles Gute zu wünschen.

Dieser Text wurde geschrieben von Ekaterina Khvan, einer kirgisischen Austauschjournalistin, die zu Gast beim Tagesspiegel ist.

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