Welt : "Selige Witwen": Gerechtigkeit braucht Habgier

Heike Kunert

"Con la pazienza si vince tutto", sagt ein italienisches Sprichwort: Mit Geduld schafft man alles. Nicht jedoch, wenn man es wie Cora und Maja in Ingrid Nolls Krimi "Selige Witwen" auf ein feudales Landhaus in der Toskana abgesehen hat. Dass es eine Bedeutung haben muss, dass das Wort Erben philologisch schon im Sterben steckt, haben die beiden Freundinnen einst im Roman "Die Häupter meiner Lieben" bewiesen. Dort wurde ein männliches Problem unter den Terracottafliesen eines toskanischen Landhauses beseitigt. Und jeder Mann ist für Ingrid Noll eine potenzielle Leiche.

Die erfolgreichste deutsche Krimiautorin war mit 55 Jahren eine späte Debütantin. Kaum eines ihrer Opfer erreicht dieses Alter. Weil Cora und Maja, wie Noll selbst, praktische Frauen sind, ist Morden für sie so einfach, wie den Stöpsel aus der Wanne zu ziehen, ohne jedoch auf dem Trockenen sitzen zu bleiben. Doch bevor das Duo Infernale auf der sonnenüberfluteten Terrasse des ersehnten Landhauses sein Leben genießen kann, gilt es, noch ein paar Dinge in der Mainmetropole Frankfurt zu regeln. Dort nimmt die beiden Coras Vetter Felix in Empfang und quartiert sie in eine Studenten-WG ein. Bald darauf beschließt Cora, mit Felix ein paar Tage in Italien zu verbringen. Sie lässt Maja zurück, die sich zudem noch um Coras Großmutter kümmern muss. Von der nahm man an, sie sei so krank, dass es bald zur Testamentseröffnung kommen werde. So muss Maja Silberbesteck und eine Granatbrosche auf anderem Weg erwerben. In der WG lernt Maja Kathrin kennen, die nicht nur ein Motiv für den nächsten Mord bietet. Vielmehr ebnet sie Maja den Weg, um sich von der dominanten Cora zu emanzipieren.

In "Selige Witwen" geht es um gestohlene Bilder. Ingrid Noll, die das Studium der Kunstgeschichte und Germanistik zugunsten ihrer Familie aufgab, weiß noch sehr gut, dass Kunst Weglassen bedeutet. So wird der Besitzer der Bilder, ein dubioser Anwalt mit engen Verbindungen zum Rotlichtmileu, sanft aus dem Leben gedrängt. Wie in allen Romanen von Ingrid Noll ist der Mord unausweichlich: Die Frauen versuchen, sich endlich die Freiheit zu nehmen, die sie schon immer wollten.

Ingrid Noll, die sich einen Angsthasen nennt, erzählt in "Selige Witwen" vor allem die Geschichte zweier Freundinnen, die verschiedener nicht sein können. Ein Paradoxon macht sie zu mordenden siamesischen Zwillingen: Gerechtigkeit und Habgier. Liebhaber der Autorin werden jedoch vergeblich auf einen ausgetüftelten und sinnlichen Mord, wie den in der "Apothekerin" warten, in der ein Erbschleicher eine winzige Giftpille in die Zahnprothese seines Großvaters bohrt. Manche Handlungen überschlagen sich, manche Wendungen und Begegnungen sind alles andere als glaubwürdig. Und die Männer? Sind verliebte Trottel, die den Heldinnen eine Schulter zum Anlehnen oder ein Alibi unter der warmen Bettdecke bieten. Rasant geht es durch die Frankfurter Innenstadt, Innsbruck und Italien. Mordpläne werden schnell geschmiedet, und doch nimmt so manche Sentimentalität der ausgeführten Tat ihren Schrecken. Der schwarze Humor kommt gelegentlich an Krücken. Trotzdem: Mord ist, wenn man trotzdem lacht. Ingrid Noll misstraut jeder bürgerlichen Idylle und verleitet den Leser dazu, seine eigenen Leichen im Keller zu zählen. Bestraft wird niemand; man bringt ohnehin Verständnis für die mordenden Ladies auf. Was würde man nicht alles tun für eine Villa in der Toskana? In unserem Falle sei aber nochmals darauf hingewiesen: "Con la pazienza si vince tutto."

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