• Seuchen auf dem Vormarsch: Infektionskrankheiten fordern 17 Millionen Todesopfer jährlich - Ärzte richten Vorwürfe an die Pharmaindustrie

Welt : Seuchen auf dem Vormarsch: Infektionskrankheiten fordern 17 Millionen Todesopfer jährlich - Ärzte richten Vorwürfe an die Pharmaindustrie

Oliver Küch

17 Millionen Menschen sterben laut einem Bericht der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" jährlich an behandelbaren Infektionskrankheiten. Hauptgründe dafür sind nach der gestrigen Erklärung der Organisation, dass von der Pharmaindustrie nicht genügend Medikamente entwickelt werden, beziehungsweise bereits vorhandene Arzneien in Entwicklungsländern zu teuer sind. Obwohl Seuchen vor allem dort vorkommen, sind Infektionskrankheiten aber auch in westlichen Industrienationen ein Problem.

"Es gibt in den USA eine Zahl, nach der Infektionskrankheiten nach Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Todesursache sind", sagt Manfred Dietrich vom Bernhard Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Vor 30 Jahren habe man noch geglaubt, dass es zukünftig derlei Krankheiten nicht mehr geben werde - ein Irrtum. Im Gegenteil: "Es gibt immer mehr Infektionsarten", sagt Dietrich. So werde im Schnitt jährlich ein neuer Krankheitstypus erkannt.

Konkrete Zahlen darüber, wieviele tödliche Erkrankungen in Deutschland auf Infektionen zurückgehen, gibt es nach Auskunft von Ulrich Marcus vom Berliner Robert-Koch-Institut nicht. Stirbt ein Mensch zum Beispiel aufgrund einer Hepathitiserkrankung an einer Leberzirrhose, so Marcus, dann werde als Todesursache eine Lebererkrankung vermerkt. "Das ist ein Missstand", sagt Marcus. Dietrich sieht einen Weiteren: In Deutschland gibt es - anders als zum Beispiel in England - keine Spezialausbildung zu Infektionskrankheiten. Das werde in der Ausbildung der Studenten "vernachlässigt".

Beide Experten stimmen darin überein, dass aufgrund der guten Behandlungssituation in Deutschland die Situation unter Kontrolle sei. Neue Seuchenwellen erwarten sie nicht. Einzig bei der Tuberkolose-Resistenz habe man in Deutschland ein verstärktes Problem zu verzeichnen, was allerdings "Ausdruck des Imports" aus anderen Ländern wie Russland sei, wo die Krankheit oft nicht richtig behandelt werde, sagt Marcus.

Wesentlich katastrophaler ist die Situation in den Entwicklungsländern. Nach Aussage von "Ärzte ohne Grenzen" hat das nicht allein hygienische Gründe. Vielmehr sei es ein Problem der pharmazeutischen Industrie. Diese, so eine Sprecherin der Organisation, produziere lieber "Lifestyle-Medikamente" wie Haarwuchsmittel und ähnliches, mit denen sich mehr Geld verdienen lasse. Vorhandene Medikamente seien veraltet oder würden einfach nicht mehr produziert. Insgesamt gelangten nur ein Prozent der weltweiten Arzneiproduktion auf den afrikanischen Kontinent.

Dies empfindet Barbara Sickmüller vom Bundesverband für Pharmazeutische Industrie in Frankfurt als eine "sehr einseitige Sichtweise" der Dinge. "Dass die Pharmaindustrie wie alle anderen Geld verdienen will, ist doch normal", sagt sie. Sonst könnten auch keine neuen Medikamente entwickelt werden. Die Bemühungen der Pharmakonzerne, die viele Medikamente spendeten, sei insgesamt "ausreichend", sagte Sickmüller. Aber entsprechend einer Weltbankstudie erreichten nur 12 Prozent die Patienten. "Der Rest verschwindet auf dem Schwarzmarkt," sagt Sickmüller.

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