Welt : Sexualstraftaten: Der Kanzler weiß die Psychologen hinter sich

Bas Kast

Viel klarer kann ein Kanzler sich nicht ausdrücken. "Ich komme mehr und mehr zu der Auffassung, dass erwachsene Männer, die sich an kleinen Mädchen vergehen, nicht therapierbar sind", sagte Gerhard Schröder der "Bild am Sonntag". "Deswegen kann es da nur eine Lösung geben: Wegschließen - und zwar für immer." Wer sich so außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stelle, so der Kanzler aus Anlass des brutalen Mordes an der achtjährigen Julia, für den könne es nur die Höchststrafe geben: "lebenslänglich". Nie sei ein Rückfall zur Gewalt ganz auszuschließen. "Und deswegen gibt es nur ein Gebot: Die Kinder müssen geschützt werden."

Was wie ein populärer Kommentar zu einem hoch emotionalen Thema aussieht, stellt sich als eine Erkenntnis heraus, die von der neueren Forschung immer mehr Unterstützung erfährt. Auch Psychologen kommen mehr und mehr zu der Auffassung, dass Therapien in den meisten Fällen nicht greifen. Und unter amerikanischen Strafverfolgungsbehörden kursiert bereits die nihilistische Devise "nothing works" - nichts hilft.

Eine erst kürzlich vorgestellte Studie der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden weist in die gleiche Richtung. Sie hatte 780 Fallakten akribisch ausgewertet und kam dabei zu folgendem Schluss: Jeder fünfte Sexualstraftäter wird rückfällig. Noch höher ist die Rückfallquote bei Sexualtätern, die vom Gericht als besonders gefährlich eingestuft wurden und in psychiatrischen Kliniken untergebracht waren: Jeder vierte dieser Verbrecher hat nach der Entlassung wieder vergewaltigt, Kinder missbraucht oder andere, schwerwiegende Delikte begangen. Täter, die Kinder missbraucht hatten, so die Studie, erwiesen sich dabei als besonders schwer oder auch gar nicht therapierbar.

"Wenn man nach heutigem Wissensstand alle möglichen therapeutischen Strategien einmal gleichwertig behandelt und zusammenfasst", so das Fazit des Hamburger Sexualforschers Wolfgang Berner, "kann bei vorsichtiger Schätzung davon ausgegangen werden, dass durch die Therapie von Sexualstraftätern etwa acht von 100 möglichen Sexualdelikten verhindert werden können." Und der Psychologe Gordon Hall von der Kent State University meint: "Die verfügbaren Therapien besitzen offenbar bei den krankhaftesten Sexualstraftätern die geringste Wirkung."

Die Krankhaftesten. Die meisten Gewalttäter leiden, so Psychologen, an einer "Antisozialen Persönlichkeitsstörung". Drei Viertel aller Gefängnisinsassen sind durch eine solche Störung gekennzeichnet. Die Diagnose wird aufgrund der gewalttätigen Verhaltensgeschichte der Person bestimmt.

Eine kleine Untergruppe der Antisozialen aber sticht aus dem Gros der Gewalttäter deutlich hervor - es sind die "Psychopathen". Sie unterscheiden in mehrfacher Hinsicht von den Personen, die "nur" von einer antisozialen Persönlichkeit betroffen sind. Was ihnen in geradezu dramatischer Weise fehlt, ist Einfühlungsvermögen. Sie sind unfähig, Schuld oder Reue zu empfinden, sind egozentrisch, treten bestimmt auf, ja, sie können sogar außerst verführerisch sein. Töten sie, sind ihre Morde meist gut geplant.

Auf den ersten Blick können Psychopathen unauffällig wirken - wie der Nachbar von nebenan. Psychologen aber können sie mittlerweile gut identifizieren - mit Hilfe der so genannten Psychopathen-Check-Liste, die Robert Hare von der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver entwickelt hat. Die Checkliste ist ein Fragebogen, der die emotionalen Defizite der Psychopathen abklopft. Wer es bei diesem Fragebogen auf einen Wert von über 30 bringt, gilt als Psychopath im klinischen Sinne. Etwa ein Viertel der Gefängnisinsassen sind Psychopathen.

Die Trennung zwischen Antisozialen und Psychopathen ist mehr als theorethische Haarspalterei. Der "Psychopathenwert" sagt voraus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist. Je höher der Wert, umso größer die Gefahr, dass der Verbrecher nach der Entlassung zur Gewalt zurückzukehrt. Insgesamt liegt bei Psychopathen ein viermal höheres Risiko eines Rückfalls vor als bei "normalen" Verbrechern.

Hare konnte zeigen, dass bei Psychopathen tatsächlich eine grundlegende, emotionale Störung vorliegt. Bei einer Studie wurden Personen nach einem Countdown einem unangenehm lauten Geräusch ausgesetzt. Nach mehreren Versuchen werden normale Probanden schon beim Countdown nervös: Sie kommen buchstäblich ins Schwitzen, woraufhin ihr Hautwiderstand, den man mit Elektroden messen kann, sinkt. Bei Psychopathen bleibt der Hautwiderstand unverändert.

Neuere Versuche haben gezeigt, dass normale Personen mehr Zeit für das Erkennen emotional geladener Wörter wie "Töte", "verstümmeln" oder "Spaß" brauchen - im Vergleich zur Verarbeitung von neutralen Begriffen wie "Tisch" und "Butter". Psychopathen verarbeiten beide Begriffskategorien gleich schnell.

Auch im Hirn von antisozialen Persönlichkeiten liegt eine offenbare Veränderung vor. Adrian Raine von der Universität von Süd Kalifornien in Los Angeles untersuchte die Hirnanatomie von 21 Männern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung. Das Resultat: Der vordere Hirnbereich war um bis zu 14 Prozent geschrumpft.

Eine nachweisbare, biologische Basis von Verbrecherhirnen und die Tatsache, dass sich Therapien als äußerst schwierig erweisen, bedeutet allerdings nicht, dass das Verbrechen in den Genen liegt und damit unvermeidbar ist. Sexualstraftäter sind oft mit Gewalt aufgewachsen, Probleme begannen bereits in der Schule. Das soziale Umfeld hat auf unser Gehirn und Verhalten mindestens genauso viel Einfluss, wie es die Gene haben. Je mehr sich zeigt, dass eine späte Therapie wirkungslos ist, um so größer wird die Verantwortung der frühen Erziehung.

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